„Die Größe und das Ausmaß dieses Massakers übertreffen alles, was wir in Israel bisher erlebt haben“

Das Trauma des 7. Oktober stellt alle, die damit konfrontiert sind, selbst die erfahrensten Ärzte und Therapeuten, auf die Probe. Wie man in Israel damit umgeht und was helfen kann erzählt der israelische EMDR-Trauma-Therapeut Udi Oren.

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*EMDR
ist eine Art der Psychotherapie, die unter anderem mit bilateraler Stimulation arbeitet und sich besonders gut für Traumaarbeit eignet.
EMDR.org.il

Es ist schwer, einen Elternteil zu verlieren, aber es ist unsagbar schwerer, ein Kind begraben zu müssen. Und noch um einiges vernichtender, wenn der Tod plötzlich und gewaltsam herbeigeführt wurde. Wenn der Mord brutal, grausam und sadistisch war. Wenn der geliebte Mensch vergewaltigt, geschändet und durch die Straßen gezerrt wurde, damit alle sie oder ihn bespucken können. Wenn man die Leiche noch immer nicht identifizieren konnte. Wenn man nach über drei Wochen noch immer nicht weiß, was geschehen ist und wie das Kind ermordet wurde. Oder wurde es doch verschleppt? Und was, wenn es um zehn nahe Angehörige geht. Was, wenn man gerade einige Begräbnisse hinter sich hat und dann der Sohn eingezogen wird. Wenn man, nachdem man auf einer Party bis in die Morgenstunden getanzt hat, nach Stunden der Todesangst mit dem Leben davongekommen ist, der jüngere Bruder und die meisten Freunde aber gehetzt und erschossen wurden oder die Verlobte unter einem Leichenberg von jungen Leuten erstickt ist?

Diese und ähnliche Szenarien sind für tausende Menschen in Israel Realität. Manche haben „nur“ alles verloren und kamen mit den Kleidern am Leib davon. Bei anderen wurde der Großteil ihrer Familie auf schrecklichste Art ermordet und/oder sie müssen weiterhin mit der Ungewissheit leben, ob ein geliebter Mensch noch am Leben ist, wie es ihr oder ihm geht und ob sie ihn je wieder sehen werden. Oft kommt das Gefühl der Ohnmacht hinzu, das Gefühl, das Kind oder die Familie nicht genügend beschützt zu haben, kein Recht auf ein Weiterleben zu haben. 

Dann gibt es da noch die jungen Soldaten, die nach dem Gemetzel des 7. Oktober „aufräumen“ mussten, die ZAKA-Teams, die die Leichenteile einsammelten und trotz ihrer jahrelangen Erfahrung mit Terror und Anschlägen fassungslos waren, die Spezialisten in den Leichenhallen, die seit Wochen versuchen, die Reste der Toten zu identifizieren, die Teams von völlig überforderten und ausgelaugten Ärzten. Kinder und Jugendlichen, die bei jedem kleinsten Geräusch zusammenzucken, weil es sie an die täglichen Alarmsirenen oder an das Krachen der Explosionen erinnert. Die älteren Menschen, die sich wegen der Raketen gar nicht mehr aus dem Haus trauen. 

Eine psychische Ausnahmesituation erschüttert die gesamte israelische Gesellschaft, deren Aufarbeitung selbst die erfahrensten Psychologen, Trauer- und Traumatherapeuten auf  eine harte Probe stellt.

Trauma ist in den meisten Fällen ein einmaliges bedrohendes oder extrem schockierendes, unerwartetes Erlebnis, manchmal, wenn es beispielsweise um gewalttätige Familien geht, auch eine Folge solcher sich ständig wiederholenden beängstigenden Situationen, denen man sich oft hilflos ausgesetzt fühlt. Diese Erlebnisse und Situationen können Spuren im Körper, im Nervensystem und im Gehirn hinterlassen und das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Man spricht dann von PTSD posttraumatischer Belastungsstörung . Dafür gibt es mittlerweile einige recht effektive Therapien. 

Aber das Pogrom von 7. Oktober und seine Folgen stellen die Traumatherapeuten im Land vor immer wieder neue Herausforderungen. Menschen, die sich in den vorhin beschriebenen extremen Situationen befinden, zu behandeln, gehört in der Regel nicht zum Alltag eines Therapeuten. Wie kann man helfen, und wie wird man dabei nicht selbst traumatisiert?

