Kreativ und innovativ

Vom Müllberg zum Vorbild für Nachhaltigkeit: Israels Ideen gegen die Abfallkrise.

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Ariel-Sharon Park: Aus einer gefährlichen Mülldeponie wurde ein ökologisches Vorzeigeprojekt. © mfa, p.d. via Wikimedia; Xinhua / Eyevine / picturedesk.com

In den letzten Jahren hat sich in Israel ein bemerkenswerter Wandel im Umgang mit Abfall vollzogen. Noch vor einigen Jahren war der riesige Müllberg neben der Autobahn vom Flughafen Ben Gurion nach Tel Aviv nicht zu übersehen. Umgeben von vielen Vögeln und übelriechenden Gerüchen, war diese Deponie eine der größten in ganz Israel. Doch im Jahr 1998 wurde der Hiriya Waste Mountain (Hiriya Müllberg) aufgrund von Umweltproblemen wie kontaminiertem Grundwasser und giftigen Gasen geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Berg eine Höhe von 60 Metern und es lagerten 25 Millionen Tonnen Abfall.

Erst im Jahr 2011 wurde die Deponie endlich gemäß den Plänen des deutschen Landschaftsarchitekten Peter Latz in einen Park umgestaltet, der den Namen ArielSharon-Park trägt. Der Architekt entwickelte eine bioplastische Schutzplane für den Boden, um die Pflanzen vor Kontamination durch Methan und andere Gase zu schützen. Neben der Gestaltung des Naherholungsgebiets wurden auch Restaurants, ein Amphitheater, Sport- und Bildungseinrichtungen errichtet. Die Arbeiten sollen bis Ende 2023 abgeschlossen sein. Der Park wird dann dreimal so groß sein wie der Central Park in New York. Darüber hinaus wurde am Fuße des ehemaligen Müllberges eine Recyclinganlage aus drei Komponenten errichtet: ein Abfalltrennungszentrum, eine Grünabfallanlage zur Produktion von Mulch und eine Baustoff-Recyclinganlage. Das Zentrum hat eine Kapazität zur Verarbeitung von einer halben Million Tonnen Müll pro Jahr und ist damit die größte Abfallverwertungsanlage im Nahen Osten.

Ein Sack voll Müll: Die Innovation von HomeBiogas verwandelt Hausmüll in wertvolle Energie. © TIPA Compostable Packaging; HomeBiogas

Das Müllproblem in Israel muss in den kommenden Jahren dringend gelöst werden. Im Jahr 2022 produzierten Israelis im Durchschnitt 690 kg Abfall pro Person, während der Durchschnitt der OECD-Länder bei 538 kg lag. Fünf Mülldeponien sollen voraussichtlich in den nächsten drei bis vier Jahren geschlossen werden, während das Müllaufkommen jährlich um 2,6 Prozent zunimmt. Das schnelle Bevölkerungswachstum, die Urbanisierung und veränderte Konsummuster führen zu einer erhöhten Abfallmenge. Die begrenzte Fläche des Landes verschärft das Problem und limitiert den verfügbaren Platz für die Abfallentsorgung. Hinzu kommen ein mangelndes öffentliches Bewusstsein für Mülltrennung und Abfallvermeidung sowie eine begrenzte Recyclinginfrastruktur, die das Problem weiter verschärfen.

In den letzten Jahren hat die israelische Regierung verschiedene Gesetze zur Abfalltrennung und zum Recycling verabschiedet, darunter das Pfand-, Recycling-, Verpackungs- und Reifengesetz. In kleinen Gemeinden ist das Umweltbewusstsein höher als in den Städten. Auch die Bauindustrie passt sich langsam der dringenden Notwendigkeit an, umweltfreundlicher zu agieren. In neu errichteten Wohntürmen werden beispielsweise hydraulische Mülltrennungssysteme für nassen und trockenen Abfall installiert, um bereits eine Vorabsortierung zu ermöglichen.

 

In den letzten Jahren sind in Israel zahlreiche
Unternehmen entstanden, die
sich mutig der

Lösung des internationalen Müllproblems widmen.

 

Plastiknation Israel. Die israelische Bevölkerung verbraucht sehr viel Wasser aus Plastikflaschen. 1999 wurde ein verpflichtendes Pfandgesetz für Getränkehersteller erlassen, das im Oktober 2021 erneut erweitert wurde. Das Pfand variiert je nach Größe der Flaschen zwischen 0,30 NIS und 1,20 NIS (ungefähr 0,30 EUR). So soll es für die Konsumenten einen Anreiz geben, die Flaschen nicht im Hausmüll zu entsorgen. Denn Plastikabfall ist in Israel besonders problematisch. Neben Plastikflaschen gehört auch Einweggeschirr in vielen Haushalten zur Grundausstattung. Jedes Jahr geben Israelis fast 500 Millionen Euro für Plastikartikel aus. Trotz Umwelt- und Gesundheitsbedenken ist Einwegplastik oft günstiger, als den Geschirrspüler zu bedienen. Ein Bericht des Parlaments ergab, dass Haredi-Familien (ultraorthodoxe Familien) aus einkommensschwachen Gemeinden dreimal mehr Plastikartikel verwenden als der Rest der Bevölkerung. Aufgrund größerer Familien, häufiger Schabbat-Mahlzeiten mit vielen Gästen und einer generell höheren Verwendung von Einwegartikeln entsteht ein höheres Abfallaufkommen.

