„Sage nie, es ist vorbei“

Der Direktor des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem, Efraim Zuroff, bezeichnet sich selbst als letzten „Nazijäger“ und sprach mit WINA über die Mühsal, Nazikriegsverbrecher auch vor Gericht zu stellen, und sein Engagement für einen Bewusstseinswandel in Osteuropa.

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Efraim Zuroff. „Mein Ziel ist es nun, auch die anderen noch lebenden Mitglieder von Einsatzgruppen zu finden.“ © Daniel Shaked

WINA: Sie jagen seit Jahrzehnten Nazikriegsverbrecher. 2002 lancierten Sie die „Operation Last Chance“. 16 Jahre später sind die meisten Menschen, deren Namen Sie dabei auf eine Liste setzten, verstorben. Andere konnten aufgespürt werden, konnten auf Grund ihres schlechten Gesundheitszustands aber nicht mehr vor Gericht gestellt werden. Vor allem Deutschland hat hier in den vergangenen Jahren seine Bemühungen intensiviert, frühere Nazikriegsverbrecher anzuklagen. Aktuell wird gegen eine Person, die Mitglied der so genannten Einsatzgruppen war, ermittelt. Die Betroffenen sind heute in ihren Neunzigern oder älter. Wann ist die Zeit gekommen zu sagen, es ist vorbei, wir werden niemanden mehr finden, der für Naziverbrechen verantwortlich war und noch lebt?
Efraim Zuroff: Ich sage es gerade heraus: Ich werde nie sagen, dass es vorbei ist. Es könnte noch jemand leben, und der wäre dann vom Haken. Was Deutschland betrifft, ja, da gab es einen Paradigmenwechsel in der Verfolgung von Nazikriegsverbrechern. Bis vor zehn Jahren musste man die betreffende Person für ein konkretes Verbrechen anklagen. Man brauchte Namen von Opfern. Der Fall Demjanjuk hat hier die Wende gebracht. Nun kann jeder, der zum Beispiel in einem KZ tätig war, verfolgt werden.

Das war der Startschuss, sich die Menschen, die in den Einsatzgruppen gedient haben, näher anzusehen. Wegen des Datenschutzes konnten wir aber nicht herausfinden, wer noch am Leben ist. Also haben wir das Gespräch mit dem damaligen deutschen Justizminister Heiko Maas gesucht. Eineinhalb Jahre später bekamen wir die Namen von acht Mitgliedern von Einsatzgruppen, die noch lebten. Dann passierte nichts mehr. Ich war so wütend. Ich habe dann mit einer TV-Station, die Interesse an dem Fall hatte, zusammengearbeitet. So konnten zwei Personen ausfindig gemacht werden. Gegen eine von diesen wurden nun von den Behörden Ermittlungen eingeleitet. Mein Ziel ist es nun, auch die anderen noch lebenden Mitglieder von Einsatzgruppen zu finden.

Ist es nicht sehr mühsam, das Gefühl zu haben, die Behörden und die Politik immer wieder auf ihre Verantwortung hinweisen zu müssen?
Ja, das ist sehr frustrierend. Die meisten Regierungen haben kein Interesse daran, Nazikriegsverbrecher vor Gericht zu bringen. Es ist keine angenehme Rolle. Aber diese Arbeit muss gemacht werden. Es geht um Gerechtigkeit.

Sie haben die österreichischen Behörden oft kritisiert, vor allem in Zusammenhang mit dem Fall Wallisch, bei dem kein Verfahren eröffnet wurde, bevor in Polen Zeugen aufgetrieben werden konnten.
Österreich ist ein Desaster.

Als Sie die „Operation Last Chance“ lancierten, wurde Österreich von einer ÖVP-FPÖ-Koalition regiert. Jetzt gibt es erneut eine schwarz-blaue Regierung. Welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht?
Es war absolut schrecklich. In anderen Worten: Wer Menschen zur Gaskammer brachte, sie aber auf dem Weg dorthin nicht geschlagen hat, kann nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist lächerlich. Wenn es den Willen gibt, findet sich auch ein Weg, ein Verfahren zu eröffnen. Aber es gibt eben keinen Willen. Und die Täter von damals fühlen sich sicher. Sie dachten nicht, dass sie noch jemals jemand suchen würde. Und das hat ja auch über Jahrzehnte gestimmt.

