„Wunder machen auch Angst“

„Es ist wie ein Märchen. Und ich bin überwältigt.“ Die Malerin Eva Beresin staunt immer noch fast demütig, wenn sie auf ihre späte Entdeckung und das, was darauf folgte, zurückblickt. Instagram macht heutzutage eben vieles möglich, was vorher unwahrscheinlich schien, verlief doch bis zu diesem Märchen ihre künstlerische Karriere eher konventionell.

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Ausschnitt aus dem Porträt der Eltern

„Für mich ist es das Schönste, vor einer leeren Leinwand zu stehen und loszulegen,
das schmutzig zu
machen.“

Eva Beresin

Gemalt hat Eva seit ihren Kindertagen in Budapest, wo sie 1955 geboren wurde. Sonntags ging es mit den Eltern in die legendäre Konditorei Gerbeaud, dort inspirierten sie die „aufgetakelten Damen mit den roten Lippen“ bereits zu ihren ersten Bildern. Grelle, überzeichnete, zum Teil bizarre Figuren zählen bis heute zu ihren Motiven, und auch der figurativen Malerei ist sie treu geblieben. 

Doch zurück zu den Anfängen. Eva ist in einem äußerst kunstaffinen Haus aufgewachsen, der Vater, ein Dentist, war leidenschaftlicher Sammler und Kunstkenner, den sie schon als Kind zu Auktionen begleitete. „Gerade in Ungarn gab es damals versteckte Schätze, und er hat mir alles erklärt.“ Da war es nur logisch, dass das begabte Mädchen das Kunstgymnasium in Budapest besuchte, wo sie die Basis für ihre künstlerische Ausbildung erhielt. Dass sie die Kunstakademie, die darauf folgte, nicht abschloss, weil sie mit 21 Jahren nach Wien ging, bedauert sie nicht, „weil man sich vorstellen kann, wie das damals in Ungarn so war“.

In Wien hat sie dann vor allem ab den 1980er-Jahren wieder leidenschaftlich gemalt. „Ich habe keinen anderen Beruf.“ 

Eva Beresin
Ninety-Eight Pages. My Mother’s Diary
Kilencvennyolc Oldal. Mamám Naplója.

Verlag für Moderne Kunst 2019, 98 S., € 35,45

Ninety-Eight Pages. Evas Eltern stammen beide aus jüdischen Gemeinden in Ungarn, der Vater sogar aus einer frommen Familie. Die Mutter genoss eine liberale, privilegierte Jugend in kultivierter großbürgerlicher Umgebung, die plötzlich einem Albtraum wich, als sie im Juni 1944 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Da war sie 23. 

Erst 2007, nach deren Tod, sollte Eva ein bis dahin in einer Biedermeierkommode verwahrtes altes Notizbuch ihrer Mutter Sára Erdély finden. Mühsam machte sie die verblasste Bleistifthandschrift am Computer wieder lesbar. Die 98 Seiten veränderten ihr Leben.

„Für mich war das die größte Nähe zu meiner Mutter, der ich immer sehr nah war, aber dass ich sie auf einmal gleichsam in ihrer Jugend treffe und erfahre, wie sie mit der Situation umgeht, das war unglaublich berührend, obwohl nichts beschrieben ist, was wir nicht alle wüssten.“

Ninety-Eight Pages heißt das englisch-ungarische Kunstbuch mit Einträgen vom Frühjahr 1944 an, als sich die Katastrophe anzukündigen begann. Von der Deportation nach Auschwitz, dem Lageralltag, der Befreiung und der monatelangen Odyssee nach Hause, die sie wiederum in verschiedene Lager führte, künden die tagebuchartigen Notizen. Aus welch glücklichem Leben die junge Frau, die Design studierte und schon verlobt war, herausgerissen wurde, das wollte Eva mit den beigefügten wunderbaren Schwarz-weiß-Fotos zeigen, die noch vor der Deportation entstanden. Szenen einer unbeschwerten Jugend, die Eva mit künstlerischer Empathie malerisch umsetzte. Mit diesen Bildern nicht nur ein Buch, sondern auch eine Ausstellung zu gestalten, war die Idee der Galeristin Miryam Charim, die gerade eben Eva Beresins Schau Hidden Messages zeigte.

