Über „Superjoden“, die „Yid Army“ und „Partisan*Rothschild“

Die neue Ausstellung im Jüdischen Museum Wien befasst sich mit jüdischer Identität im Fußballstadion und beeindruckt damit auch eine Fußballbanausin.

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Wie kamen die Farben zu den Klubs und auf die Fanartikel? Die Ausstellung erzählt davon. © JMW / Tobias de St. Julien

Was macht einen Fußballklub zu einem „jüdischen Klub“? Die Spieler? Die Funktionäre? Die Financiers und Sponsoren? Die Fans? Braucht es dazu überhaupt Juden und Jüdinnen? Und wie spielt Antisemitismus in die Fankultur mit hinein? Bis heute finden sich beispielsweise in Wien im öffentlichen Raum immer wieder Graffiti, auf denen die Austria als jüdischer Verein – und das durchaus im negativen Sinn – angeprangert wird. „Tod dem FAK“ ist da etwa zu lesen – das A wurde durch einen Davidstern ersetzt.

Als bekannt wurde, dass sich das Jüdische Museum Wien (JMW) in seiner neuen Ausstellung mit dem Thema Fußball befasse, sei die Erwartungshaltung vieler gewesen: Da werde die Hakoah im Mittelpunkt stehen, schilderte Museumsdirektorin Barbara Staudinger am Dienstag bei der Presseführung durch die Schau „Superjuden. Jüdische Identität im Fußballstadion“. Die Ausstellung, kuratiert von Agnes Meisinger und Staudinger selbst, verhandelt allerdings etwas ganz anderes: Wie sich jüdische Geschichte in die Gesamtgeschichte eingeschrieben hat.

Meisinger und Staudinger picken sich also genau nicht nur den einen jüdischen Fußballklub heraus (der aber natürlich in der Schau eingangs schon erwähnt wird), sondern sie sehen sich an, wie insgesamt fünf Klubs – zwei österreichische (First Vienna FC und FK Austria Wien) und drei internationale (FC Bayern München, Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspur FC) zum Attribut kamen, jüdische Klubs zu sein. Auch hier enttäuschen sie wohl die Erwartungshaltung mancher: Nein, es werden hier nicht einfach der Reihe nach alle jüdischen Spieler und Funktionäre porträtiert.

Die Wiener Austria, ein jüdischer Fußballklub. Das Jüdische Museum Wien klärt auf. © JMW / Tobias de St. Julien

Was die Schau – auch für eine bekennende Fußballbanausin wie mich – so interessant macht: Hier werden die Mechanismen aufgezeigt, wie Klubs, aber auch Fangruppen zu einer jüdischen Identität kommen, wie diese dann im Zusammenspiel mit rivalisierenden Fans in Antisemitismus ausarten kann, aber auch, dass in Zeiten der Globalisierung manche Fanattitüde befremdlich ist, die Klubs aber wenig Handhabe haben: Sie leben von den Fans, Verbote fallen da schwer.

Was ist gemeint? Die Heimstätte von Tottenham Hotspur befindet sich im Londoner East End, dort hatten sich um 1900 eine Gemeinde von Juden und Jüdinnen aus Osteuropa etabliert. So zog der Klub auch vermehrt jüdische Fans an. Antisemitismus war im 20. Jahrhundert auch in England präsent. Während der NS-Zeit kam es auch in London zu einem Anstieg judenfeindlicher Äußerungen, dabei bürgerte sich der abwertende Begriff „Yid“ ein. In den 1970er Jahren wurden Fans und Spieler von Tottenham Hotspur von gegnerischen Fand als „Yids“ und „Yiddos“ diffamiert. Daraufhin eigneten sich die Tottenham-Fans „Yids“ als Selbstbezeichnung an und nannten sich eben „Yids“ oder „Yid Army“, schilderte Meisinger.

Doch die Zeiten hätten sich geändert, betonte Staudinger. Wenn heute dann ein nichtjüdischer Fan, der, wie in vielen Ultra-Verbänden üblich, durchaus zu Gewalttätigkeit neige, laut „Yid“ brülle, könne das etwa israelische Touristen verstören. Der Klub bemühe sich daher, diesen Ausdruck hintanzuhalten – verbieten kann er es aber nicht. Am Ende sind die Fans eben doch die Könige im Fußball.

Stichwort Verstörung israelischer Besucher: Der Film „Superjuden“ – titelgebend für die neue Schau im JMW (zu sehen bis 14. Jänner 2024) – wurde von der in Amsterdam lebenden israelischen Filmemacherin Nirit Peled 2013 gedreht. Sie geht darin der Frage nach, warum sich Fans von Ajax Amsterdam den Beinamen „Superjoden“ angeeignet haben. Man kann sich die Dokumentation im Rahmen der Schau anschauen, und ja, da geraten auf der eigenen Wahrnehmungsebene Dinge schon gehörig durcheinander, wenn man da gewaltbereite Hooligans sieht, die sich Davidsterne tätowieren haben lassen und in Massen israelische Fahnen schwenken. Kritiker meinen: Diese Vereinnahmung führe auch zu Antisemitismus. Doch wie dem begegnen?

Tatsächlich stellt sich hier auch für mich die Frage: Wenn sich da auf einem Wiener Straßenzug FAK-Schriftzüge finden, deren A allesamt durch Davisterne ersetzt wurden, wie wird das dann gelesen? Von Rapid-Anhängern und -Anhängerinnen wohl „nur“ als Bashing des gegnerischen Vereins Austria. Wie aber nehmen das dann Menschen wahr, die mit Fußball und Fußballfankultur wenig am Hut haben? Da prangt dann also ein rasch hingesprayter Davidstern – und erinnert an historisch sehr dunkle Zeiten, etwa an jene Sterne, die mit weißer Farbe auf die Schaufenster von Geschäften von Juden und Jüdinnen geschmiert wurden.

