„Würde mich wahrscheinlich wieder hinstellen“

Vor drei Jahren stand die Stadt Wien vor der Aufgabe, tausende Flüchtlinge Tag für Tag in der Stadt unterzubringen. Julie Klein wurde damals von ihrem Arbeitgeber, dem Arbeiter-Samariter-Bund Wien, innerhalb weniger Stunden als Einsatzleiterin im Flüchtlingsnotquartier Ferry-Dusika-Stadion eingesetzt.

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Julie Klein, geb. 1983 in Wien, Jugend im Hashomer Hatzair, zwei Jahre als Rosh Ken. Studium der Internationalen Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien (mit Auslandssemestern in Kopenhagen und Angers), währenddessen ehrenamtliche Lernhilfe für Asylwerber. Seit 2009 beim Arbeiter-Samariter-Bund Wien tätig. © Daniel Shaked

Es sollten intensive zwei Monate werden. „Begonnen hat alles an einem Sonntag im September. Mein Chef hat mich angerufen und gesagt, du Julie, kannst du dir vorstellen, die Einsatzleitung im Ferry-Dusika-Stadion zu übernehmen? Und drei Stunden später war ich dann dort, da war es 15 Uhr, und mein erster Dienst ging bis zum nächsten Tag um acht Uhr in der Früh“, erzählt Julie Klein. Die 12-Stunden-Dienste hat sie in den darauffolgenden Wochen zusätzlich zu ihrem eigentlichen Job im Arbeiter-Samariter-Bund Wien geschoben.

Rosen streut sie rückblickend den Ehrenamtlichen, die in dem für diesen Zweck grundsätzlich ungeeigneten Stadion samt benachbarter Sport- und Fun-Halle – insgesamt waren dort bis zu 900 Menschen untergebracht – in Windeseile eine brauchbare Unterkunft aufgebaut hatten. Der Arbeiter-Samariter-Bund habe die Einsatzleitung übernommen – ohne Ehrenamtliche wäre es aber nicht gegangen. Dass aus der Notschlafstelle schließlich mehrere Monate lang auch eine Dauerunterkunft wurde, war nicht geplant und auch nicht optimal. „Es war keine Privatsphäre gegeben, und die Sanitärräume waren nicht für so viele Menschen ausgelegt.“ Die Stadt hatte aber Mühe, auf die Schnelle geeignete Dauerquartiere zu finden. Das Stadion bot für eine erste Zeit ein Dach über dem Kopf.

»Das war immer klar: Man ist politisch,
man geht auf Demos, man bleibt kritisch.«
Julie Klein

Die Ehrenamtlichen übernahmen eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und betreuten die Geflüchteten mit viel Engagement. Nach einigen Wochen wurde die Belastung immer größer, viele waren Tag und Nacht vor Ort und gelangten an ihre Grenzen, es kam zu Konflikten. Es wurde notwendig, die Organisationsstruktur zu adaptieren, mit mehr Hauptamtlichen zu ergänzen und an die veränderte Situation einer Dauerunterkunft anzupassen.

Klein erinnert sich auch an andere Herausforderungen, wie die Sache mit den Bussen. „Wir hatten die Aufgabe, den Menschen zu sagen, da kommt jetzt ein Bus, der bringt euch zum Bahnhof, und ihr könnt kostenlos nach Deutschland fahren. Viele hatten aber schon um teures Geld Zugtickets gekauft und haben nicht darauf vertraut, dass das mit den Zügen wahr ist. Weil sie Schlimmes erlebt haben, nicht wussten, ob sie uns trauen können, weil sie mit den Behörden in anderen Ländern schlechte Erfahrungen gemacht haben. Dann war es sehr schwer, sie zu überzeugen. Einmal war es wirklich so, dass ich eine Gruppe von 50 Leuten dazu gebracht habe, in einen Bus einzusteigen, nachdem ich eine halbe Stunde auf sie eingeredet hatte, und dann hat einer noch einmal gemeint, er glaubt nicht daran, und 40 Leute sind wieder ausgestiegen.“

Und dann war da auch noch das Gespräch mit einem Mann aus dem Irak, der ihr erzählte, dass seine Frau und Tochter noch dort seien, er aber nicht genau wüsste, wo, und er sich so sehr wünsche, dass sie nachkommen. „Da habe ich mir vorgestellt, wie das wäre, wenn da jetzt mein Vater sitzen würde. Das hat mir irgendwie das Herz gebrochen.“

