Beton und Poesie

In Tel Aviv starb 90-jährig der begnadete Bildhauer Dani Karavan, bekannt vor allem für seine begehbaren Kunstwerke und Erinnerungsdenkmäler.

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© 123RF

Er konnte zart und hart. Kaum jemand, dem Dani Karavans monumentale Kunstwerke aus Beton, Stein und Stahl geläufig sind, wusste auch über seine ganz anderen, früheren Arbeiten Bescheid. Über Jahre entwarf er Bühnenbilder für eine der delikatesten Kunstformen der Bühne, das Ballet. Und er kooperierte mit ganz großen Truppen, mit Martha Graham, mit der Bat Sheva Dance Company oder auch mit dem Komponisten Gian Carlo Menotti. Karavan starb im Mai 90-jährig in Tel Aviv.

© flash90/Tomer Neuberg

Er war als Kind polnischer Einwanderer 1930 in Palästina geboren worden, sein Vater Abraham zeichnete als Landschaftsarchitekt von den Vierziger- bis zu den Sechzigerjahren für das Aussehen eines Gutteils von Tel Aviv verantwortlich. Dani Karavan studierte erst in Tel Aviv Malerei, im Atelier von Yehezkel Streichman und Avigdor Steimatzky, später bei Mordechai Ardon in Jerusalem. Einige Jahre malte Karavan im Kibbuz Harel bei Latrun am Weg von Tel Aviv nach Jerusalem, wo er 1948 zu den Gründungsmitgliedern gehörte. 1956 reiste er nach Florenz, um an der Accademia delle Belle Arti Freskomalerei zu erlernen, dann ging es nach Paris an die Académie de la Grande Chaumière.
Nun kamen die Jahre als Bühnenbildner am Tanztheater, bis er seine Liebe zu massiveren Materialien entdeckte. Einem steinernen Relief an der Knesset in Jerusalem folgte seine erste große begehbare Skulptur, das Denkmal für die Negev-Brigade in Beer Sheva. Es überragt von einem Hügel die Wüstenstadt und ist eine komplexe Anordnung unterschiedlicher mächtiger Betonteile mit symbolischen Bedeutungen, vom hoch aufragenden Wachturm bis zur – gerade in dieser Gegend so notwendigen – Wasserleitung. Karavan wollte schon bei dieser Land-Art-Skulptur, dass sie nicht nur von außen betrachtet wird, sondern sich die Besucher auch hineinwagen, das Kunstwerk im wahrsten Sinn des Wortes begehen.

„Ich habe Grenzen überschritten, Disziplinen gesprengt und mich zwischen Minimalismus und Konzeptkunst, Figuration und Abstraktion, Skulptur und Architektur, Land Art und Landschaftsdesign hin- und herbewegt.“
Dani Karavan

Bei späteren Arbeiten integrierte er zunehmend Elemente der Natur in seine Skulpturen: Bäume und Blumenbeete, Grasflächen und Pergolas. So hat er etwa den Platz vor dem israelischen Nationaltheater Habima in Tel Aviv gestaltet, der täglich aktiv von Jung und Alt in Besitz genommen wird.
Ähnliches gilt für sein Mahnmal, das in Berlin an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma erinnert und über das die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb: „Dessen Kern bildet ein kreisrundes Wasserbecken; in seinem dunklen Wasser spiegeln sich Betrachter, Bäume und das Reichstagsgebäude. Inszeniert als Idyll im Großstadttrubel, setzt das Mahnmal da-
rauf, den zufälligen Passanten ins Gedenken an die Zusammenhänge von Natur, Mensch und Geschichte hineinzuziehen.“
Vor den Düsseldorfer Landtag von Nordrhein-Westfalen hat Karavan eine symbolträchtige Großplastik gesetzt. Die tonnenschwere runde, rostige Stahlplatte nimmt die bogenförmige Architektur des Gebäudes dahinter auf, aber sie wird in der Mitte geteilt von zwei Schienen: Die Wege nach Auschwitz haben in jeder deutschen Stadt begonnen.
Eine der eindrucksvollsten Arbeiten Karavans erinnert an die Flucht und den Selbstmord des deutschen linken Intellektuellen Walter Benjamin an der französisch-spanischen Grenze in Portbou nahe Girona: Ein beklemmender stählerner Korridor führt steil hinunter an das blaue Mittelmeer – an jenes Meer, über das heute Flüchtlinge aus Afrika nach Europa streben.

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