»Die Täter von damals fühlen sich sicher.
Sie dachten nicht, dass sie noch jemals
jemand suchen würde.«
Efraim Zuroff

Wie beurteilen Sie die aktuelle Regierung?
Ich sehe ein Antisemitismusproblem. Aber dieses Phänomen ist quer durch Europa zu beobachten: Da gibt es Regierungen, die voller Bewunderung für Israel sind, aber gleichzeitig mögen sie keine Juden. Beispiel Ungarn. Für Israel ist das ein wirkliches Dilemma. Man kann keine freundschaftlichen Beziehungen zu einem Land führen, das antisemitisch ist. In Richtung FPÖ möchte ich sagen: Ihr wollt zeigen, dass ihr euch von eurer Nazivergangenheit gelöst habt? Dann ändert die Voraussetzungen, die nötig sind, um jemand eines NS-Verbrechens anzuklagen. Verfolgt die letzten Naziverbrecher, die es noch gibt.

In den vergangenen Jahren haben Sie sich sehr dafür eingesetzt, Naziverbrechen in osteuropäischen Ländern sichtbar zu machen. In Litauen haben Sie die Journalistin Ruta Vanagaite unterstützt, die ein Buch darüber geschrieben hat, wie Litauer in NS-Massenmorde involviert waren.
Wir haben das Buch gemeinsam geschrieben. In Litauen ist es nur unter ihrem Namen erschienen, in anderen Staaten in Übersetzung unter unser beider Namen.

Die litauische Regierung plant nun, ein Gesetz zu verabschieden, das künftig den Verkauf von Informationen, wie sie sich in diesem Buch finden, unter Strafe stellt. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie so etwas hören?
Wie ich mich fühle: In dem Bericht über dieses Gesetz wurde als Illustration unser Buch dargestellt. Es ist ein Gesetz gegen unser Buch. Es war aber keine Überraschung. Wir waren auf das Schlimmste vorbereitet. Wir haben die Wahrheit aufgezeigt – die Regierung erzählt seit Jahren Lügen. Die Wahrheit kommt aber immer ans Licht. Ich habe jetzt kein Problem – Litauen hat ein Problem. Litauen will eine Demokratie innerhalb der EU sein. Doch sieht so eine Demokratie aus?

Warum schreitet die EU hier nicht ein?
Die EU ist für nichts gut. In anderen Worten: Sie ist nicht fähig, Konsequenzen zu ziehen, man sehe sich nur die Situation in Ungarn an. Ein Teil des Problems ist aus meiner Sicht – und das mag sich nun etwas seltsam anhören –, dass es in einigen osteuropäischen Ländern einen Holocaustneid gibt. Wie meine ich das? Niemand beneidet die Opfer. Aber es gibt einen Neid in Bezug auf das, was wir, das jüdische Volk, in Sachen Anerkennung und auch Entschädigung erreicht haben. Sie wollen Entschädigung für Opfer des Kommunismus. Aber da gab es nichts.

In einem anderen EU-Staat, Polen, wurde kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das es unter Strafe stellt zu sagen, dass es sich bei früheren Konzentrationslagern auf dem Gebiet des heutigen Polen um polnische Lager gehandelt hat. Das wird allerdings von Kritikern auch als Schritt in eine Richtung gesehen, in der auch polnische Kollaborateure von ihrer Schuld freigesprochen werden.
Erstens: Das stimmt, die früheren KZs waren keine polnischen Lager. Die Polen haben diese Lager nicht gebaut. Das ist also gerechtfertigt. Das, was sonst mit diesem Gesetz einhergeht, ist aber nicht gerechtfertigt. Es gab Polen, die Juden ermordeten. Und wirklich lächerlich wird es, wenn der israelische Präsident Reuven Rivlin für seine heurige Rede in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz angezeigt wird. Das ist absurd. Das Gesetz wird von polnischen Nationalisten angeheizt.

Es gibt aber doch einen großen Unterschied zwischen Polen und Litauen in der NS-Zeit. Polen war nicht eingebunden in den Massenmord. Polen existierte damals gar nicht. In Litauen dagegen wirkten offizielle Einheiten am Morden mit. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Recherchen: In Westeuropa wurden Juden zusammengesammelt und zu ihrer Ermordung anderswohin geschickt. Das ist Komplizenschaft beim Morden. In einigen östlichen Ländern war das anders. Litauen wirkte eben selbst am Massenmord mit.

 

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