Wien, Wiener, am Wienersten

Wer gehört zu Wien und wer nicht? Droht die Stadt ihren Charakter zu verlieren? Ab wann ist man ein „echter Weaner“? Fragen wie diese hörte man im Wahlkampf 2020 immer wieder. Die Themen Zuwanderung und Integration dominieren verlässlich die politische Agenda – selbst in einem Jahr, in dem doch eigentlich die Bekämpfung der Corona-Pandemie mit ihren drastischen ökonomischen und sozialen Auswirkungen im Fokus der Stadtpolitik stehen müssten. Tatsächlich ist der Kontroverse um Zuwanderer und um die Wiener „Identität“ schon viele Generationen alt, das Thema gehört zum fixen Bestandteil der Stadtgeschichte.

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Der Blick in die Vergangenheit zeigt allerdings auch, wie positiv sich Neuankömmlinge in die Stadtentwicklung der vergangenen 200 Jahre eingebracht haben: Migranten und ihre Nachkommen haben die imperiale Residenzstadt mitaufgebaut, sie prägten Kultur, Staat und Gesellschaft. Sie haben Wien zum Glänzen gebracht. Bei vielen Persönlichkeiten, die längst zum Inventar der Stadt gehören, ist der Migrationshintergrund kaum bekannt: Die Eltern des Komponisten Franz Schubert (1797–1828) etwa waren aus Böhmen und Schlesien zugewandert. Die Pazifistin, Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843–1914) kam in Prag zur Welt. Der berühmte Ökonom Ludwig von Mises (1881–1973) wurde in eine jüdische Familie in Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, hineingeboren. Und der legendäre Wiener Dramatiker und Volksschauspieler Johann Nestroy (1801–1861) hatte tschechische Wurzeln, sein Großvater hieß František Nestruj. Ebenfalls aus Böhmen kam der Jurist Carl Joseph Pratobevera (1769–1853), der unter anderem einer Kommission angehörte „zur Regulierung der Emigrationsfreiheit“ von Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft. Pratobeveras Sohn Adolph wurde Justizminister des Kaisers. Aus Mähren stammte die bekannte Schriftstellerin Marie Ebner von Eschenbach (1830–1916). Auch aus Südosteuropa kamen Menschen nach Wien. Stergios Dumba (1794–1870) wanderte aus Griechenland ein, er wurde mit dem Handel von Baumwolle reich. Sein Sohn Nikolaus Dumba (1830–1900) förderte Künstler wie Gustav Klimt und Hans Makart, er forcierte auch den Bau des Musikvereinsgebäudes und stand dem Wiener Männer-Gesangverein vor, für den Johann Strauss (Sohn, 1825–1899) den Walzer An der schönen blauen Donau komponierte – Österreichs heimliche Hymne. Die Familie Strauss wiederum stammte väterlicherseits aus Ungarn, der Großvater des Radetzky-Marsch-Komponisten Johann Strauss (Vater, 1804–1849) war als Jude in Budapest geboren worden. Der Kaffeehändler und Lebensmittelunternehmer Julius Meinl I. wanderte aus einem westböhmischen Ort ein. Die Aufzählung von Wiener Persönlichkeiten mit Migrationshintergrund ließe sich noch lange fortsetzen.
Manche Neuankömmlinge reisten als Künstler und Gelehrte in Wien an, andere flüchteten vor Krieg und Verfolgung oder wurden als billige Arbeitskräfte gerufen. Sie kamen aus Böhmen, Schlesien und Galizien, aus Italien. Sie kamen aus Rumänien, vom Balkan und aus Griechenland. Meist waren es Menschen, die in Wien auf ein besseres Leben hofften. Viele von ihnen waren jüdisch.

Die Aufzählung von Wiener Persönlichkeiten
mit Migrationshintergrund ließe sich
noch lange fortsetzen.

