Eine große Familie gefunden

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Wenn Tanja Eckstein mit Menschen ins Gespräch kommt, schließt sie sie bald in ihr Herz. Das gilt auch für jene heute sehr betagten Holocaust-Überlebenden, die sie für Centropa interviewt hat. Von Alexia Weiss

Als ich mit meinem Mann und meinen zwei kleinen Töchtern an einem verregneten Herbsttag des Jahres 1984 aus Ostberlin kommend am Franz-Josefs-Bahnhof in Wien eintraf, war ich eine Analphabetin in allen Dingen des jüdischen Lebens“, erzählt Tanja Eckstein. Ihr 1905 in Wien geborener Vater wurde im November 1938 ins KZ Dachau deportiert, kam durch ein Permit aus England nach fünf Monaten frei und konnte nach London flüchten. In England wurde der Sozialdemokrat zum Kommunisten. Über sein Judentum, über seine Kindheit und Jugend in Wien sprach er mit seiner Tochter nie. Was er von seinem Judentum seiner Tochter vermittelte, war allein der Bezug zur NS-Verfolgung und dem Mord an Millionen Juden. Was sie sich wünschen würde? „Einen Tag mit meinem Vater, an dem ich ihn alles fragen und ihm erzählen kann, wer ich heute bin.“
Jüdisches Wiener Puzzle

Seit 2002 interviewt Tanja Eckstein für Centropa Holocaust-Überlende, vorrangig in Wien, aber auch in Linz und Tel Aviv. Sie lernt dabei deren Lebensgeschichten kennen, sieht sich Fotos an, setzt einen Puzzlestein zum anderen. Zusammengefügt hat sich dabei auch ihr eigenes jüdisches Wiener Puzzle. „Diese Interviews haben es mir möglich gemacht, vieles über meine eigene Familiengeschichte zu erfahren und noch stärker meine Identität zu finden. Ich habe dadurch auch in Wien ein Zuhause gefunden.“ All das verdanke sie Edward Serotta, der 1999 den Verein Centropa gründete, betont sie. „Ohne das Vertrauen, dass Edward Serotta, als er mir 2002 ein Aufnahmegerät, ein Mikrofon und einen Leitfaden zur Interviewertätigkeit übergab, in mich setzte, wäre mein Leben anders verlaufen.“

Erwin Freund, Ecksteins Vater, und seine Eltern Alfred und Klara lebten am Gaußplatz im 20. Bezirk. Seine Eltern sowie der Großteil seiner Familie wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Dadurch war er so traumatisiert, „dass er, außer ein paar kleine Episoden, nichts, aber auch gar nichts über sein Leben vor der Schoa erzählen konnte“. Die Tochter konnte sich erst viele Jahre nach dem Tod des Vaters, der 1978 in der DDR gestorben war, auf Spurensuche begeben, nämlich erst dann, als sie mit ihrem Mann Wolf-Erich Eckstein und den zwei Töchtern der DDR den Rücken gekehrt hatte.

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Sie fand die Zeugnisse des Vaters in der Schule in der Unterbergergasse und erfuhr, dass er Hebräisch lesen und beten konnte und die Familie zu den Hohen Feiertagen sicher in die Syna­goge in der Kluckygasse gegangen war. Dass ihre Großeltern sich Enkelkinder wünschten, hat sie von der Frau des besten Freundes ihres Vaters in New York gehört. Als ihr erstes Enkelkind geboren wurde, hatte man das Paar bereits ermordet.

Vier alte Familienfotos sind in Ecksteins Besitz

Zwei Aufnahmen der Großeltern des Vaters mütterlicherseits, ein Bild seines Onkels und seiner Tante und ein Foto, auf dem ihr Vater, ungefähr im Alter von 13 Jahren, mit seiner Mutter im Garten zu sehen ist. Diese Fotografien sind auf Umwegen zu ihr gekommen. „Eines habe ich als junges Mädchen von einem entfernten Verwandten meines Vaters in Rumänien, in der Stadt Arad, bekommen, eines in der Slowakei, in einem kleinen Dorf nahe der österreichischen Grenze, in dem mein Urgroßvater Gutsverwalter war, und eines aus Amerika von einem gefundenen Verwandten. Diese Fotos sind Schätze für mich, aber leider gibt es keine Geschichten dazu.“

