Fluggeräte ohne Piloten

Der Einsatz von Drohnen ist in der israelischen Armee heute wichtiger denn je und hat damit eine im Export äußerst erfolgreiche Branche initiiert.

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Die Heron TB von Israel Aerospace Industries kann mehr als 1.000 Kilometer weit operieren und bis zu 50 Stunden in der Luft bleiben. © Wikimedia (Fotos: Jose Ruiz, U.S. Southern Command Public Affairs; SSGT Reynaldo Ramon, USAF)

Der Auftrag machte in der internationalen Rüstungsbranche Schlagzeilen: „Israels Elbit liefert mehr als 1.000 Minidrohnen an ein südostasiatisches Land“, schrieb die US-Website Defense News im Oktober. Das Land durfte nicht genannt werden, sehr wohl aber der Umfang des Export-Deals: schlanke 153 Millionen Dollar.
Israel gehört im Entwickeln, Produzieren und Verkaufen von Drohnen, so genannten Unmanned Aerial Vehicles (UAVs), zu den größten globalen Anbietern. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Exporte sollen, je nach Einzelauftrag, in der Größenordnung zwischen 200 und 500 Millionen Dollar pro Jahr liegen. Andere Quellen sprechen davon, dass die Drohnen bereits rund zehn Prozent der gesamten israelischen Rüstungsexporte erreichen, die zuletzt rund neun Mrd. Dollar ausmachten.
Geliefert werden israelische Drohnen in etwa 50 Länder der Welt. Die größten Kunden sind dabei Indien, Brasilien, die Türkei, die Philippinen und Singapur. Aber auch Australien oder Deutschland hatten bereits israelische Drohnen im Truppeneinsatz, hier allerdings auf Leasing-Basis. Die deutsche Bundeswehr setzte sie etwa in Afghanistan oder in Mali zur Aufklärung ein.
Wie wichtig sind die Drohnen mittlerweile für Staaten in offenen oder schwelenden Konflikten geworden? Eine Zahl kann dies verdeutlichen: In Israel wurden im Jahr 2018 bereits zwischen 70 und 80 Prozent der operativen militärischen Flugstunden ohne Piloten geflogen, ob über Gaza oder an der Grenze zum Libanon, ob in Syrien oder sogar weiter entfernt. Die IDF, die Israel Defense Forces, nutzen dabei Drohen unterschiedlichster Größen und Reichweite, von kommerziellen Minigeräten bis zu großen Typen, die bereits Flugzeugen ähneln. Der Hauptzweck ist die Aufklärung, das Sammeln von Daten mit Kameras und Sensoren. Im letzten Gaza-Krieg war schon jeder Infanterieeinheit ihre eigene Aufklärungsdrohne zugeteilt. Aber die Drohnen können auch Waffen tragen und direkte Angriffe fliegen.

In Israel wurden im Jahr 2018
70 bis 80 Prozent der operativen militärischen Flugstunden ohne Piloten geflogen.

Was sind etwa typische Geräte?
⇒ Da ist etwa die Heron TP von Israel Aerospace Industries (IAI). Sie kann mehr als 1.000 Kilometer weit operieren, bis zu 50 Stunden in der Luft bleiben und 2.700 Kilogramm Nutzlast tragen: (Infrarot-)Kameras, Radar, Laser-Zielgeräte, Raketen. Angetrieben wird das unbemannte Flugzeug von einem luft-wassergekühlten Boxer-Vierzylindermotor von Bombardier, aus der Rotax-Fabrik des Konzerns in Oberösterreich.
⇒ Die Hermes 450 von Elbit Systems ist deutlich kleiner. Sie kann 180 Kilogramm Nutzlast bis zu 300 Kilometer weit befördern und 35 Stunden in der Luft bleiben. Auch sie kann mit Raketen bestückt werden.
⇒ Ihr Schwestermodell Hermes 900 ist etwas größer. Ihre Nutzlast beträgt 300 Kilogramm, auch sie kann bis zu 36 Stunden fliegen, hat aber eine ungleich größere Reichweite, bis zu 1.000 Kilometer.
Inzwischen gibt es eine weitere Entwicklung hin zu so genannten Kamikaze-Drohnen. Diese beginnen die Grenze zwischen Cruise Missiles und Drohnen zu verwischen, wie man das etwa beim Angriff auf die saudi-arabischen Ölproduktionsanlagen im September 2019 gesehen hat. Bisher waren Raketen dazu gebaut worden, Ziele direkt zu treffen, Drohnen galten dagegen als fliegende Plattformen, von denen Raketen abgefeuert werden konnten. Jetzt kommen auch Drohnen zum Einsatz, die sich direkt präzise auf ein Ziel stürzen und sich damit auch selbst zerstören. Im Gegensatz zu Raketen können sie allerdings vorher eine Zeitlang über einem Zielgebiet kreisen, etwa warten, ob ein erster Angriff durch Kampfjets oder Raketen erfolgreich war. Falls nicht, setzen sie dann nach. Ein derartiges Szenario vermuten Militärexperten bei einer erfolgreichen israelischen Attacke auf ein neues russisches Luftabwehrsystem in Syrien im Frühjahr 2019.
Laut der Datenbank von Start-Up Nation Central (SNC), einer gemeinnützigen Organisation zur Förderung des israelischen Hochtechnologiesektors, waren Anfang 2019 in Israel 79 Unternehmen in der Drohnenbranche tätig. Dabei handelt es sich neben wenigen großen Unternehmen wie Elbit oder IAI vor allem um kleinere Firmen oder Start-ups. So haben laut SNC 36 der von ihr beschriebenen Unternehmen weniger als zehn Beschäftigte, weitere 34 zwischen elf und 50 Mitarbeiter.
Rüstung und innere Sicherheit machen zwar den größten Teil des Umsatzes der Branche aus. Daneben gibt es aber eine ganze Reihe von weiteren zivilen Einsatzmöglichkeiten für Drohnen, etwa in der Landwirtschaft zur Überprüfung von Feuchtigkeit oder chemischer Zusammensetzung des Bodens oder in der Industrie, zur Inspektion von Baustellen oder Brücken.

