„Antisemiten sind zumeist die anderen“

Barbara Serloth zeigt in ihrem Buch Nach der Shoah auf, wie hartnäckig sich auch nach 1945 die antijüdischen Vorurteile in Österreich gehalten haben.

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Barbara Serloth: Nach der Shoah. Politik und Antisemitismus in Österreich nach 1945. Mandelbaum Verlag, 304 S., 25 €

Wer die früheren Bücher und Publikationen von Barbara Serloth kennt, weiß, dass die Politikwissenschaftlerin nicht nur akribisch recherchiert und schonungslos aufdeckt, sondern sich auch keineswegs scheut, die Aufmerksamkeit auf wunde Punkte der österreichischen Innenpolitik zu lenken. 2016 legte sie im Mandelbaum Verlag ihre Arbeit Von Opfern, Tätern und jenen dazwischen vor (siehe dazu Wie Antisemitismus die Republik mitbegründete in WINA 12/17). Jüngst erschient im gleichen Verlag Nach der Shoah. Politik und Antisemitismus in Österreich nach 1945.
Serloth stellt sich die Frage, wie sich trotz aller gegenteiliger Beteuerungen der tief verwurzelte Antisemitismus in der „beobachteten Demokratie“ der Nachkriegsjahre halten konnte. Dieser wirkte sich nämlich brutal skrupel- und schamlos auf die Forderungen der österreichischen Juden und Jüdinnen nach Restitution und Gleichberechtigung aus. „Österreich macht es sich heute mit dem Nationalsozialismus nicht mehr so einfach. Man stellt sich – wenn auch nicht ganz – der Mitschuld an dessen Gräueltaten, doch der Opfermythos gehört noch immer zum gängigen Narrativ“, stellt die Autorin fest. „Aber im Gegensatz zum Nationalsozialismus geht man mit dem Antisemitismus auch jetzt noch relativ sorglos um – zumindest dann, wenn es um den eigenen geht. Antisemiten sind zumeist die anderen.“ Für das rechte politische Lager existiere vor allem der muslimische Judenhass, für die Linken der rechtsradikale. Ferner konstatiert Serloth, dass die Konservativen den christlichen Antisemitismus genauso gerne ausblenden wie die Linken den antizionistischen.

»Der Nationalsozialismus und seine Untaten wurden kurzerhand exterritorialisiert und als Gesamtpaket der Bundesrepublik Deutschland übergeben.«

Stereotype verfestigt. Die langjährige Lektorin des Instituts für Staatswissenschaften der Universität Wien ist auch Leiterin der politischen Dokumentation der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion. In ihrem neuen Buch analysiert sie sowohl die politischen und parlamentarischen Diskurse wie auch die Gesetzwerdungsprozesse und letztlich die Restitutionsgesetze seit 1945. Mit äußerster Sorgfalt zeigt sie die ambivalente, ausgrenzende Haltung der damaligen politischen Eliten auf: Das Vorurteil, dass Juden und Jüdinnen, die ihr Eigentum zurückforderten, sich bereichern wollten, blieb dabei zentral. „Die Gruppe der Geflohenen wurde in den politischen Narrativen zumeist auch nach 1945 aus der Wir-Gemeinschaft der ‚echten‘ Österreicherinnen und Österreicher entfernt. Damit ging nicht immer, aber auffallend häufig die Delegitimation ihrer politischen Wortmeldungen und/oder rechtlichen Ansprüche einher“, stellt die Wissenschaftlerin fest. So hätten sich in der langen Nachkriegszeit die antisemitischen Stereotype innerhalb der demokratischen Strukturen verfestigt. Erst in den späten 1980er-Jahren wurde mit dem Aufbrechen des Opfermythos – auch infolge der Waldheim-Affäre – mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und der Restitutionsfrage begonnen. „Der Nationalsozialismus und seine Untaten wurden kurzerhand exterritorialisiert und als Gesamtpaket der Bundesrepublik Deutschland übergeben.“
Die tiefer liegenden Wurzeln für das Verhalten nach der Schoah sieht Serloth in der Ausblendung des Austrofaschismus in Österreich zwischen 1934 und 1938: Einerseits hätte seine Erwähnung die Mär von der demokratischen Kontinuität infrage gestellt, andererseits war man bedacht, die politischen Gräben des Bürgerkrieges zuzuschütten. Das politische Ziel sei es gewesen, die erzählte Einigkeit, die österreichische „Schicksalsgemeinschaft“ nicht mit Aufarbeitungen der geschichtlichen Realität zu entzaubern. „Nur durch die Erzählung, dass die österreichische Demokratie allein wegen der Okkupation durch das als fremde und feindliche Macht dargestellte Hitler-Deutschland gewaltsam unterbrochen worden war, konnten der Opfermythos gestärkt und die Unschuldsthese abgesichert werden.“

Die Autorin beschreibt die Integration der „Ehemaligen“ anhand von Beispielen, die beweisen, wie diese Gruppe verhätschelt und politisch umworben wurde, bei gleichzeitiger Verniedlichung ihrer Taten. Und sie zeigt auf, wie die Arisierungen heruntergespielt und abgewertet wurden, während die Flucht „ins sichere Ausland, wo es ihnen so gut ging“ brutal verharmlost wird.

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