 

Pins der „Yid Army“, 2022. © JMW / Tobias de St. Julien

 

Die Schau – in ihrer Architektur (Robert Rüf) einer Fankurve nachempfunden – wartet aber auch mit einigen sehr charmanten Objekten auf. Da ist etwa ein Austria-Fan-Schal mit der Aufschrift „Tempelfront Seitenstetten Boyz“ aus dem Jahr 2005 (zur Austria kommt übrigens auch der bekennende Austria-Fan und IKG-Präsident Oskar Deutsch zu Wort) oder ein T-Shirt der Vienna-Fangruppe „Partisan*Rothschild“. Dieses 2012 gegründete Fankollektiv griff auf die Gründungsgeschichte des Vereins zurück – und diese erzählt wiederum ein interessantes Stück Stadtgeschichte, das eben aufzeigt, das jüdische Geschichte mit der allgemeinen Geschichte gemeinsam erzählt werden muss – man kann sie nicht einfach herauslösen.

Wie der englische Fußball nach Wien kam.
Nathaniel Mayer Freiherr von Rothschild ließ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf der Hohen Warte eine große Garten- und Parkanlage errichten, die „Rothschildgärten“. Dazu ließ er britische Landschaftsgärtner nach Wien holen – und sie brachten den Fußball mit. Um die Gärten zu schützen, unterstützte er die Fußball Spielenden finanziell, damit sie einen Verein gründen und eine Wiese außerhalb seiner Parkanlage mieten konnten. So wurde 1894 die Vienna gegründet. Als Klubfarben wurden die Farben des Hauses Rothschild – blau und gelb – gewählt.

Auch später sorgten jüdische Funktionäre und Mäzene für den Aufstieg des Vereins. Sie ermöglichten und finanzierten das Stadion Hohe Warte. Dieses gehörte bei seiner Eröffnung zu den größten Stadien der Welt und fasste 80.000 Besucher und Besucherinnen, so Meisinger. Zählte man auch die auf den umliegenden Hängen Zusehenden, konnten sich bei einem Spiel hier an die 100.000 Menschen versammeln.

 

[…] dass jüdische Geschichte
mit der allgemeinen Geschichte
gemeinsam erzählt werden muss.

 

Der Vienna gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg mit Hans Menasse auch ein jüdischer Spieler an. Er gewann mit der Vienna 1955 die österreichische Fußballmeisterschaft und spielte zwei Mal auch im Nationalteam. Seine Geschichte ist insofern bemerkenswert, als Menasse (1930-2022) als Achtjähriger zusammen mit seinem Bruder Kurt mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht werden konnte. Dort spielte er vor seiner Rückkehr nach Österreich in englischen Regionalauswahlen und hatte sogar ein Angebot von Arsenal FC. In der öffentlichen Wahrnehmung galt Menasse jedoch als „der Engländer“, aber nicht als ein 1938 in Österreich verfolgter und von hier vertriebener Jude.

Bitter liest sich in diesem Kontext auch die Geschichte der Wohnung der Menasses in der Döblinger Hauptstraße: Sie wurde vom langjährigen Vienna-Verteidiger Karl Rainer enteignet („arisiert“) und bezogen. Rainer hatte zuvor schon ein Lederwarengeschäft in unmittelbarer Nähe in gleicher Weise an sich genommen.

Dass der erfolgreiche Fußballer Hans Menasse von den Nationalsozialisten verfolgt worden war, wurde medial durch die Bank totgeschwiegen. Beklemmend auch dieses Detail, nachzulesen im umfassenden Katalog zur Schau: „Hans Menasse erfuhr zudem auch erst 2019 im Zuge der Arbeit an seiner Biografie ‚The Austrian Boy‘, dass er bei der Vienna mit einem ehemaligen Funktionär der Hitlerjugend und mit den Söhnen eines hochrangigen NS-Funktionärs und ‚Ariseurs‘ zusammen gespielt hatte.“

Das Objekt, das mich persönlich am meisten beeindruckt hat: Ein von Wilhelm Viktor Krausz um 1900 gemaltes Porträt der Wiener Modeschöpferin und Kaufhausbesitzerin Ella Zirner-Zwieback (1878-1970), eines der ersten Ausstellungsstücke in dieser Schau. Was aber hatte sie mit Fußball am Hut? Sie ermöglichte durch ihre Finanzierung 1936 die Gründung der ersten Frauenfußballliga. Zwei Saisonen konnten hier Meisterschaften ausgetragen werden (begleitet von medialer Häme, aber dennoch, sie wurden ausgetragen). 1938 verboten die Nationalsozialisten den Frauenfußball. Es sollte in Österreich viele Jahrzehnte dauern, bis erst Anfang der 1970er Jahre wieder eine Meisterschaft ausgetragen wurde.

Und auch hier sind wir wieder bei der Gesamtgeschichte: Die Zäsur durch den Nationalsozialismus war enorm – das betrifft so viele gesellschaftliche Bereiche. Zarte Pflänzchen, die nicht nur, aber auch von Jüdinnen und Juden geschaffen oder ermöglicht wurden, wie eben der Frauenfußball, wurden von den Nazis für Jahrzehnte ausgerissen und ein neues Keimen verunmöglicht. Diese vergleichsweise kurze Periode von 1938 bis 1945 hat nicht nur so viel Leid über Juden und Jüdinnen und andere verfolgte Gruppen gebracht und dem Land einen bitteren Krieg beschwert. Sie hat Österreich auch gesellschaftlich um Jahrzehnte zurückgeworfen. An so scheinbar kleinen Dingen lässt sich das eindrucksvoll festmachen.

https://www.jmw.at/ausstellungen/superjuden

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