Daniela Segenreich sprach dazu mit Dr. Udi Oren, klinischer Psychologe und Vorstand der Gesellschaft für EMDR-Trauma-Therapie in Israel.* 

Wina: Dr. Oren, die gegenwärtige Situation bringt viele neue Herausforderungen für die Gemeinde der Therapeuten und Psychologen mit sich. Was ist jetzt anders, und wie gehen die Traumatherapeuten damit um?
Udi Oren: Wir sind immer wiederkehrende Runden von Konflikt und Krieg gewohnt, haben viele horrende Ereignisse erlebt, aber das jetzt ist etwas anderes. Der 7. Oktober hat das subjektive Sicherheitsgefühl der Israelis hier im Land tief erschüttert. Wir wussten immer, dass etwas geschehen kann, wir haben Kriege, Intifada und immer wieder Terroranschläge erlebt, aber insgesamt gab es einen fundamentalen Glauben daran, dass wir als Zivilisten sicher und geschützt sind. Dieser Glaube, dieses Vertrauen hat am 7. Oktober tiefe Risse bekommen. Die Größe und das Ausmaß dieses Massakers übertreffen alles, was wir hier bisher gekannt haben. Die Brutalität und Grausamkeit erinnern an die der Nazi-Soldaten und an die Köpfungen und Gräueltaten, die ISIS durchgeführt hat.

Das Israel, wie wir es bisher gekannt haben, wird für lange Zeit geschädigt und verletzt sein. Noch nie hat es hier an einem Tag so viele Tote gegeben, noch nie wurden so viele Israelis verschleppt. Zigtausende Zivilisten haben ihr Heim verloren oder sind evakuiert worden, es herrscht ein Gefühl von „Dysfunktion“ und von Unsicherheit über die Entwicklung dieses Kriegs. Das alles führt dazu, dass wir mit der Situation bisher nicht so gut umgehen konnten wie in vergangenen Runden von Krisen. Die Menschen sind sehr betroffen, deprimiert, angstvoll und/oder wütend. Und sie hängen noch mehr als sonst an den Nachrichten, an den iPhones und an den Meldungen und Videos in den sozialen Medien. Diese Sucht nach Information hat ihren Preis und richtet auf psychologischer Ebene oft großen Schaden an (indem sie all diese Gefühle immer wieder neu aufheizt und zu weiteren Traumatisierung beiträgt).

Die meisten der Aktivisten der Demonstration gegen die Regierung stecken jetzt ihre ganze Energie in die nötigen Hilfeleistungen für die Soldaten, betroffenen Familien und Kibbuzim. Und Tausende kommen dazu, um zu helfen.

Doch die israelische Gesellschaft funktioniert oft gerade in Krisenzeiten am besten. Während die Regierung noch dabei ist, sich zu organisieren, ist das, was die Bevölkerung hier tut, um zu helfen, die Volontärarbeit und die Unterstützung, die sie auf die Beine stellt, schier beeindruckend. Dieser Wille, etwas beizutragen, ist unglaublich. Die meisten der Aktivisten der Demonstration gegen die Regierung stecken jetzt ihre ganze Energie in die nötigen Hilfeleistungen für die Soldaten, betroffenen Familien und Kibbuzim (sie bearbeiten und ernten die verlassenen Felder im Süden, organisieren Hilfspakete und Nahrungsmittel für die Flüchtlingsfamilien und vieles mehr). Und Tausende kommen dazu, um zu helfen. Israelis fliegen aus dem Ausland zurück, um ihrem Land in dieser Krise beizustehen, zu kämpfen oder zu volontieren. 

Auch viele hunderte Therapeuten und Psychologen volontieren – in den Hotels, wo die evakuierten Familien untergebracht sind, mit Überlebenden des Massakers, mit Angehörigen der Ermordeten und der Geiseln, mit spezifischen Gruppen, wie den Polizisten, Soldaten und ZAKA-Leuten, die die Leichen und Leichenteile wegbringen mussten … In der Gruppe der EMDR-Therapeuten haben wir den Umfang der Ereignisse schnell erkannt und rasch gehandelt. Gleich in den ersten Tagen nach dem 7. Oktober haben wir uns organisiert und mittels kostenloser Zoom-Gruppen und Einzeltherapien mit den Überlebenden des Festivals im Süden zu arbeiten begonnen, haben versucht, Kontakte mit den Hotels im Zentrum des Landes zu knüpfen, um Erstinterventionen mit den betroffenen Familien zu machen, die dort vorübergehend untergebracht sind. 

