Verbotene Liebe unter dem Hakenkreuz

Der Frage, wie Stars in der NS-Zeit mit ihren jüdischen Partnern umgingen, geht Evelyn Steinthaler in ihrem jüngsten, faszinierenden Buch nach.

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Evelyn Steinthaler. Kämpften sie um ihre Liebe, oder gaben sie diese um der Karriere willen auf? © Manfred Weis/K&S Verlag

Kann denn Liebe Sünde sein?“, fragte singend und mit verrauchter Stimme Zarah Leander im Film Der Blaufuchs im Jahr 1938. Nicht nur sie, auch der Textdichter Bruno Balz wussten zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ab 1935 mit Inkrafttreten der „Nürnberger Gesetze“ die Liebesbeziehungen zwischen Juden und Nichtjuden nicht nur verboten waren, sondern konsequent verfolgt wurden. Solche Verbindungen galten als „Rassenschande“. „Bereits ab 1933 versuchte der deutsche Staat, Einfluss auf die Partnerwahl seiner Bürgerinnen und Bürger zu nehmen“, schreibt Evelyn Steinthaler in ihrem jüngsten Buch Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein: Stars und die Liebe unter dem Hakenkreuz. „Beziehungen, die auf romantischer Liebe basierten, versuchte man durch ideologisch genehme Partnerschaften zu ersetzen: Nazideutschland verlangte nichts außer der Liebe zwischen Mann und Frau, und diese nur zwischen Angehörigen ‚deutschen Blutes‘ und ‚artverwandten Blutgemeinschaften‘.“

Evelyn Steinthaler:
Mag’s im Himmel sein, mag’s
beim Teufel sein.
Kremayr-Scheriau 2018,
224 S., € 22

Steinthaler beschäftigen mehrere Fragen: Welchen Schikanen des NS-Kulturbetriebs waren jene Liebespaare ausgesetzt, die interkonfessionell oder, wie es in der NS-Diktion hieß, „gemischtrassig“ verheiratet oder liiert waren? Kämpften sie um ihre Liebe, oder gaben sie diese um der Karriere willen auf?
Der Autorin, Jahrgang 1971, ist etwas Außergewöhnliches gelungen: Anhand von vier berühmten Künstlerpaaren zeichnet sie äußerst fair die Bandbreite menschlichen Handels in diesen gnadenlosen Zeiten auf. Sie bringt Beispiele dafür, dass differenziertes Verhalten sehr wohl möglich war, und erzählt, welchen Weg schlussendlich die Porträtierten gewählt haben. So grundverschieden die Menschen waren, so nuanciert gegensätzlich fielen auch ihre Reaktionen aus: Es sind die Geschichten von egozentrischen Künstlern und liebenden Frauen, die nach dem damals gängigen Rollenbild lebten und deshalb oft auf eigene Karrieren verzichteten; von Anpasslern und Wegduckern, die anfänglich zu den Gewinnern gehörten und am Ende meist gebrochen zurückblieben.
Die Kärntner Kommunikationswissenschaftlerin reiht die Paar-Lebensgeschichten nach deren politisch-persönlicher Haltung ein: Obwohl Steinthaler keine moralische Wertung aus heutiger Sicht vornimmt, sondern, im Gegenteil, reichlich Empathie für die Dilemmata der Porträtierten aufbringt, beginnt sie mit den positiven Beispielen und präsentiert ansteigend jene Protagonisten, die in ihrem Handeln zusehends erratischer und unsympathischer werden. Als positives Vorbild dient die Wiener Sängerin Lotte Lenya, die 1935 mit dem Komponisten Kurt Weill, Sohn eines jüdischen Kantors aus Dessau, ins gemeinsame Exil nach New York ging. „Sie waren damals noch immer eines der berühmtesten Ehepaare Europas und zwei Menschen, die sich trotz zeitweiliger emotionaler Entfremdung verbunden und vertraut geblieben waren“, erzählt Steinthaler. „Keinen Moment lang hatte sich das Paar eine mögliche Unterwerfung überlegt. Für andere mochte es denkbar sein, aber Weill und Lenya, die in ihrer künstlerischen Arbeit in der Weimarer Republik stets eindeutig politische Position bezogen hatten, war es klar, wohin der Terror des Nationalsozialismus führen konnte.“ Lenya, das arme Mädel aus Penzing, teilte trotz etlicher Liebeseskapaden schlussendlich doch ihr Schicksal mit Weill. „Auf großzügige Weise blieben sie unzertrennlich“, beschrieb es ein Biograf der beiden.
Joachim Gottschalk, ein Publikumsliebling, den die Kritik damals „Deutschlands Clark Gable“ nannte, hielt dem Druck der Nazis nicht stand: Am 7. November 1941 ging er mit Frau und Sohn in den Tod. 1931 hatte er seine Schauspielkollegin Meta Wolff geheiratet, eine Jüdin, die sich ihm zuliebe evangelisch taufen ließ. Doch bereits drei Jahre später braucht Gottschalk, der „jüdisch Versippte“, die „Sonderauftrittserlaubnis des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“, um in Frankfurt auftreten zu können. Bis Anfang 1938 klappte das noch, dann geriet der für Kultur zuständige Propagandaminister Goebbels in Rage: Gottschalk sei einer „raffinierten Jüdin“ hörig geworden. Trotzdem bietet er Gottschalk an, die Familie, nach einer Scheidung, in die Schweiz gehen zu lassen. Gottschalk lehnt ab; Meta Wolff schreibt vor dem gemeinsam Freitod an eine Freundin: „Um uns musst du nicht trauern, du weißt, wir sind glücklich.“

