Zeugen der Tragik des Verschwindens

Eine von der Wiener Historikerin Shoshana Duizend-Jensen behutsam kuratierte Ausstellung im Wiener Stadt- und Landesarchiv widmet sich dem Verschwinden steinerner Zeugen des einst lebendigen jüdischen Lebens in Wien.

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Die 1886 fertiggestellte Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Ottakring überlebte Novemberpogrom und Krieg. 1969 wurde sie von der Stadt Wien angekauft, im Jahr darauf abgerissen. © WSTLA_media_wien_Historisches_Fotoarchiv_FA_31451

Als mich die Direktorin des Stadt- und Landesarchivs, Dr.in Brigitte Rigele, gefragt hat, ob ich eine Ausstellung zum Gedenkjahr 1938‒2018 machen möchte, war mir rasch klar, dass ich mich einem Thema widmen will, das mir persönlich sehr wichtig ist: den Transformationen jüdischer Institutionen anhand der Gebäude, in denen sich diese vor dem ‚Anschluss‘ befanden“, erzählt die Kuratorin der noch bis 22. Februar im Simmeringer Gasometer D laufenden Schau, Shoshana Duizend-Jensen.
Seit vielen Jahren Mitarbeiterin des Wiener Stadt- und Landesarchivs und 1999/2000 Mitglied der Historikerkommission der Republik Österreich, widmet sich die erfahrene Historikerin in ihrer bilder- und datenreichen, kompakt gestalteten Schau anhand von elf Beispielen dem „verschwundenen jüdischen Leben in der Stadt Wien“.
Dabei überraschen nicht nur die zum Großteil erstmals präsentierten Akten, Pläne und Fotografien des Wiener Stadt- und Landesarchivs und des Archivs der IKG Wien. Auch die rekonstruierten „Lebens-“, vor allem aber Enteignungs- und sich vielfach über Jahrzehnte ziehenden Zerstörungsgeschichten der Orte beeindrucken und bewegen. Nur ein „winziger Teil der Gebäude steht, die meisten jedoch sind für immer verschwunden“, fasst Duizend-Jensen ihre Forschungsergebnisse lapidar zusammen.
Tatsächlich existiert von den in der Ausstellung präsentierten jüdischen Einrichtungen heute nur noch eine an ihrem ehemaligen Standort: die Talmud-Thora-Schule in der Malzgasse 16. Aus dem Waisenhaus für jüdische Knaben in Fünfhaus ist etwa heute eine Wohnhausanlage geworden, aus dem einstigen Blindeninstitut das Polizeikommissariat Wien-Döbling und aus der ehemaligen Israelitischen Kinderbewahranstalt ein Hotel in der Schiffamtsgasse 15.

Abrissplan des Magistrats der Stadt Wien, Juli 1969: Die einstige Synagoge in der Hubergasse 8 wurde 1970 abgerissen. Heute befindet sich hier eine Wohnhausanlage.© MA 37, Gebietsgruppe West, Planarchiv, IKG Ottakring, EZ 1470, Jahr 1969

Auflösung. Umbildung. Zerstörung. Doch nicht alle Zeugen jüdischen Gemeinde- und sozialen Lebens in Wien vor dem „Anschluss“ und der systematischen Auslöschung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur durch das NS-Regime waren tatsächlich im Zuge des „Novemberpogroms“ zerstört worden. Die Erkenntnisse, die Duizend-Jensen aus ihren jahrelangen akribischen Recherchen zieht, erstaunen und verstören. „Während der Arbeit an dieser Ausstellung ist mir aufgefallen, dass sich dieses Zerstörungswerk nicht nur 1938 bis 1945 abgespielt hat, sondern vielfach auch nach 1945.“ Und dies in vielen der Fällen nicht durch private Besitzer, sondern die Gemeinde Wien. Umso mehr betont die Historikerin die Dringlichkeit, heute noch bestehende architektonische Zeugnisse jüdischen Lebens in Österreich zu erhalten, und weist auf die aktuell geführten Verhandlungen um die ehemalige Synagoge in Gänserndorf hin. „Und die Gefahr ist noch nicht gebannt. Auch hier sollen Synagoge und Rabbinerhaus geschliffen werden, um an deren Stelle Platz für Parkplätze schaffen“, erzählt Duizend-Jensen und schließt damit einen unmissverständlichen Bogen zu den Erkenntnissen, die sie aus den von ihr für Ausstellung des Wiener Stadt- und Landesarchives – die meisten davon werden übrigens zum ersten Mal öffentlich präsentiert – in langwieriger Arbeit zusammengetragenen Unterlagen zieht.

