Erfolgreich in der jüdischen Nische

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Den einzigen deutschsprachigen Verlag mit ausschließlich jüdischem Programm leitet seit fünf Jahren eine junge deutsche Nicht-Jüdin.

Nora Pester konnte einfach nicht Nein sagen, als ihr Hentrich & Hentrich zum Kauf angeboten wurde. Warum gerade diese Nische sie gereizt hat und wie sie sie seither ausfüllt, erklärt die Verlagsleiterin in einem Gespräch mit Anita Pollak.

wina: War es nicht ein Risiko, ohne Vertrautheit mit der jüdischen Thematik diesen kleinen Privatverlag zu übernehmen?

Nora Pester: Ich hätte ihn gar nicht genommen, wenn es etwas anderes gewesen wäre. Gerade dieser Schwerpunkt hat mich gereizt, ich habe es mir aber nur zugetraut, weil der Verlag auch Berater hat. Zum Beispiel Hermann Simon, den Direktor des Centrum Judaicum, und wir arbeiten etwa auch mit dem Bet Deborah zusammen.

Was hat Sie denn aber nun so besonders gereizt?

❙ Den Verlag in die Gegenwart zu führen. Gerhard Hentrich, der Verlagsgründer, hat sich in den 80er-Jahren eher dem Nationalsozialismus und der jüngeren Vergangenheit zugewandt, damals gab es ja noch nicht so viel darüber. Ich denke aber, jetzt ist es an der Zeit zu schauen, was es an neuem Jüdischen gibt, also mit Blickrichtung Israel, aber auch Südamerika, anderseits aber auch weiter zurück zu gehen in die Zeit vor 1933.

Wer ist denn Ihr Zielpublikum?

❙ Das Zielpublikum auszumachen ist gar nicht so einfach. Es sind gerade bei den historischen Themen vor allem nicht-jüdische Leser. Das sehen wir bei den entsprechenden Veranstaltungen. Wir machen ja rund 100 Veranstaltungen jährlich. Mit spezifisch jüdischen Titeln wie z. B. einer Sammlung von Gebeten oder einer Haggadah erreichen wir auch ein jüdisches Publikum, das sucht dann eher etwas für den Gebrauch.

Können Sie Hebräisch?

❙ Nein, leider nicht, aber eine Mitarbeiterin ist Judaistin, und auch ein Historiker und eine Literaturwissenschaftlerin gehören zu meinem Team.

Ist es eine große Verantwortung, den einzigen nur jüdischen Verlag in Deutschland zu führen?

HentrichHentrich_JewishGirls_46❙ Ja , auf jeden Fall. Das merken wir auch daran, dass wir immer mehr zu einer Art Kompetenzzentrum werden. Wenn Menschen eine Expertise zu jüdischen Themen suchen, wenden sie sich oft an uns. Vor Rosch ha-Schana rief etwa eine Dame an und fragte: Wann beginnt denn nun genau das Neue Jahr, das steht gar nicht auf Ihrer Website. Wir machen nächstes Jahr auch ein Lehrbuch zum Thema jüdische Ethik gemeinsam mit dem Deutschen Zentralrat und der Schweizerischen Vereinigung, die Österreicher sind leider nicht dabei. Das wird sich mit ganz aktuellen, relevanten Fragen aus jüdischer Perspektive befassen wie z. B. Judentum und Umweltschutz, Judentum und Sexualität, Gentechnik, Judentum und Krieg.

Sie haben eine österreichisch-jüdische Familiengeschichte über „Die anderen Mautners“ (siehe Rezension) präsentiert. Gibt es noch weitere Verbindungen zu Österreich?

❙ Ich habe in Österreich gelebt und gearbeitet, und es gibt hier sehr gute Verlage, die das Feld abdecken, wie den Mandelbaum Verlag oder den Metroverlag. Außerdem werden Förderungen für Buchprojekte nur an österreichische Verlage gegeben, und deswegen ist unser Engagement hier leider auf Veranstaltungen, z. B. im Jüdischen Museum, und auf unsere Präsenz in Buchhandlungen beschränkt.

Wie kann man mit einem doch sehr spezifischen Programm als privater Kleinverlag wirtschaftlich überleben?

HentrichHentrich_JewishGirls_91❙ Es muss funktionieren, aber wir haben kein Sicherheitsnetz. In den letzten fünf Jahren ist es gelungen, nicht obwohl, sondern gerade weil wir eine Nische sind. Die Nische sichert uns das Überleben. Deshalb machen wir auch viele Veranstaltungen, bei denen wir an andere Veranstalter andocken können, z. B jüdische Kulturtage; es ist ein überschaubares Feld, das man mit einem Spezialprogramm gut abdecken kann.

Wie sind Sie im jüdischen Leben Deutschlands positioniert, was die verschiedenen Strömungen betrifft?

❙ Anfänglich wollte ich mich keiner Richtung annähern, aber das tun die Richtungen schon von selbst. Ich würde mich sehr freuen, z. B. auch etwas explizit Orthodoxes zu machen, kann es aber schwer erzwingen. Schon auf Grund unserer Kooperationspartner hat sich also eher das liberal-konservative Lager angeboten.

Fühlen Sie auch den Gegenwind, wenn spezifische Themen angesprochen werden?

Simon Akstinat:  Jewish Girls in Uniform.  Die einzigen weiblichen Wehrpflichtigen der Welt.  Hentrich & Hentrich, 108 S., € 19,90
Simon Akstinat:
Jewish Girls in Uniform.
Die einzigen weiblichen Wehrpflichtigen der Welt.
Hentrich & Hentrich,
108 S., € 19,90

❙  Ja, so wurden wir besonders auf Messen schon oft attackiert, wenn irgendwo Israel vorkam, wir machen z. B. ein Buch über Alltagsleben in Tel Aviv und Jerusalem – sofort kommt die Frage, warum nicht in Hebron. Und so machen wir eben jetzt was wirklich Provokantes wie einen Band über Soldatinnen in Israel (siehe Kasten). Diese waren übrigens überrascht, dass sich jemand für sie interessiert und sie fotografiert und voller Selbstbewusstsein und Stolz auf ihre Leistungen. Das wurde sogar in Deutschland positiv aufgenommen. Kritik und Provokationen kommen fast immer von linker Seite, und das sind ganz festgefahrene Meinungsmuster, Menschen, die alles, wo Israel draufsteht, bekämpfen.

Ist das auch direkt antisemitisch gefärbt?

❙ Der Grat ist ja schmal, der Auslöser ist aber immer das Anti-Israelische. Die Medien nehmen uns aber wohlwollend auf, sogar linke Medien. Ich wünsche mir ja einen kritischen Umgang mit unseren Themen, aber eben nicht unreflektierte Attacken.

„Jewish Girls in Uniform“

Strahlende, junge, hübsche Frauen lachen von jeder Seite dieses Fotobands. Was sie alle gemeinsam haben, ist ihre Uniform. Sie sind Soldatinnen in der israelischen Armee und scheinen ihren Wehrdienst durchaus zu genießen. Auf und unter Panzern, an der Busstation, mit schweren Waffen und kleinen Welpen posieren sie vor der Kamera von Simon Akstinat. Seine Aufmerksamkeit macht den Mädels sichtlich Spaß, und der deutsche Fotograf hat sich offenbar in alle von ihnen verschaut.

„Manchmal wusste ich gar nicht, wohin ich gucken sollte … eine ist schöner als die andere!“ Ein herzerwärmendes Bilderbuch, das die fröhliche weibliche Seite der Armee zeigt.

© Simon Akstinat

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