Drohnen als Bedrohung im Frieden

Das Lahmlegen von Flughäfen oder das Transportieren einer Bombe in ein vollbesetztes Stadion sind gefährliche Szenarien, gegen die sich auch zivile Behörden wappnen müssen.

© Wikimedia (Fotos: Jose Ruiz, U.S. Southern Command Public Affairs; SSGT Reynaldo Ramon, USAF)

Die aktuelle Drohnenkriegsführung ist ein klares Phänomen moderner Kriege. Aber auch andere Akteure haben erkannt, welchen Nutzen der Einsatz von Drohnen mit sich bringt“, schrieb vor wenigen Monaten Markus Reisner, Oberstleutnant des Generalstabsdienstes beim Österreichischen Bundesheer, in einem Gastkommentar in der Tageszeitung Die Presse.
„Sie sind ein billiges und effizientes Mittel und können bei richtigem Einsatz strategische Wirkung erzielen. Sie machen es möglich, dass terroristische Organisationen über hohe Entfernung zuschlagen können. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die erste von Terroristen gesteuerte Drohne ein Fußballstadion oder kritische Infrastruktur in vermeintlich sicheren Staaten ansteuern wird. In verbrecherischer Absicht und mit verheerender Wirkung.“
Dagegen bereiten sich mittlerweile Airport-Verwaltungen, Betreiber von Raffinerien sowie Polizeidienststellen in zahlreichen Ländern mit zunehmender Intensität vor. Und auch in dieser Branche sind israelische Unternehmen längst aktiv. So beschaffte etwa der Londoner Flughafen Gatwick kurzfristig das System Drone Dome, als eine einzelne Drohne den vorweihnachtlichen Flugverkehr im Dezember 2018 einen Tag lang schwer beeinträchtigte. 1.000 Flüge mussten damals abgesagt oder verschoben werden.
Gegen Drohnenangriffe, hier oft mit kleinen handelsüblichen Geräten, die mit simplen Mitteln zu „Kalaschnikows der Lüfte“ aufgerüstet werden können, gibt es eine Vielfalt von Abwehrmöglichkeiten, aber noch keine einzige ganz sichere Lösung. Diese reichen von Sperrnetzen über speziell dressierte Greifvögel bis zum Abschuss mit Raketen oder Gewehren. Doch manches davon ist im dicht bewohnten Gebiet nicht so leicht möglich.
Israelische Unternehmen arbeiten vor allem mit elektronischen Störmaßnahmen, um die angreifenden Drohnen zu übernehmen, abzulenken oder zu neutralisieren. Als letzte Option sollen sie mit einem Laser abgeschossen werden. Nach diesem Prinzip funktioniert etwa das vom israelischen Rüstungskonzern Rafael angebotene Drone Dome. Die Avnon-Gruppe hat ein ähnliches System entwickelt, Skylock. „Eine wirklich sichere Lösung gibt es bisher leider nicht“, so Ben Nassi, der sich an der Ben-Gurion-Universität im Negev wissenschaftlich mit Drohnen beschäftigt. „Noch haben wir mehr Fragen als Antworten.“

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