Von einem, der nach Tel Aviv zog, um echten Apfelstrudel zu backen

Wer hätte gedacht, dass es in Tel Aviv noch einmal echt handgezogenen Apfelstrudel, Linzertorte, Vanillekipferl oder gar Lebkucheneis geben würde? Ein Traumszenario für jeden ehemaligen Österreicher, aber auch für die Tel Aviver ein echter Treat! Auf Tripadvisor hat die Wiener Konditorei und Gelateria fünf Sterne.

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Stefan Macher. „Eigentlich war es die Liebe, die mich vor neun Jahren nach Israel geführt hat.“ © Daniela Segenreich

Der Apfelstrudelteig ist tatsächlich handgezogen, aber nach Tel Aviv kam Stefan Macher ursprünglich aus einem ganz anderen Grund: „Eigentlich war es die Liebe, die mich vor neun Jahren nach Israel geführt hat“, gibt Macher, der seine israelische Lebensgefährtin bei gemeinsamen Freunden in Wien kennengelernt hat, gerne zu: „Aber Kochen und Backen waren schon immer meine Hobbys. Das Apfelstrudelrezept stammt noch von meiner burgenländischen Großmutter, der ich schon als Kind gerne beim Backen geholfen habe.“

Der Gaumen erinnert. „Die Alt-Österreicher werden oft durch den Geschmack der Linzertorte oder des Strudels an ihre Kindheit erinnert und sind echt gerührt.“ © Daniela Segenreich

Das Konzept des geborenen Wieners hat offensichtlich eingeschlagen: An der Theke des weihnachtlich geschmückten Lokals stehen die Kunden Schlange: „Israelis kommen viel herum und kennen österreichische Mehlspeisen von ihren Reisen, vor allem von den Schihütten. Sie können nur die Namen nicht immer aussprechen. Ich muss dann oft erraten, was sie gerne essen wollen“, erzählt Macher von seiner täglichen Routine in Stefan Gelato, der Gelateria und Konditorei, die er vor knapp einem Jahr eröffnet hat. Es wird aber auch viel Deutsch geredet in der Tel Aviver Tchernichovsky Street: Ein Großvater, dessen Familie aus Wien stammt, führt seine Enkelin Tamar aus, um ihr die austroungarischen Nachspeisen vorzustellen, und eine ältere Dame meldet sich bei Stefan vom Urlaub zurück und bestellt in gepflegtem Wienerisch „wie üblich“ ihre Melange mit Linzertorte.
„Das Schöne hier ist für mich der Kontakt zu den Menschen. Wir haben viele Stammgäste, und ich bekomme viele herzliche Umarmungen – die Alt-Österreicher werden oft durch den Geschmack der Linzertorte oder des Strudels an ihre Kindheit erinnert und sind echt gerührt.“ Besonders gerne erinnert sich Macher an den 96 Jahre alten ehemaligen Wiener, der immer gleich schnurstracks in die Küche kam, um nach dem Rechten zu sehen und Ezzes beim Backen zu geben.

»Die Menschen hier haben Herz.
Und sie sind neugierig auf Neues.
In Israel scheint alles möglich,
wenn man es nur will.«
Stefan Macher

Kreativität ohne Grenzen. In seinem vorigen Job war das ganz anders, da saß der Lebensmittelchemiker vor allem vor dem Bildschirm. Als er dann den Pharmakonzern Tnuva vor zwei Jahren verließ, wollte er etwas komplett Neues machen. „Etwas mit Essen“ sollte es sein, das war ihm klar. Seine Lebensgefährtin, Keren Kfir-Alon, schenkte ihm einen Fachkurs in einer Gelateria in Italien, und so lernte der kreative Endvierziger, wie man hochqualitatives Eis herstellt: „ Mir hat sich damals eine völlig neue Welt eröffnet. Der

© Daniela Segenreich

Kreativität sind da praktisch keine Grenzen gesetzt.“ Er absolvierte weitere Kurse und machte den Abschluss als Chef-Glacier an einer Akademie für Chefs in der Toskana. Seine Kreation für die Abschlussarbeit war das „Lebkucheneis“, das auf großen Erfolg stieß und seither auch von anderen Berufskollegen übernommen wurde. Nach einer kurzen Marktstudie erstellte das Paar schließlich gemeinsam das Konzept für Stefan Gelato. Kfir-Alon, von Beruf eigentlich Kuratorin, stürzte sich voll Energie in das „Apfelstrudelprojekt“ und entwarf gemeinsam mit einer Architektenfreundin die Einrichtung des Raums mit der offenen Küche, durch die man wie beim Wiener Demel erspähen kann, wie die süßen Köstlichkeiten vorbereitet werden.

Ein Stück Österreich. „Israelis kommen viel herum und kennen österreichische Mehlspeisen von ihren Reisen.“ © Daniela Segenreich

Für seine oft ausgefallenen Eissorten, wie Mohneis oder Vanillekipferleis, verwendet der Chef ausschließlich natürliche Zutaten. In Zukunft will er auch die Marmeladen für die Linzertorte und die Palatschinken, die hier auf speziellen Wunsch zubereitet werden, selbst herstellen.
Der Österreicher fühlt sich in Israel wohl und auch sicher: „Ich habe hier so viele positive Begegnungen, die Menschen hier haben Herz. Und sie sind neugierig auf Neues. In Israel scheint alles möglich, wenn man es nur will.“ So hat es Macher geschafft, ein Stückchen Österreich nach Israel zu bringen und den hiesigen Speiseeismarkt zu bereichern. Sogar einen echten Kaiserschmarrn kann man bei Stefan Gelato bestellen, vorläufig aber nur am Wochenende: „Der benötigt Vorlaufzeit, da braucht man Geduld und muss warten können.“ Das ist wohl eine Eigenschaft, die die Tel Aviver noch lernen müssen …

© Daniela Segenreich

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    • Hier finden Sie alle Details zu >>Stefan Gelato<https://www.tripadvisor.at/Restaurant_Review-g293984-d17375384-Reviews-Stefan_Gelato-Tel_Aviv_Tel_Aviv_District.html

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