„Wir sind flexibel“

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Josef Sarikov, Obmann der bucharischen Gemeinde in Wien, war als Geschäftsmann schon in mehreren Branchen erfolgreich. Text und Foto: Reinhard Engel   

Hotelier ist etwas wirklich Neues im beruflichen Lebenslauf von Josef Sarikov. Im Frühjahr soll sein kleines Appartement-Hotel nahe dem Wiener Hauptbahnhof eröffnen, und ob es Josef heißen wird, ist noch nicht ganz fix. „Wir haben lange verschiedene Namen diskutiert, es geht nicht darum, dass es so heißt wie ich. Es sollte in möglichst vielen Sprachen leicht verständlich sein.“

15 moderne Zimmer und Suiten sind es, die Sarikov stolz dem Besucher noch vor Inbetriebnahme zeigt, hell und freundlich in den beiden aufgestockten obersten Geschossen seines Hauses auf der Reinprechtsdorfer Straße. Und auch die technischen Standards entsprechen der Zeit: Sichtbar sind es große Flachbildschirme, hinter den Kulissen werden Fußbodenheizung und -kühlung für ein angenehmes Raumklima sorgen.

Neben der Familie und seinen stets neuen Firmen zeigt er auch in der jüdischen Gemeinde viel Engagement.

„Wir sind flexibel“, lautet das Motto des 59-jährigen Bucharen, der in Kirgistan geboren wurde, seine Jugendjahre in Israel verbrachte und seit 1982 in Wien lebt. Mittlerweile ist er dreifacher Vater und vierfacher Großvater und hat schon eine ganze Reihe unterschiedlicher Geschäfte betrieben, erst in Tel Aviv, dann in Wien. Und nachdem sich die Zeiten und die Möglichkeiten ändern, waren immer wieder Sortimentswechsel, Anpassungen und Nachjustierungen notwendig.

Sarikovs Vater hatte als gelernter Techniker in der einstigen Sowjetunion sein Geld in einer anderen Branche verdient: In Bischkek betrieb er eine äußerst erfolgreiche Schuhreparatur-Werkstätte. „Wir haben damit sehr gut verdient, ein Vielfaches dessen, was mein Vater mit seinem Diplom hätte einnehmen können.“ Doch die anti-jüdischen Repressionen nahmen kontinuierlich zu, immer wieder gab es Überwachungen, Vorladungen auf die Polizeistation, Erpressen von Lösegeld von den jüdischen Geschäftsleuten. „Und wir waren eine sehr religiöse Familie, sie stammte ursprünglich aus Samarkand, dort hatte mein Urgroßvater eine eigene Jeshive.“

1973 entschlossen sich die Sarikovs zur Ausreise, via österreichisches Lager Schönau nach Israel. Anders als vielen sowjetischen Juden gelang ihnen die Integration in der neuen Heimat recht schnell. Während der Vater ein knappes Jahr lang Kurse besuchte, um sein Zahntechniker-Diplom zu nostrifizieren, arbeitete Josef schon als Diamantenschleifer und konnte sich nach dem dreijährigen Militärdienst mit einigen eigenen Maschinen als Auftragsschleifer für die Großen der Diamantenbörse selbstständig machen. Auch sein Vater gründete bald ein Zahntechniklabor. „Es ist uns gut gegangen“, erzählt Josef Sarikov. „Mein Vater hat sich eine Villa erarbeitet und ich eine Wohnung.“

Dem Vater zuliebe nach Wien

Doch der Senior bekam ernste gesundheitliche Probleme, eine neue Niere sollte bald notwendig werden. Da ihm eine Transplantation in Europa früher möglich schien und es Kontakte nach Wien gab, drängte er die ganze Familie zur Übersiedlung. „Wir wollten alle nicht, auch nicht meine Geschwister“, so Sarikov. „Aber wir sind unserem Vater gefolgt und er hat dann nach seiner Operation noch lange Jahre gelebt. Es war also die richtige Entscheidung der Familie.“

