Vom D.P. Express zur Jewish Voice

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Jewish Voice from Germany: der deutsch-israelische Publizist Rafael Seligmann in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg - hier mit seiner Schildkröte Kuschi.

Jüdische Medien in Deutschland. Ein kleinerRundgang. Von Alexander Kluy

Zehn Wochen brauchte man. Zehn Wochen nach dem 8. Mai, der Kapitulation Nazi-Deutschlands, bis auf deutschem Boden nach sechseinhalb Jahren wieder eine erste jüdische, dem Judentum gewidmete Zeitung erschien, in München. Ihr überaus zeitgebundener Name: D.P. Express. Am 14. Juli (dem Tag des Sturms auf die Pariser Bastille) 1945 lag die erste Nummer vor, 32 folgten. Die Redaktionsräume waren anfangs im Deutschen Museum untergebracht, später zogen die Zeitungsmacher in die Möhlstraße im Münchner Bezirk Bogenhausen, wo sich damals in einem Karree weniger Straßen zahlreiche jüdische Hilfsorganisationen, Spitäler, Kindergärten und Schulen, eine provisorische Synagoge und die fürs Überleben dringend benötigten Schwarzmarkthändler drängten.

Vom Gemeindeblatt zur Allgemeinen

In Düsseldorf am Rhein brauchte man mehr als ein halbes Jahr länger, um das Jüdische Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen auf den Weg zu bringen. Wenige Wochen nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe wurde es umbenannt in Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone. 1973 hieß sie Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, ab 2002 Jüdische Allgemeine. Heute ist es das größte jüdische Perio­dikum in Deutschland und seit 1999 in Berlin ansässig, lange im Herzen des alten jüdischen, nach 1933 vollständig aus dem Weichbild der Stadt ausradierten Textil- und Konfektionsfirmenviertels am Hausvogteiplatz. Ende 2011 wurde in die Johannisstraße gleich neben dem Leo-Baeck-Haus übersiedelt, dem Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland, der als Herausgeber fungiert.

Das Blatt positioniert sich in einer langen Tradition, jener der 1837 begründeten Allgemeinen Zeithung des Judentums, die 1922 in der CV-Zeitung aufging, dem Organ des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, das am 3. November 1938 zur Einstellung gezwungen wurde. Laut IfV, der Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V., trotzt diese einzige überregionale deutschsprachige jüdische Wochenzeitung dem grassierenden Printmedienschwund. Die Druckauflage stieg vom 4. Quartal 2012 zum 1. Quartal 2013 von 8.378 Exemplaren auf 9.346, ein Plus von mehr als 11,5 Prozent. Der Verkauf nahm um rund 3 Prozent zu: von 5.871 Stück auf 6.046. Schrumpften die Abonnementzahlen auch um 90 Exemplare – von 3.189 auf 3.098 –, ein Minus von 2,85 Prozent, so war beim Freiverkauf eine stupende, Christen würden „wundersam“ schreiben, Steigerung zu verzeichnen: um fast 25 Prozent (von 850 auf 1.059 Exemplare)! Worauf dies zurückzuführen ist? Vielleicht auf die dezidierte Liberalität des Blattes – selbst der den Zentralrat heftig attackierende Polemiker Henryk Broder, der manchem als rabiater Pöbler gilt, wird auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen gewürdigt, ausgefeilt liberal, endete doch das jüngste Porträt mit dem raffiniert zwiespältigen Satz: „Auf jeden Fall wird er gebraucht – leider.“

[quote]Zehn Wochen nach dem 8.Mai 1945 erschien nach sechseinhalb Jahren wieder eine erste jüdische Zeitung in Deutschland.[/quote]

Die unabhängige, gegenüber dem Zentralrat kritisch eingestellte Jüdische Zeitung wurde im Herbst 2005 vom deutsch-russisch-jüdischen Medienunternehmer Nicholas R. Werner (neu)gegründet, der nun (nach einer Politikkarriere, in der ihn der verunglückte russische General Alexander Lebed maßgeblich protegiert hat – Werner brachte es bis zum sibirischen Vize-Gouverneur) in seiner in Berlin-Marienfelde ansässigen Werner Media Group ein halbes Dutzend russischsprachiger Periodika herausgibt (Europa Ekspress, Berlinskaya Gazeta, Vsya Europa). Die Startauflage des monatlich erscheinenden Blattes betrug 41.000 Exemplare, 2009 wurde eine sechsmonatige Druckvakanz eingelegt. Die Redaktion besteht aktuell aus zwei Redakteuren, einem Chef vom Dienst und einem Verlagsdirektor.

Jüdische Stimme aus Deutschland

Der Berliner Publizist und Romancier (Der Musterjude) Rafael Seligmann, 1957 20-jährig aus Israel nach Deutschland übersiedelt, der seit Oktober 2004 als Chefredakteur der in Deutschland und in den USA erscheinenden Monatszeitung The Atlantic Times amtiert, gründete Ende 2011 Jewish Voice from Germany. Die erste Nummer erschien am 1. Januar 2012, ihre Startauflage: 30.000 Exemplare. Dezidiert auf eine Unabhängigkeit von Geldgebern jeder Art pochend, umfasst der Mitarbeiterstamm des englischsprachigen Magazins, das vierteljährlich erscheint, ein breites Spektrum, es reicht von Moshe Zimmermann bis zum Rabbiner Walter Homolka, vom Finanzkolumnisten Jens Spudy (jüngste Empfehlung: „German stocks still a must-have“) bis zu Rafael Seligmann selbst, der jüngst bei der Autobiografie Charlotte Knoblochs, von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Ko-Autor fungierte. Redaktions­sitz ist Seligmanns Berliner Wohnung.

Jüdisches Onlinemedium. Ein reines Onlinemedium ist haGalil.com, das von einem Verein mit Sitz in München betrieben wird. Explizit als Kontrapunkt gegen Neonazismus, Antisemitismus und Rassismus im Internet ist es von seinem Gründer David Gall konzipiert. Gall über den Impetus, der ihn zu seiner Internetseite bewog: „Als ich mich 1994/95 beruflich erstmals intensiver mit dem World Wide Web beschäftigte, wollte ich auch wissen, was sich zum Thema Judentum im Internet finden ließ. Ich habe Begriffe wie Talmud, Schabat, koscher und anderes mehr eingegeben – und bin fast ausschließlich auf Nazi-Websites gelandet. Genauso sah das übrigens bei Suchbegriffen wie ‚Auschwitz‘ oder ‚Hitler‘ aus. Das war der Anfang von haGalil online. Die allerersten Seiten, die wir ins Netz gestellt haben, entstanden dann aber unter dem Schock der Ermordung des Ministerpräsidenten Jizhak Rabin im November 1995.“

 

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