Die Strände Israels, insbesondere in und um Tel Aviv, gehören zu den am stärksten durch Plastik verschmutzten im gesamten Mittelmeerraum: Einwegplastik macht zwischen 70 und 90 Prozent des im Meer und Sand gefundenen Mülls aus. Plastikmüll ist somit das größte Verschmutzungsproblem an Israels Stränden.

Kompost statt Plastikmüll: TIPA stellt kompostierbare Lebensmittelund Kleidungsverpackungen her. © TIPA Compostable Packaging; HomeBiogas

Aber Veränderungen brauchen Zeit und nicht nur die Motivation der Bevölkerung, sondern auch alternative Ansätze. Die Lösung des israelischen Müllproblems benötigt einen ganzheitlichen Ansatz, der technologischen Fortschritt, politische Reformen und gesellschaftliches Engagement kombiniert. Israels innovative Start-upSzene hat bereits Lösungen entwickelt, die international eingesetzt werden. Aufbauend auf der Annahme, dass ein Bewusstsein für die Müllvermeidung viel länger dauern wird, als das Problem des wachsenden Müllaufkommens sofort zu beheben, haben sich zahlreiche Firmen der Kreislaufwirtschaft verschrieben.

Was aus Müll wieder werden kann. Vor allem für die Verarbeitung von Plastik gibt es bereits eine Vielzahl an Unternehmen mit innovativen Lösungen. Ein Beispiel ist TIPA (tipa-corp.com), die mithilfe spezieller Bakterien kompostierbare Lebensmittel- und Kleidungsverpackungen herstellt, die bereits in den USA eingesetzt werden. Clariter (clariter.com) beschäftigt sich mit dem Upcycling von Plastik und wandelt Kunststoffe mithilfe chemischer Stoffe in hochwertige Wachse, Öle und Lösungsmittel um. Diese stellen eine Alternative zu fossilbasierten Grundstoffen, wie Petroleum, dar und werden in zahlreichen Industrie- und Verbraucherprodukten verwendet. Clariter ist in Polen und Südafrika tätig und hat auch ein Werk in Israel. UBQ (ubqmaterials.com) im Kibbuz Tze’elim verarbeitet nahezu 100 Prozent aller Haushaltsabfälle in eine karamellartige Flüssigkeit, die für kompostierbaren Spritzguss und Biokunststoffe weiterverwendet wird. In den UBQ-Werken in Israel und Belgien werden unzählige Tonnen Müll verarbeitet – dabei entsteht gereinigter Kunststoff, der für jede Art von Produkt verwendet werden kann, die der Markt verlangt. Schon jetzt werden in den USA Mülltonnen aus diesem Material hergestellt, und die Nachfrage dafür ist riesig, da die globale Kunststoffindustrie für Spritzguss einen Marktanteil von 325 Milliarden US-Dollar hat.

Noch ein weiteres Unternehmen namens TripleW (triplew.co) hat Lösungen für Lebensmittelabfälle entwickelt, die mittels Bakterien zu Biokunststoffen recycelt werden können. In Supermärkten gibt es bereits Gemüse- und Obstschalen aus Maisstärke, doch TripleW erweitert seine Rohstoffe für die Wiederverarbeitung und verwendet sämtliche Lebensmittelabfälle, einschließlich Fleischreste.

HomeBiogas (homebiogas.com) verwertet Essensreste in einer Biogasanlage für den Haushalt und wandelt sie in Gartendünger um. Diese kleine Anlage funktioniert wie ein automatisierter Kompostplatz. Im Gerät befinden sich Bakterien, die die Essensreste zu Gas für Kochstellen und Dünger für den Garten verarbeiten. Die kleinste Anlage kostet rund 900 Euro und wird zerlegt verschickt. Die Hersteller von HomeBiogas exportieren ihre Anlagen auch nach Afrika, wo es viele Dörfer ohne Müllentsorgung gibt.

In den letzten Jahren sind in Israel zahlreiche Unternehmen entstanden, die sich mutig der Lösung des internationalen Müllproblems widmen. Durch die Einführung innovativer Recyclingtechnologien, Sensibilisierungskampagnen und die Umsetzung von Kreislaufwirtschaftspraktiken kann Israel sein Abfallmanagementsystem zu einem Vorbild für Nachhaltigkeit machen. Mit Entschlossenheit, Kreativität und einem starken Engagement für den Umweltschutz hat Israel das Potenzial, diese Herausforderung zu bewältigen und eine Vorreiterrolle in nachhaltigem Abfallmanagement einzunehmen.

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