„Kann man Technologie verbieten?“

Der Wirtschaftsprofessor Zvi Wiener von der Hebrew University Jerusalem sprach über das israelische Bankensystem, über Fintechs und Kryptowährungen mit Reinhard Engel.

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Zvi Wiener. „Technologie kann große Teile des Finanzsystems ersetzen.“ © Reinhard Engel

Wina: Herr Professor Wiener, die österreichischen Banken schreiben nach einigen harten Jahren in den letzten Quartalen wieder gute Gewinne. Wie geht es der israelischen Finanzbranche derzeit?

Zvi Wiener: Der Finanzbranche in Israel geht es gut. Wenn man sie sich genauer anschaut, sieht man eine Kombination aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen: Da gibt es einmal das herkömmliche Finanzsystem. Das besteht im Grunde aus fünf Banken – übrigens werden davon drei von Frauen geleitet. Dazu kommen vier Versicherungen und einige Pensionsfonds. Da gibt es keine großen Ausreißer, alle sind sehr stabil, sehr konservativ.

Und auch sehr hart reguliert von der Nationalbank.
Das stimmt, aber in Wahrheit mögen sie diese Regulierung. Denn diese bewahrt sie vor allzu viel Wettbewerb, auch dadurch haben sie ein gutes Leben. Sie machen ihr Geschäft, wie sie es in der Vergangenheit immer gemacht haben.

Was ist der zweite Teil des Finanzsystems?
Dieser zweite Teil ist sehr unterschiedlich, ganz von jungen Menschen getrieben, und er kommt von der Technologie her. Ich denke, diese Fintechs wollen eine Revolution bewirken, nicht nur in Israel, auch im internationalen Finanzsystem. Denken Sie daran, was die Rolle einer Bank ausmacht: Sie erhält Einzahlungen der Kunden oder ihrer Arbeitgeber auf digitale Konten, diese können die Gelder von Bankomaten wieder abheben, man bekommt von den Banken Kreditkarten, eventuell auch einen Kredit. Sie verwenden Ihr Geld, um Kredite an andere Unternehmen zu geben.

»Solange die Israelis es schaffen,
immer neue Ideen zu erzeugen,
sollte man sich keine Sorgen machen.«
Zvi Wiener

Wir leben in einer Zeit extrem niedriger Zinsen, schon seit Jahren. In Wahrheit sind die Ertragszinsen auf dem Konto in der Gegend von Null, daher ist es nicht wirklich sinnvoll, sein Geld auf dem Konto liegen zu haben. Man lässt es halt aus Sicherheitsgründen dort, sollte der Bank etwas passieren, wird die Regierung für die Rückzahlung sorgen. Aber heute gibt es viele Alternativen.

Welche?
Fintechs arbeiten etwa mit künstlicher Intelligenz. Sie können Ihre Vergangenheit analysieren, wie Sie mit ihrem Geld umgegangen sind. Sie können das viel besser als jeder Kreditsachbearbeiter in einer Bank. Sie können viel besser optimierte Investmentportfolios anbieten. Technologie kann große Teile des Finanzsystems ersetzen. In Israel kann man etwa, statt es unverzinst auf der Bank zu lassen, das Geld Firmen übergeben, die damit Kredite vergeben. Statt Null Prozent können sie damit nach Steuern in der Gegend von fünf Prozent Zinsen erzielen. Das ist sehr attraktiv.

Mit kalkulierbarem Risiko?
Mit kalkuliertem Risiko. Ein anderer Bereich betrifft die Versicherungswirtschaft, eine sehr traditionelle Branche. In Israel gibt es etwa das Unternehmen Lemonade, dieses ist auch in den Vereinigten Staaten sehr aktiv. Bei Versicherungen zahlt man seine Prämien für den Fall, dass etwas passiert. Dann soll die Versicherung zahlen. Aber die Versicherung weiß, dass ihr dann das Geld verloren geht und zahlt sehr zögerlich. Da gibt es jetzt ein sehr einfaches neues Modell: Die Versicherung teilt die Auszahlungssumme im Verhältnis acht zu zwei auf. Acht Teile werden ausgezahlt, die übrigen zwei behält die Versicherung für ihre eigenen Kosten. Auch wenn kein Versicherungsfall eintritt, wird ausbezahlt, dann eben an eine wohltätige Institution. Damit fällt das Incentive weg, den Versicherungskunden nicht auszuzahlen oder die Sache zu verschleppen. Damit wird eben auch sofort gezahlt. Das ist eines der neuen Modelle.

Welche anderen neuen Modelle gibt es aus Ihrer Sicht?
Sprechen wir von der Internationalisierung. Millionen von Menschen arbeiten in anderen Ländern, weil sie der Arbeit nachziehen, und sie schicken Geld zu ihren Familien nach Hause. Es gibt einen großen Bedarf an diesen Überweisungen. Aber das Bankensystem, das diese Überweisungen durchführt, ist sehr teuer, sehr langsam und überreguliert. Das kann man mit moderner Technologie schneller und billiger machen.