Daneben halten wir wöchentlich zahlreiche Gratis-Seminare und Supervisionen zur Unterstützung unserer Mitglieder sowie zur EMDR-Ausbildung für Therapeuten im Allgemeinen. EMDR-Therapie bietet wichtiges Know-how zu Interventionen in akuten Traumasituationen, und wir passen unsere Therapiearbeit laufend an die momentane Situation an. Zurzeit volontieren wir vor allem und halten beispielsweise Gruppen für die nahen Angehörigen von eingezogenen Soldaten und für die vorhin erwähnten betroffenen Berufsgruppen. 

„Das Israel, wie wir es bisher gekannt haben, wird für lange Zeit geschädigt und verletzt sein.“ Udi Oren

Wir passen unsere Arbeit ständig an die neuen Anforderungen an. Im Moment machen wir vor allem Kriseninterventionen, versuchen zu stabilisieren und vorhandene Ressourcen zu stärken. Erst dann gehen wir zu konventionellen Arbeitsmethoden von EMDR über. Dabei arbeiten wir sehr fokussiert, manchmal zuerst nur an einem kleinen, nicht so beängstigenden Detail des Traumas.

Israelische Ärzte und Therapeuten sind aufgrund ihrer Erfahrung mit Krisen und Kriegen oft unter den ersten, die in den Krisengebieten auf der Welt helfen, sei es in der Ukraine oder nach großen Erdbeben oder andere Naturkatastrophen. Jetzt sind wir auf der „anderen Seite“ – erhalten wir Hilfe von Therapeuten aus anderen Ländern?
Wir haben viel Unterstützung von Einzelnen und von Organisationen aus der internationalen Gemeinde der Traumatherapeuten erhalten, und das fühlt sich gut an. Der Gründer der SE-Körpertherapie, Peter Levine, und der Vorsitzende der türkischen EMDR-Gesellschaft, Emre Konuk, haben Vorträge und Workshops zur Arbeit mit akuten Traumasituationen gehalten und ihre Erfahrung mit uns geteilt, ebenso Anna Gomez, eine führende EMDR-Therapeutin in der Arbeit mit Kindern. Viele andere haben ihre Hilfe angeboten oder gespendet, einige arbeiten derzeit mit fremdsprachigen Betroffenen in Israel.

Was Sie vorher beschrieben haben, deutet auf unsere Resilienz hin. Welche Rolle spielt dabei unsere Vergangenheit? Sind wir durch frühere Traumata „abgehärtet“, oder kommt es da eher leichter zu einer Retraumatisierung?
Ich will da keine Vergleiche anstellen, aber die Menschen in Israel sind im Generellen stark, und Krisen und schwierige Situationen holen das Beste aus ihnen heraus. Wir haben noch eine schwere und herausfordernde Zeit vor uns, aber der Glaube an dieses Land ist noch immer groß. Natürlich sind da auch diejenigen, die deprimiert oder ängstlich sind, und diejenigen, die ihre Kinder genommen und das Land verlassen haben. Aber insgesamt ist da das Gefühl, dass wir es schaffen werden. Wie es auch überall, auf allen Billboards und Postern zu lesen ist: Gemeinsam werden wir siegen! 


TIPP:

Was in Krisenzeiten hilft: 

  • Eine tägliche Routine aufrechterhalten
  • Das Gefühl, hilfreich sein zu können
  • Regelmäßiger Sport, Bewegung
  • Soziale Kontakte, Austausch mit Freunden und Familie, auch wenn man keine Lust darauf hat
  • Das Einschränken der Zeit, die man an den Nachrichten „hängt“, und das Vermeiden der horrenden Videos in den Social Media
  • Eines der wichtigsten „Werkzeuge“ zur Beruhigung und zum Loswerden von negativen Gefühlen und Ängsten ist das Atmen. Im Internet, etwa auf YouTube, gibt es viele Videos mit Atemübungen und Anweisungen, wie man seinen Atem zu diesem Ziel einsetzen kann. Auch Meditation oder meditative Bewegung ist hilfreich und beruhigend. 
  • Take it easy – seien Sie verständnisvoll mit sich selbst. In extremen Stresssituationen funktionieren wir einfach nicht so gut wie sonst. Es können beispielsweise Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen auftreten, und auch Depressionen können die Folge von Trauma oder Belastung sein.

 

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