»Ich wollte die schicksalhaften Veränderungen im Stadtbild Wiens durch das Verschwinden des jüdischen Lebens darstellen.«
Shoshana Duizend-Jensen

Die von Duizend-Jensen beschriebene „Tragik des Verschwindens der steinernen Zeugnisse jüdischen Lebens in der Stadt Wien“ manifestiert sich nicht nur an der Zerstörung ehemaliger Synagogen und Bethäuser wie jenen in der Ausstellung nachgezeichneten in der Hubergasse 8 im 16. Bezirk, in der Kaschlgasse 4 im 20. Bezirk oder dem Turnertempel im 15. Bezirk. Es sind vor allem auch soziale Einrichtungen der Israelitischen Kultusgemeinde sowie der rund 600 jüdischen Vereine und 300 Stiftungen, denen die faktenreiche Schau besonderen Augenmerk schenkt. So etwa im zweiten Bezirk das Kleinkinderheim der IKG in der Unteren Augartenstraße 35 oder das Kaiser-Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheim, später ein Sammellager, in der Malzgasse 7, das Waisenhaus für jüdische Mädchen in der Ruthgasse 21 oder das Waisenhaus für jüdische Knaben in der Probusgasse 2, beide im 19. Bezirk.
So findet sich etwa an der Wohnanlage in der Hubergasse 8 zwar eine Gedenktafel, die an die stark beschädigte Synagoge erinnert. Dass diese aber bis 1970 als intaktes Gebäude noch bestand und nach dem Verkauf durch die IKG an die Stadt Wien „gemäß $ 70 der Bauordnung für Wien aufgrund des Beschlusses des Gemeinderatsausschusses IX vom 15.1.1970“ abgetragen wurde, ist wohl nur noch den wenigsten heute bewusst.

Letzte Meldezettel ermordeter Kleinkinder. Zu den erschütterndsten Zeugnissen der Schau zählen die Aufnahmen und Dokumente zum Kleinkinderheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Unteren Augartenstraße 35. Das zweistöckige Gebäude mit großem Garten war seit 1898 im Eigentum des Theresien-Keuzer-Vereins zur „Unterstützung armer israelitischer Kinder und Ermöglichung einer Schulbildung“. Für die Adaptierung des Vereinshauses hatte man Wilhelm Stiassny, der für den Bau des Rothschild-Spital in Wien-Währing, des Israelitischen Blinden-instituts in Wien-Döbling sowie zahlreicher Synagogen, u. a. in Prag, Gablonz und Wiener Neustadt, wie auch die Planung der Synagoge Leopoldsgasse („Polnische Schul“) in Wien-Leopoldstadt verantwortlich zeichnete, gewonnen. 1931 war hier ein Heim für jüdische Blinde errichtet worden, 1939 kam das nun „arisierte“ Gebäude in den Besitz der „Aufbaufondsvermögensverwaltung Ges.m.b.H.“ und wurde, so Duizend-Jensen im Begleitheft, „für Zwecke einer Notunterkunft für jüdische Säuglinge und Kleinkinder der Israelitischen Kultusgemeinde vermietet“. Zahlreiche der Kinder, die hierher überstellt wurden, überlebten die Schoah nicht. Rund 30 Babys und Kinder sowie deren Betreuerinnen hatten hier bis zur Räumung des Heimes 1942 ihre letzte Wohnadresse, „bevor sie in die Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden, unter ihnen das jüngste, der erst fünf Monate alte Säugling Denny Brunn“, sowie die zweijährige Cilla Basch, deren Meldezettel ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. In den 50er-Jahren errichtet die IKG an der 1955 rückgestellten Liegenschaft ein Rückkehrheim für obdachlose jüdische „Displaced Persons“. Doch auch dieser Ort konnte aufgrund der desolaten baulichen Situation, der nicht vorhandenen finanziellen Mittel für eine nachhaltige Instandsetzung und die mangelnde Unterstützung durch die öffentliche Hand nicht erhalten bleiben: „1979 erteilte die Stadt Wien (MA 36) der Israelitischen Kultusgemeinde die Bewilligung für den Abbruch des Hauses, an dessen Stelle ein sechsstöckiges Wohnhaus der Gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft Schönere Zukunft Ges.mbH errichtet wurde“, beschreibt die Kuratorin das Ende dieser einst wichtigen jüdischen Sozialeinrichtung, in deren ehemaligem Garten sich heute ein Privatparkplatz befindet.
Beispiele wie diese – Duizend-Jensen hat in den letzten 20 Jahren Hunderte von Unterlagen zusammengetragen und gesichtet, deren Präsentation im Rahmen einer umfassenden Gesamtschau wohl noch lange auf sich warten werden –, machen die wissensreich zusammengestellte, berührende Schau trotz ihrer bescheidenen Größe zu einem wichtigen Beitrag des Erinnerungsjahres 2018.

Geplündert, verbrannt, geräumt, demoliert. Verschwundene Zentren jüdischen Lebens in Wien
Ausstellung bis 22. Februar 2019 im Foyer des Wiener Stadt- und Landesarchivs,
Gasometer D, 4. Stock, Guglgasse 14, 1110 Wien

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