Seit Menschengedenken gibt es Wanderungsbewegungen überall auf dem Globus. Wien war ein Ort, der aufgrund seiner zentralen geografischen Lage im Herzen Europas auf besondere Weise für viele zum Zielpunkt wurde. Zur europäischen Metropole wurde die Stadt in der Ära Franz Joseph I., dem legendären Habsburger-Kaiser. 1848, zwei Jahre nachdem er den Thron bestiegen hatte, lag die Einwohnerzahl bei etwa 550.000 – als der Monarch 1916 starb, lebten mehr als viermal so viele Menschen in Wien. In die Ära des Herrschers fiel die Industrialisierung und, damit einhergehend, die rasante Entwicklung der Massenmobilität durch den Eisenbahnbau. Migration innerhalb des Habsburger-Reichs bedeutete nun nicht mehr Wanderschaft, die Wochen oder gar Monate dauern konnte. Nun reichte eine Fahrkarte nach Wien.
Die größte Gruppe der Zuwanderer stammte aus dem heutigen Tschechien und der Slowakei. Zumeist verdingten sie sich als einfache Arbeitskräfte bei der Errichtung der hochherrschaftlichen Bauten Ringstraße. Die Arbeit war schwer und unverschämt mies entlohnt, die Arbeitstage dauerten mehr als 12 Stunden, auch Kinder mussten helfen, die Sterblichkeit war hoch. „Ziaglbehm“ und „Sandler“ wurden sie abfällig genannt, die Mörtelmischerinnen „Maltaweiber“. Die Zahl der Arbeiter aus Böhmen, Mähren und der Slowakei in den Ziegelbrennereien, Lehmgruben und anderen in der Industrialisierung in und rund um Wien entstandenen Betrieben war immens. Um die Jahrhundertwende stellten sie etwa ein Viertel der Bevölkerung. Wien war – nach Prag – die zweigrößte tschechische Stadt. Die Arbeiter lebten in menschenwürdigen Zuständen, sie wurden von den Fabrikanten erbarmungslos ausgebeutet. Die Zeitzeugin Marie Toth (1904–2006), deren ganze Familie Anfang des 20. Jahrhunderts den Baustoff für die Monarchie fertigte, notierte in ihrer Autobiografie, die Ziegelarbeiter seien die „schlechtbezahltesten Menschen von Wien“ gewesen.

© 123RF (ANNA GRIGORJEVA)

Victor Adler (1852–1918) beschrieb das Elend in mehreren investigativen Reportagen. 1888/89 gründete er die Sozialdemokratische Partei Österreichs – und wurde 1918 zu einem der Väter der österreichischen Republik. Adler kam aus dem deutschsprachigen jüdischen Bürgertum Böhmens, das mit Persönlichkeiten wie den Publizisten Franz Werfel, Friedrich Torberg, Karl Kraus Wien vor und nach dem Ende der Monarchie mitprägte. Doch nicht nur Literaten wurden aus diesem Personenkreis bekannt. Schon zuvor trugen Persönlichkeiten aus dem heutigen Tschechien und der Slowakei zur positiven Entwicklung der Hauptstadt bei. Der in Pilsen geborene Unternehmer Isaak Löw Hofmann (1759–1849) etwa implementierte in Österreich die Seidenraupenindustrie und wurde vom Kaiser zum Edlen von Hofmannsthal geadelt wurde. Sein Nachfahre Hugo von Hofmannsthal (1974–1929) prägte später die Wiener Moderne. Der in Prag geborene Ignaz Kuranda (1811–1884) wirkte als Publizist und liberaler Politiker im Wiener Stadtrat und im Niederösterreichischen Landtag, er wurde sogar Ehrenbürger der Stadt. Eine große Rolle spielte Kuranda beim Zustandekommen der Dezemberverfassung von 1867. Als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens kämpfte er gegen den immer stärker werdenden Antisemitismus.

Die Zahl der Arbeiter aus Böhmen, Mähren und der Slowakei in den Ziegelbrennereien, Lehmgruben und anderen in der Industrialisierung in und rund um Wien entstandenen Betrieben war immens.