Sarikov2EngelDennoch mussten sie in Wien bei null beginnen. Doch anders als bei ihrer Ausreise aus der Sowjetunion – mit fünfhundert Dollar – hatten sie diesmal aus Israel Startkapital mitgebracht und konnten mit eigenen Geschäften wieder beginnen. Überdies hatte sich Josef mit Deutschkursen am Goethe-Institut in Tel Aviv auf die neue Heimat vorbereitet. Zuerst war es ein Gemüsestand am Hannovermarkt, „aber das hat mich nicht wirklich interessiert“, erinnert sich Sarikov, „den habe ich nach einem halben Jahr wieder verkauft.“ Der eigentliche Start erfolgte dann in der Reinprechtsdorfer Straße. Es begann mit einem Schuhgeschäft, das Sarikov nach einigen Jahren ebenfalls wieder abgab.

Einige Hausnummern weiter, in einem etwas heruntergekommenen Gebäude, das längst in mehreren Schritten renoviert wurde und in dem heute das moderne kleine Hotel entsteht, eröffnete er dann einen Textilladen. „Unsere Kunden waren neben Österreichern vor allem Russen: Angestellte von Gasprom, Diplomaten, Piloten der Aeroflot.“ Vor allem kauften sie italienische Jeans und Sportmode, daneben aber auch Quarzuhren oder Kassettenrecorder. „Unsere Ware war besser als die am Mexikoplatz.“ Darauf folgten am selben Standort einige Jahre mit französischer Damenmode. Einen Versuch als Diamanten-Importeur gab Sarikov nach wenigen Monaten wieder auf: „Es hätte zu lange gedauert, einen wirklichen Kundenstock aufzubauen.“ Doch weil sich andere neue lukrative Branchen eröffneten, kam bald ganz in der Nähe ein Handygeschäft dazu, welches mittlerweile der Sohn unter dem Markennamen von 3 führt. Sarikovs Bruder besitzt ebenfalls auf der Reinprechtsdorfer Straße ein Juweliergeschäft.

Sarikov jammert nicht wie manche Unternehmer, aber er erzählt ruhig, dass die Situation im Handel nicht gerade leichter geworden ist. Die Kaufkraft der Menschen hat nachgelassen, die großen internationalen Ketten fordern immer noch Opfer unter den alteingesessenen Geschäften. Und auch die Finanzierung von Betriebsgründungen sei deutlich schwieriger geworden. Früher habe es vertrauensvolle Beziehungen zum lokalen Bankdirektor gegeben, heute entscheiden anonyme Computerprogramme über die Kreditvergabe – äußerst restriktiv. „Es braucht aber gerade neue, junge Unternehmen, um die Wirtschaft in Schwung zu halten.“

Sarikov selbst hat neben seinen stets neuen Firmen auch in der jüdischen Gemeinde Engagement gezeigt. Seit langen Jahren ist er in der etwa 3.000 Mitglieder zählenden bucharischen Gemeinde aktiv, seit 2012 deren Obmann. In der IKG, wo Sarikov in mehreren Kommissionen arbeitete – etwa für Soziales oder für Finanzen –, hält seine Fraktion sechs der 24 Mandate, in den letzten drei Jahren war er einer der beiden Vizepräsidenten. Dieses Amt hat er inzwischen zurückgelegt, um eine jüngere Truppe aufzubauen.

Gefragt, ob er geschäftlich noch ein unverwirklichtes Projekt vor sich habe, antwortet er: „Seit 30 Jahren trage ich es mit mir herum, dass ich in Israel an der Diamanten-Börse noch etwas Größeres mache. Dort habe ich unerwartet weggehen müssen, und eigentlich würde ich mir gerne beweisen, dass ich das noch schaffe.“

1 KOMMENTAR

  1. Das neue Hotel von Josef Sarikov hat infolge der Nähe zum neuen Wiener Hauptbahnhof eine optimale Lage und wird ein Erfolg werden. Wir haben in Österreich eine halbe Million Arbeitslose weil es hier viel zu wenige Unternehmer gibt. Die Steuern und die Bürokratie sollten schnellstmöglich stark vermindert werden , damit sich Leute wie Josef Sarikov in Wien wohl fühlen und in Österreich investieren.

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