Apfelstrudel und Melange statt Falafel und Humus

Wie Wiener Mehlspeisen das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern fördern können.

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Hoch über Haifa. Wiener Spezialitäten mit Blick über die Stadt und auf das Meer. © santamaria.rest.co.il/; Segenreich; 123RF

Der berühmte „Kaffeemohr“ und das Logo einer österreichischen Biersorte blitzen einem beim Eingang vom Parkplatz schon von Weitem entgegen, die Speisekarte verspricht Köstlichkeiten wie Apfelstrudel, Mozart- oder Linzertorte – und natürlich eine Wiener Melange dazu. Das ist nicht gerade das Angebot, dass man von einer Imbissstube in Haifa, im Norden Israels, erwartet. „Bei uns ist der Strudelteig natürlich handgezogen“, erzählt der Hausherr stolz, während Kellner Jerry, auf dessen Shirt eine kleine österreichische Fahne prangt, fachmännisch die Würstel mit Sauerkraut serviert.

Österreichische Leckereien
gleich neben dem Stella-Maris-Kloster und mit Blick auf
die Bucht von Haifa. © santamaria.rest.co.il/; Segenreich; 123RF

Topfentorte von der Nachbarin aus Wien. Das Wiener Café gleich neben dem Stella-Maris-Kloster, mit umwerfender Aussicht auf die Bucht von Haifa, ist das Brainchild von Adnan Diab, Gastronom in zweiter Generation, der sich schon vor über dreißig Jahren, anlässlich seiner Hochzeitsreise durch Europa, in die österreichische Küche verliebt hat. Besonders angetan hatte es dem israelischen Araber damals die auf einem Abstecher nach Tirol „wiedergefundene“ Topfentorte seiner Kindheit: „Wir hatten nämlich eine Wiener Jüdin als Nachbarin, bei der es immer Topfenkuchen gab, und ich ging dort täglich ein und aus und bin sozusagen mit dem Wiener Topfenkuchen aufgewachsen.“

Als der Unternehmer vor etwa sieben Jahren einen Teil seiner Restaurants abgab, um ein bisschen leiser zu treten, wandte sich der Karmeliterorden, der das Stella-Maris-Kloster führt, an ihn. Das Kloster und die im 19. Jahrhundert dazu gebaute gleichnamige Kirche, deren Altar über einer mit dem Propheten Elija assoziierten Höhle steht, sind ein Touristenmag­net, und so bat man um Beratung und Hilfe bei der Organisation eines Imbissstands, der die zahlreichen Besucher aus dem In- und Ausland mit kalten Getränken und Snacks versorgen sollte.

»Juden und Araber, Christen
und Muslime: Wir alle leben hier in Haifa gut zusammen.«
Eddy

Aus dieser als kurzes Intermezzo geplanten Beratungsfunktion wurde eine mittlerweile fünf Jahre andauernde Zusammenarbeit: „Die Kirche ist nur zwei Minuten von meinem Haus entfernt, also habe ich den Auftrag übernommen. Rasch wurde mir klar, dass die üblichen Naschereien zu ungesund für die doch meist älteren Touristen sind, und ich habe ein neues Angebot an leichten Speisen und die Torten eingeführt. Dann habe ich nach und nach das Wiener Kaffeehaus hier eingerichtet für jene Menschen, die nicht nur schnell abgefertigt werden wollen, sondern in Ruhe hier sitzen und die Aussicht genießen möchten.“ So konnte der Gastronom endlich auch seine geliebte Topfentorte auf die Speisekarte setzen.

Sachertorte und Schomlauer Nockerl. In einer Region, in der eher arabisch-israelische Küche erwartet wird, österreichische und bayrische Spezialitäten anzubieten, war gewagt. Noch dazu muss Eddy, wie der Fan der österreichischen Küche von allen genannt wird, für alle Änderungen und Geschäftsideen die Erlaubnis der Kirche einholen.

Die alte Schutzwand des ehemaligen Marinestützpunkts neben dem Kloster wurde durch eine Re­ling ersetzt, die den Gästen des Cafés den Ausblick auf die Stadt und das Meer ermöglicht. Die Rezepte mussten an die Vorlieben des lokalen Publikums und das Klima angepasst werden. So gibt es Sachertorte und Schomlauer Nockerl nur im Winter, weil diese Speisen nicht im Kühlschrank stehen sollen, was im israelischen Sommer unmöglich ist. Und der Wiener Apfelstrudel wird auf allgemeinen Wunsch der Gäste mit Vanilleeis serviert anstatt mit warmer Vanillesauce. Auch der Wiener Kaffee wird feiner gemahlen und ist damit etwas stärker als in den Kaffeehäusern in Österreich.

Wir leben hier alle zusammen – Juden und Araber. Eddys Rechnung scheint aufzugehen: „Wir haben hier langjährige arabische Stammkunden, die fast täglich kommen, und auch viele Altösterreicher und Deutsche samt ihrer Kinder und Enkelkinder. Jeden Morgen kommen einige ‚alte Jeckes‘, manche von ihnen stationäre Patienten aus dem Rambam Health Care Campus mit ihren Infusionen, um bei uns ihren Kaffee und Kuchen zu genießen. Daneben schauen immer wieder neugierige Touristen und Besucher der Kirche herein, die ihren Lunch oder Kaffee lieber in Ruhe bei klassischer Musik einnehmen wollen als draußen im Getümmel.

Eddy, selbst ein maronitischer Christ, dessen Familie ursprünglich aus dem Libanon stammt, ist auch für die Zukunft optimistisch: „Juden und Araber, Christen und Muslime: Wir alle leben hier in Haifa gut zusammen. Und schon siebzig Jahre ist’s gut gegangen …“

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