Soziales Engagement. Julie Klein möchte die Erfahrungen von vor drei Jahren dennoch nicht missen. Sie hat bereits als Studentin an der Wirtschaftsuniversität selbst ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe gearbeitet und dabei mit Gleichaltrigen aus Nigeria und Afghanistan gelernt. In diese Richtung ging dann auch ihre Diplomarbeit am Institut für Non-Profit-Organisationen der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie setzte sich darin mit Lern- und Beschäftigungsangeboten für Asylwerber auseinander. Nach dem Studium suchte sie gezielt nach einer Tätigkeit in der Flüchtlingshilfe. Beim Arbeiter-Samariter-Bund gehörte dieser Bereich auch anfangs zu ihren Aufgaben. Heute ist sie dort für Marketing, Projekt- und Veranstaltungsmanagement sowie das Fundraising zuständig.

Dass auch Mitglieder ihrer Familie eigentlich Flüchtlinge waren, wurde ihr erst in ihrem Erwachsenenleben bewusst. Die Großeltern väterlicherseits hatten 1938 im letzten Augenblick nach Palästina flüchten können, die andere Großmutter wurde in Polen von ihrer katholischen Amme gerettet, die sie als ihr eigenes Kind ausgab. Dennoch sei am Familientisch nie von Flucht und auch nie von Emigration die Rede gewesen. Sie waren Holocaust-Überlebende, aber keine Flüchtlinge.

Klein führt ihr Bedürfnis zu helfen weniger auf dieses Thema und mehr auf das in der Familie allseits vorhandene soziale Engagement zurück. „Meine Großeltern väterlicherseits haben sowjetische Juden hier in Wien unterstützt. Mein Großvater war Zahnarzt und hat sie kostenlos behandelt und mit Freunden gemeinsam Wohnungen organisiert. Meine Mutter ist Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin, auch meine Tante und Großmutter sind in diesem Bereich tätig. Moral, Ethik und Anstand, da gab es immer hohe Maßstäbe. Das war immer klar: Man ist politisch, man geht auf Demos, man bleibt kritisch.“ Werte, die auch in ihrer Zeit im Hashomer Hatzair großen Stellenwert hatten.

Hat Österreich, hat Wien etwas aus der damaligen Krisensituation gelernt? Wäre man heute besser vorbereitet, wenn wieder so viele Geflüchtete auf einmal kämen? „Ohne die NGOs und die Ehrenamtlichen hätte das alles nie funktioniert. Und ich bin sehr skeptisch, ob sich in einer ähnlichen Situation wieder so viele Menschen finden würden.“ Für Klein haben nicht nur die Ereignisse von Köln zu Silvester 2015/16 die Stimmung zum Kippen gebracht. „Was auch mitgespielt hat, war die große Erschöpfung. Viele, die geholfen haben, sind an ihre Grenzen gestoßen und würden wahrscheinlich in einer zukünftigen ähnlichen Situation früher auf ihre Kraftressourcen achten. Auch ist es nicht immer leicht zu helfen. Man hat mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun, viele von ihnen sind traumatisiert, haben Schreckliches erlebt. Manchmal ist man auch nicht nur mit grenzenloser Dankbarkeit konfrontiert, sondern vor allem mit Menschen, die eine Flucht hinter sich haben, die nicht wissen, wo sie die Zukunft hinführt, die Angst haben. Eine große Belastung für die Geflüchteten und eine Herausforderung für die Helferinnen und Helfer.“ Doch trotz der enormen Herausforderung ist sich Klein sicher, „dass es für jeden ein Erlebnis war, das er oder sie nie vergessen wird. Ich bin sehr froh, dass ich dort war. Und ich würde mich wahrscheinlich auch wieder hinstellen. Als Organisation haben wir aber gelernt, welche Risiken eine solche Situation in sich birgt. Dass es mehr Strukturen braucht und mehr Ressourcen. Dass man auf seine Grenzen achten muss. Der Herbst 2015 war sicher ein Moment, an dem wir alle an unsere Grenzen gegangen sind.“ 

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