Sie beziehen sich auf die so genannten Kryptowährungen?
Solange Menschen an ihren Wert glauben, haben sie einen Wert und können gehandelt werden. Damit lassen sich Transferzahlungen viel schneller abwickeln, und auch die Kosten sind deutlich geringer als bei Banküberweisungen. Deshalb existieren diese Währungen, es gibt inzwischen schon einige Hundert von ihnen, und manche sind schon deutlich billiger und schneller als die bekannteste, Bitcoin.

Aber die fehlende Regulierung zieht halt auch dunkle Gestalten an, Missbrauch und direkten Betrug.
Das zieht ganz schlechte Menschen an, Kriminelle und Terroristen. Natürlich. Aber es gibt zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Die eine wäre, verbieten. Wenn illegale Geschäftsleute diese Kryptowährungen nutzen, verbieten wir sie einfach.

Und dann gehen sie noch tiefer in den Untergrund?
Ich antworte mit einer Gegenfrage. Kann man Technologie verbieten? Sobald eine Technologie da ist, wird sie verwendet, es heißt dann halt nicht mehr Bitcoin, sondern anders und wird weniger offen benutzt. Das Darknet existiert, und den Regulatoren ist es bis heute nicht gelungen, es zu verhindern.

Was ist dann Ihr Vorschlag?
Ich denke, ein viel besserer Zugang wäre, erst einmal die Existenz anzuerkennen, anzuerkennen, dass sich Technologie nicht verbieten lässt. Und zweitens muss es eine internationale Zusammenarbeit zwischen allen Ländern geben. Man kann regulieren, aber nur auf einer internationalen Ebene. Und diese Regulierung muss sich auf die wichtigsten Punkte beschränken.

Die Technologie hinter den Kryptowährungen, Blockchain, wird auch bereits versuchsweise zur Vereinfachung des internationalen Handels benutzt, um die derzeit unterschiedlichen Ströme von Waren, Frachtpapieren und Geld näher aneinander zu bringen und die Sache zu vereinfachen.
Blockchain ist eine fantastische Technologie und wird noch viele Anwendungen finden, etwa auch in der Medizin oder in der Verwaltung. Aber noch einmal zurück zu den Kryptowährungen: Die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Regulatoren dafür entscheiden, sie zu bekämpfen, oder sie zu akzeptieren, aber mit vernünftigen Beschränkungen.

In Ihrer Beschreibung der israelischen Finanzwirtschaft haben Sie von zwei Säulen gesprochen, dem konservativen traditionellen Bankensystem und den modernen Fintechs. Nicht erwähnt haben Sie den in Israel für die Finanzierung der Hightechindustrie wichtigen Bereich des Risikokapitals, die so genannte Venture Capital Industry. Warum?
VC spielt eine sehr wichtige Rolle in der israelischen Industrie. Aber interessanter Weise sind israelische Banken und israelische Pensionsfonds hier gar nicht so stark involviert. Heute kommen die meisten VC-Fonds von reichen Amerikanern oder Europäern. Und das ist auch sinnvoll.

Warum?
Ich meine, israelische Investoren sollten nicht zu viel Geld in Venture Capital geben. Das nennt sich Home Bias, Heimvorteil. Wenn alles gut geht, wird die Investition mehr wert, gleichzeitig wird auch die Lohnentwicklung positiv sein, das Eigenheim wird mehr wert. Aber wenn etwas schief geht, multiplizieren sich auch die negativen Effekte. Es spricht daher viel dafür, sein Portfolio zu diversifizieren. Sprich: Israelis sollten auch in anderen Märkten investieren, weltweit.

Letzte Frage: Die israelische Hightechindustrie finanziert sich nicht nur mit Risikokapital, sondern auch durch direkte ausländische Investitionen, vor allem großer internationaler Konzerne. Fürchten Sie langfristig einen Ausverkauf des Landes, dass nämlich bald alles nur mehr den Googles und Intels gehört?
Es gibt dieses Problem, etwa bei Ökonomien, die auf Rohstoffen aufbauen. Ausländische Unternehmen kommen, beuten die Rohstoffe aus, und wenn die Minen leer sind, ziehen sie weiter. Das ist eine Katastrophe. In Israel ist die Situation eine völlig andere. Die wichtigste Ressource in Israel sind Gehirne. Und man kauft keine Gehirne. Man kauft spezielle Entwicklungen. Solange die Israelis es schaffen, immer neue Ideen zu erzeugen, sollte man sich keine Sorgen machen, wenn sich jemand einkauft. Wenn heute jemand unsere Ideen kauft, heißt das nicht, dass wir morgen keine neue Ideen mehr haben werden.


Mathematiker und Praktiker
Professor Dr. Zvi Wiener ist Dekan der Jerusalem School of Business Administration der Hebrew University. An dieser gibt es auch ein international vernetztes Zentrum für Fintechs, das sich wissenschaftlich mit aktuellen technologischen Entwicklungen im Finanzbereich befasst. Wiener, in der Sowjetunion geboren, ist eigentlich Mathematiker. Nach seinem Wechsel zu den Wirtschaftswissenschaften spezialisierte er sich auf Risikomanagement und komplexe Finanzprodukte. Er arbeitete auch außerhalb des akademischen Bereichs, etwa bei Lehman Brothers in New York, und berät als Consultant unter anderem das israelische Finanzministerium, die Nationalbank und die Tel Aviver Börse.

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