In viele Familiengeschichten ist sie im Zug ihrer Interviewertätigkeit für Centropa eingetaucht. „Ich wurde sehr freundlich aufgenommen, durfte viele Fragen stellen und bekam viele Antworten. Ich wurde nicht nur in den Wohnungen willkommen geheißen – nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, eine große Familie gefunden zu haben.“ So entstand auch die Idee des Café Cent­ropa. Einmal im Monat kommen hier Holocaust-Überlebende im Gemeindezentrum oder im Restaurant Alef Alef zusammen. Es gibt abwechselnd Vorträge, Lesungen, Ausflugsfahrten, und  es werden jüdische Feste miteinander gefeiert. „Und immer wieder kommen neue Leute dazu.“ Mit vielen ihrer Interviewpartner ist sie heute noch in engem Kontakt und kümmert sich „um viele Probleme und Problemchen. Teilweise telefonieren wir täglich. Diese Arbeit ist mein Leben geworden.“

Aufgewachsen sei sie ohne jegliche Religion, obwohl das Jüdische in ihrem Leben seit ihrer Kindheit „immer da war, immer existierte“, erinnert sie sich. Für Tanja Eckstein bedeutet das auch, „das Leben und die Menschen auf bestimmte Art zu sehen. Sich Gedanken zu machen. Zu helfen. Fragen zu stellen. Und sich einzumischen.“ Es freut sie sehr, dass auch im  Leben ihrer Töchter und deren Familien das Judentum weiterlebt – trotz der Sprachlosigkeit des Vaters. Die jüdischen Wurzeln konnten nicht zerstört werden.

Zur Person

Tanja Eckstein, geb. 1949 in Berlin, aufgewachsen in der DDR. Nach der Schule Arbeit für Verlage, beim Dokumentarfilm und im Buchhandel. 1984 Emigration nach Wien. Hier 15 Jahre Buchhändlerin, seit 2002 als Interviewerin für Centropa tätig. Sie hat dabei an die 70 Lebensgeschichten, vor allem von in Wien lebenden Juden, dokumentiert. Seit sechs Jahren leitet sie das Café Centropa, einen jüdischen Seniorenclub. 2008 erschien im Mandelbaum-Verlag das Buch Wie wir gelebt haben. Wiener Juden erinnern sich an ihr 20. Jahrhundert, bei dem sie Mitherausgeberin ist. Tanja Eckstein ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Töchter sowie Großmutter dreier Enkelkinder.

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WINAinfo

CENTROPA

The Central Europe Center for Research and Documentation (Centropa) ist ein 1999 von Edward Serotta ins Leben gerufenes Oral-History-Projekt. Jüdische Geschichte wird hier an Hand von Familienfotos und den Geschichten, die diese erzählen, dokumentiert. Seit 2000 wurden unter dem Titel Jüdische Zeugen eines europäischen Jahrhunderts an die 1.250 Lebensgeschichten aufgeschrieben und 25.000 Familienfotos digitalisiert. Die Interviews wurden in Litauen, Lettland, Estland, Polen, Russland, der Ukraine, der Tschechischen Republik, der Slowakei, in Österreich, Moldawien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Serbien und der Türkei geführt. Produziert wurden dazu auch biografische Kurzfilme, die in der Arbeit mit Schülern zum Einsatz kommen. Seit 2007 ist Centropa mit dem Bildungsprojekt Studienzentrum für jüdisches Leben im Mitteleuropa des 20. Jahrhunderts an Schulen in Europa, den USA und Israel zu Gast, 2006 entstand das Café Centropa, der jüdische Seniorenclub.

centropa.org

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1 KOMMENTAR

  1. Sehr geehrte Frau Eckstein,

    Meine Kollegin, Andrea Fössl, hat mich an Sie verwiesen.

    Ich bin dabei, meine Familiengeschicht aufzuarbeiten und so meiner Mutter, Vilma Steindling, die bereits 1989 verstorben ist, ein Denkmal zu setzen.
    Sie war in Frankreich in der Résistance, wurde 1942 von der Gestapo verhaftet, sass 9 Monate in französischen Gefängnissen, wurde von Drancy 1943 nach Auschwitz deportiert, das sie überlebte und ging im Jänner 1945 auf dem Todesmarsch nach Ravensbrück, wo sie letztlich vom schwedischen roten Kreuz befreti wurde.
    Sie hat leider sehr wenig über ihre grauenhaften Erlebnisse gesprochen. Es war ih offenbar nicht möglich.
    Meine Frage an Sie wäre daher, ob sie Überlebende, die meine Mutter gekannt haben könnten, interviewt haben.
    Die meisten ihrer Gefährten und Gefährtinnen waren sowohl kommunisten als auch assimilierte Juden.
    Ich möchte, leider viel zu spät, noch einiges über meine Mutter erfahren.
    Ich wäre Ihnen sehr dankbar, könnten Sie mir ein bisschen weiterhelfen. Ich klammere mich an jeden Strohhalm.

    Vielen Dank und mit besten Grüßen

    Ruth Steindling

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