Eine lange Schiwa sei dieses Mutterbuch für sie gewesen, eine Schiwa auch für alle, die 1944 ins Gas geschickt wurden, meint Eva Beresin rückblickend. „Es war eine Großfamilie, von der außer meiner Mama und meiner Oma, die auf ganz unwahrscheinliche Weise sogar zusammengeblieben sind, niemand überlebt hat.“

Der Holocaust sei „in unseren Genen“, auch wenn wir ihn nicht erlitten haben, und für Eva genauso Teil ihrer künstlerischen Identität wie das jüdische Erbe, was sich freilich nicht plakativ im Werk niederschlägt. 

„Ich würde keine jüdischen Symbole malen und möchte auch nicht mit dieser Keule leben, aber ich spüre, wie sehr ich das in mir trage.“ Eine Reise nach Auschwitz, die sie mit einer Gruppe von Museumsleuten unternahm, hat dieses Bewusstsein offenkundig noch verstärkt. Auschwitz 1 habe sie dabei wie ein „Disneyland“ erlebt und überhaupt nicht berührt, „aber in Birkenau vor der Baracke zu stehen, wo meine Mutter war, dieses Gefühl kann ich gar nicht beschreiben, und ich konnte auch gar nicht damit umgehen.“ 

Nach ihrer Heimkehr hat sie dann aber gleich begonnen, auf Seiten einer Modezeitschrift eine Serie zu malen, Ich in Auschwitz. 

Arbeitsweise. Selbstporträts, oft nackt und verzerrt, mit roten Händen und Füßen, sind auf mehreren Arbeiten Beresins zu entdecken, gemeinsam mit oder neben anderen Menschen und oftmals grotesken Tieren, die für die Malerin auch bestimmte Eigenschaften repräsentieren. Motive, die nicht von ungefähr auch an Chaim Soutine erinnern, den sie als ihren „absoluten Lieblingsmaler“ neben Goya nennt. „Es sind keine Vorbilder im eigentlichen Sinn, es ist eher eine Nähe und Vertrautheit, wo ich meine Sicht der Dinge wiedererkenne.“ Auch James Ensor wird immer wieder als Inspirationsquelle erkannt. Ihre Herangehensweise ist aber viel eher emotional als rational.

 „Für mich ist es das Schönste, vor einer leeren Leinwand zu stehen und loszulegen, das schmutzig zu machen. Ich beginne mit einer Komposition, aber egal wie: Es werden immer Figuren daraus. Jede Arbeit ist für mich ein Status quo, der morgen theoretisch schon wieder anders weitergemalt werden könnte.“ 

Luftiger, wässriger und leichter sollen die Bilder sein, die sie für ihre neue Einzelausstellung in der trendigen New Yorker Galerie Amanita gemacht hat. Drei Solo-Shows hatte Eva Beresin allein im laufenden Jahr 2022, eine davon in einer riesigen Halle auf Ibiza.

Diese Aufmerksamkeit und den Erfolg, der sich nicht zuletzt in ihrem steil gestiegenen Marktwert ablesen lässt, verdankt sie, wie eingangs erwähnt, Instagram. Auf die Bilder, die sie dort postete, reagierte vor allem ein Mann völlig euphorisch: Kenny Schachter, ein international vernetzter Kunstkritiker, Sammler und Künstler. 

„Er hat sofort begonnen, meine Bilder zu sammeln, hat mich mit meinen Arbeiten auf eine Messe in Los Angeles mitgenommen, und auf einmal kamen ganz viele Anfragen, und Galerien haben sich für mich interessiert. Schechter ist bis heute mein Mentor geblieben und versucht mich weiter international zu positionieren.“

Mittlerweile ist Eva Beresin in großen Sammlungen vertreten, auch die Albertina in Wien hat zwei ihrer Arbeiten. 

„Es ist wie ein Wunder. Und ich bin überwältigt. Aber nach einer alten jüdischen Tradition machen Wunder auch Angst. Mein Mann sagt immer: ,Zi git ist nicht gut!‘“ 

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