Der Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1844–1910) gehörte zu den schlimmsten Wortführern der Antisemiten. Auch die tschechischen Ziegelarbeiter trafen damals Feindseligkeiten, doch Lueger spielte bewusst die Minderheiten gegeneinander aus und fokussierte den Hass auf die Juden.
In den Jahrzehnten vor und nach dem Ersten Weltkrieg stieg der Bevölkerungsanteil der jüdischen Bevölkerung Wiens stark an. Aus den östlichen Ländern der Monarchie kamen nun viele, oft im Familienverband, aber nahezu ohne Mittel. Die meisten ließen sich im zweiten Bezirk nieder, in der Leopoldstadt. Während des Ersten Weltkriegs setzte eine große Fluchtbewegung nach Wien ein, denn die russischen Armeen rückten anfangs auf das Terrain des ungarischen Reichsteils vor. Etwa 200.000 meist jüdische Menschen suchten damals Schutz in der Hauptstadt, bis zu 30.000 von ihnen blieben nach Ende des Krieges in Wien, manche kamen wieder. Der Schriftsteller Joseph Roth (1894–1939) hat die schwierige Lage der osteuropäischen Juden Wiens 1927 in einem Text geschildert. „Es gibt kleine Wohnungen, in denen sechsköpfige Familien wohnen“, notiert er, „es gibt kleine Herbergen, in denen fünfzig, sechzig Leute auf dem Fußboden übernachten.“ Es gäbe kein schwereres Los als das eines „fremden Ostjuden in Wien“. Hass der Antisemiten schlug diesen Neuankömmlingen entgegen und Schikanen der Polizei, aber laut Roth auch Ablehnung der alteingesessenen und schon früher zugewanderten Juden. „Ihre Vettern und Glaubensgenossen, die im ersten Bezirk in den Redaktionen sitzen, sind ‚schon‘ Wiener, und wollen nicht mit Ostjuden verwandt sein und gar verwechselt werden.“ Möglicherweise bezog Roth das auch auf sich selbst – er stammte aus einer galizisch-jüdischen Familie. Der Autor des Radetzkymarsches beobachtet aber auch noch einen anderen Aspekt: wie sich die zweite Generation der jüdischen Zuwanderer mit enormem Fleiß in der neuen Heimat hocharbeitet. „Die Jungen sind die begabtesten Anwälte, Mediziner, Bankbeamten, Journalisten, Schauspieler.“
Eine junge Jüdin, die damals Karriere machte, war die Medizinerin und Psychoanalytikerin Helene Deutsch, geborene Rosenbach (1884–1982). Die im polnischen Przemysl geborene Studentin suchte sich an der Uni Wien einen besonders berüchtigten Antisemiten und Frauenfeind als Prüfer aus. „Er feuerte seine Fragen ab, ohne mich anzusehen“, erinnerte sie sich später, „und redete mich mit ‚Herr Rosenbach‘ an. Nachher fragte er mich überrascht, wie ich es geschafft hätte, mich so gut vorzubereiten.“
Trotz der Anfeindungen blühte in der Zwischenkriegszeit das jüdische Leben in Wien. Ein Zugewanderter wie der in Mähren geborene Psychoanalytiker Sigmund Freud erhielt endlich eine Professur, Patienten reisten aus den USA an und verbreiteten seinen Ruf in der Welt. Der im ungarischen Pest geborene Felix Salten schrieb seinen Roman Bambi, der ebenfalls ungarischstämmige Kabarettist Karl Farkas sang und tanzte auf der Bühne mit seinem Programm Wien lacht wieder.
Viele tschechischstämmige Wiener übersiedelten in die 1918 neugegründete Tschechoslowakei, viele von ihnen blieben aber auch in der Stadt. Der in Ostböhmen geborene brillierte als Matthias Sindelar bei der Wiener Austria. Aus dem Arbeiterkind aus Favoriten wurde der beste österreichische Fußballspieler und einer der besten Kicker Europas seiner Zeit, auch wenn ein dunkler Schatten auf seinen Ruf fällt: Nach dem „Anschluss“ 1938 kaufte er ein für einen Spottpreis von einem jüdischen Wiener abgepresstes Kaffeehaus. Wenig später starb Sindelar, vermutlich durch Suizid.

Bislang wurde keine Zuwanderungsgruppe
von der Mehrheit der bereits ansässigen Wiener,
vorbehaltlos mit offenen Armen empfangen.

