„Nicht ungestraft ist man Journalist“

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Theodor Herzl © Deutschlanddokumente.de

Theodor Herzl war einer der bedeutendsten Journalisten der Jahrhundertwende. Und auch den Weg zum Zionismus verdankt er seiner Zeit als Korrespondent in Paris. Von Anita Pollak.

Er war nicht der beste Dramatiker, aber sicher einer der glänzendsten Journalisten seiner Zeit. Nach einigen Lehrstücken in anderen Zeitungen hatte es Theodor Herzl im Alter von 29 Jahren ins Allerheiligste der damaligen österreichischen Medienlandschaft, in die Neue Freie Presse geschafft.280 Feuilletons verfasste er von 1887 bis 1904, die Bandbreite seiner Themen war weit gestreut: Reiseberichte, Stimmungsbilder, Schwänke, Reportagen, Buch- und Theaterkritiken. „Wie zierliche, elegant und reich gekleidete altkluge Kinder schickte er seine Feuilletons in die Welt hinaus“, schrieb Felix Salten bewundernd. Als Meister dieses Genres zählte Herzl zu den bestbezahlten Publizisten seiner Zeit und nützte auch sein Renommee, um sein eigentliches Traumziel zu erreichen: als Dramatiker am Burgtheater gespielt zu werden.

Letztlich verdankt sich auch die spätere Gründung des Judenstaates Herzls journalistischer Tätigkeit.

Hätte Herzl nach seinem Jus-Studium eine Karriere als Jurist angestrebt, wer weiß, ob es heute den Staat Israel gäbe.

Von Dreyfus zum Zionismus
Mit dem Auftrag, „Futter für den weit geöffneten Schlund der Neugierde“ zu liefern, schickte ihn sein Chefredakteur 1891 als Korrespondent nach Paris. „Tagesgeschichtsschreibung“ hat Herzl seine Tätigkeit als Generalist genannt, zu dessen Aufgaben Parlaments-, Gerichts- und Wahlberichterstattung ebenso gehörten wie „Miniaturen mit Menschen“ oder „Stichproben aus dem Volk“, in denen er seinem feuilletonistischen Stil treu blieb. In seinem Essay Die Schule des Journalisten resümierte er über vier Jahre, in denen er als Zeitungsschreiber aus einem „engen Verschlag“ im französischen Parlament dessen politische Akteure beobachtete. „Der Auftrag des Volksvertreters ist in der Wurzel krank, das haben wir bei den Wahlen gesehen. Auf Versprechungen hin, deren Unerfüllbarkeit der Kandidat genau weiß, erhält er einen unbestimmten Auftrag zur Gesetzgebung.“

Und dann kam es während seiner Pariser Jahre Ende 1894 zur so genannten Dreyfus-Affäre. Herzl, der als Korrespondent vom Prozess berichtete, wusste sehr bald, dass mehr auf dem Spiel stand als der verhandelte „Verrat am Vaterland“ des angeklagten jüdischen Hauptmanns. Der aufbrechende und selbst nach der Rehabilitierung des Unschuldigen virulente Antisemitismus in Frankreich führte zur folgenreichen Erkenntnis, „dass einem Juden die Gerechtigkeit verweigert werden kann, aus keinem anderen Grund, als weil er ein Jude ist“, wie Herzl 1899 unter seinem hebräischen Namen Benjamin Seff in der von ihm gegründeten Zeitschrift Die Welt feststellte. Anders als Emile Zola, der als aufgeklärter Franzose moralisch erschüttert Anklage erhob, zog Herzl als Jude betroffen seine Konsequenzen. „Zum Zionismus hat mich nämlich – der Prozess Dreyfus gemacht.“

Hätte Herzl nach seinem erfolgreichen Jus-Studium eine Karriere als Jurist angestrebt und wäre nicht seinem Wunsch gefolgt, sich schreibend zu verwirklichen, wer weiß, ob es heute den Staat Israel gäbe. Doch gerade über dieses Sehnsuchtsziel durfte er sich bei seinen Arbeitgebern nicht journalistisch äußern. Wollte doch die Neue Freie Presse unbedingt vermeiden, als Sprachrohr des Zionismus angesehen zu werden.

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