Albers, Rühmann und ihre jüdische Frauen. Zwei der bekanntesten Filmstars, die mit ihrer künstlerischen Arbeit die propagandistischen Ziele des NS-Regimes stützten, waren Hans Albers und Heinz Rühmann. Während Albers’ Erscheinung das Idealbild des arischen Mannes – groß, blond, blauäugig und schneidig – erfüllte, stand Heinz Rühmann sinnbildlich für den biederen, braven Kumpel; er war das Spiegelbild des „kleinen Mannes“. Beide hatten jüdische Frauen, die wesentlich zu ihrer Karriere beigetragen hatten, trotzdem gingen sie sehr unterschiedlich mit den Anforderungen der Nazibonzen um. „Heinz Rühmann behauptete zwar nach dem Krieg, unter Zwang gehandelt zu haben und ein höchst unpolitischer Mensch gewesen zu sein“, so Steinthaler. „Er ließ sich aber mit Hitler fotografieren, drehte einen privaten Film für Goebbels und besuchte dessen Empfänge.“ Nach dem Krieg bedauerte er lediglich, dass er die Not und Bedrohung seiner ersten Frau, Maria Bernheim, nicht früh genug ernst genug genommen hatte.
Hans Albers hingegen war bemüht, seine große Liebe zu schützen. Die jüdische Schauspielerin Hansi Burg stammte aus einer angesehenen Künstlerfamilie und hatte wesentlich zu seinem Aufstieg in den 1920er-Jahren beigetragen. Goeb­bels hatte durch Spitzel erfahren, dass die Trennung des Paares nur für die Öffentlichkeit inszeniert war, denn die beiden lebten weiterhin zusammen. „Um die NS-Elite zu befriedigen, sorgte Albers mit seinen Filmen nicht nur für Unterhaltung, sondern auch für unmissverständliche Propaganda“, weiß Steinthaler, die auf umfangreiche Recherchen in zahlreichen Archiven und Bibliotheken verweist. „Aber Albers war ein großer Zyniker, fühlte sich als bestbezahlter Ufa-Star unverzichtbar und brüskierte Goebbels mehrfach. Er erschien weder zu seiner eigenen Preisverleihung durch den Minister, noch machte er bei Wunschkonzerten für die Wehrmacht mit, wie Marika Rökk oder Heinz Rühmann.“
Doch auch für Albers und Burg wurde die Lage zunehmend heikler und schwieriger, daher heiratete Hansi den Norweger Erich Blydt, wodurch sie norwegische Staatsbürgerin wurde. Sie konnte nach England fliehen und kam erst nach acht Jahren wieder zurück. Warum kommt Albers besser weg als die anderen Karrieristen? „Ich muss gestehen, dass ich bei meiner Großmutter einige Filme mit Hans Albers gesehen habe, und sie meinte, er wär’ einer von den ,Guten‘ gewesen. Das machte mich neugierig, daher habe ich sehr viel über ihn gelesen. Mein Resümee: Er war nicht so gut, aber doch nicht so schlecht wie die anderen.“ Albers, der immer gerne trank, wurde nach der Flucht Hansis zum echten Alkoholiker. Hansi wurde im Exil morphiumsüchtig.
Evelyn Steinthaler, die auch als Übersetzerin, Moderatorin und Biografin tätig ist, verfasste bereits 2008 das Buch Frauen 1938 und im gleichen Jahr den City-Guide Jüdisches London. Woher kommt das Interesse an diesen Themen? „ Ich konnte mich nie mit dem Vertuschen und Vergessen in unserem Land abfinden. Ich habe auch nicht vor, mich daran zu gewöhnen“, betont Steinthaler, die derzeit eine Ausbildung zur pädagogischen Vermittlerin an der Gedenkstätte Mauthausen absolviert. Stark geprägt wurde ihr Bewusstsein durch die Großmutter, die ihr schon früh von deportierten Klagenfurter Juden erzählte und wo in Klagenfurt die Gestapo untergebracht war. „Es geht noch immer darum, die Gräuel aufzuarbeiten. Es ist noch immer nicht alles gesagt. Noch immer nicht alles festgehalten.“
Nach den Recherchen in London entstand 2011 die Biografie „Morgen muß ich fort von hier. Richard Tauber. Die Emigration eines Weltstars, 2015 erschien das Buch Wien 1945. „Für diese Publikation habe ich verschiedene vergessene Zeitdokumente in Archiven ausgegraben, und neben Vilma Neuwirth, Käthe Sasso und Richard Wadani durfte ich auch mit Rudi Gelbard über seine Erinnerungen an das Jahr 1945 sprechen.“

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