Als sich Österreich Hitler-Deutschland anschloss, begann überall im Land eine Welle der Entrechtung, Beraubung und Verfolgung der jüdischen Bürger. Die nichtjüdischen Österreicher waren bei diesen beispiellosen Verbrechen oft aktiv beteiligt, die meisten ließen es einfach geschehen – und profitierten von den „Arisierungen“. Einige wenige haben geholfen. Etwa 125.000 Juden verließen ihr Wien bis Kriegsbeginn. 1941 wurde die Auswanderung verboten, der systematische Völkermord an den europäischen Juden begann. Die NS-Schergen brachten mehr als 65.000 jüdische Wiener in Auschwitz, Sobibór und anderen Mordstätten um.
Nach Kriegsende kamen nur wenige überlebende Wiener Juden dauerhaft zurück. Stattdessen kamen Zehntausende deutschsprachige Flüchtlinge aus den Ostgebieten in die besetzte und geteilte Hauptstadt, darunter auch eine Großmutter des heutigen Bundeskanzlers Sebastian Kurz, die mit ihrer Familie aus der heute großteils serbischen Region Batschka nach Wien kam. Wirklich willkommen waren die Neuankömmlinge damals ebenso wenig wie später die Opfer kommunistischer Repression, die nach Wien kamen, etwa 1956 nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes oder 1968 nach dem Ende des Prager Frühlings. Zwei bekannte Persönlichkeiten – der ungarische Publizist Paul Lendvai und der tschechische Schriftsteller Pavel Kohout – wurden auf diese Weise Wiener.

©Jorge Royan, Wikipedia

Keine offenen Arme. In den Sechzigerjahren begann die Anwerbung von „Gastarbeitern“ vor allem aus Jugoslawien und der Türkei. Gerade Wien wurde auch für Menschen aus anderen Ländern zur neuen Heimat: Aus dem Irak wanderte etwa der Vater der Wiener Journalistin Leila Al-Serori (* 1987) ein, die mit ihren Kollegen von der Süddeutschen Zeitung die Ibiza-Affäre enthüllte. George Alaba kam aus Nigeria nach Wien und studierte an der Wirtschaftsuniversität – mit seiner aus von den Philippinen stammenden Frau Gina wurde er Vater von David Alaba (* 1992), einem der erfolgreichsten österreichischen Fußballspieler aller Zeiten.
Nach dem Zerfall Jugoslawiens und den damit einhergehenden Kriegen kamen in den der Neunzigerjahren zahlreiche Menschen aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo nach Wien, darunter während des Bosnienkriegs die Familie der heutigen Justizministerin Alma Zadić (*  1984).
Dem statistischen Jahrbuch von 2018 zufolge hat die Wanderungsbilanz im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts mit einem Plus von 155.000 Personen in etwa dieselben Dimensionen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Zuge der Flüchtlingskrise kamen 2015/16 hunderttausende Menschen aus Krisengebieten nach Wien. Die meisten reisten weiter Richtung Deutschland – doch etwa 14.000 Syrer und 70.00 Afghanen blieben hier. Heute stellen Serben, vor den Deutschen und den Türken, die größte Migrantengruppe in Wien.
Bislang wurde keine Zuwanderungsgruppe von der Mehrheit der bereits ansässigen Wiener vorbehaltlos mit offenen Armen empfangen. Allerdings zeigt die Zuwanderungsgeschichte der Stadt, dass sich jede Gruppe der Neuankömmlinge seit jeher langfristig integriert und zu Wohl und Prosperität Wiens und damit ganz Österreichs beigetragen hat. Hans Kelsen (1881–1973), Staatsrechtler und „Architekt“ der Bundesverfassung von 1920, betonte ausdrücklich, dass für ihn der Minderheitenschutz höchsten Wert habe. Kelsen wusste aus eigener Erfahrung, wovon er sprach, war er doch selbst angefeindet worden, weil er einer jüdischen Familie aus Prag entstammte.
Kelsens Bundesverfassung ist vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden und wurde von Bundespräsident Alexander Van der Bellen (* 1944) als „elegant“ gewürdigt. Van der Bellens Eltern waren einst selbst als Migranten aus dem Baltikum nach Wien gekommen, dem Geburtsort des späteren Staatsoberhaupts. Die Frage, ab wann man ein „echter Wiener“ sei, dürfte Van der Bellen nur ein mildes Lächeln abnötigen.

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