„Wie damals die ganz normalen Leute das Land gerettet haben“

Ein Dokudrama über den Jom-Kippur-Krieg reißt alte Wunden auf und rührt an aktuelle.

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Tränental wird die Serie auf Deutsch heißen, nach dem Ort auf den Golanhöhen, an dem mit die wichtigsten Kämpfe ausgetragen wurden. © Wikipedia

Früher einmal waren es die Abendnachrichten um 20 Uhr, die in Israel eine Art Lagerfeuer darstellten, um das sich die Nation zu einem täglichen Ritual zuhause vor den Fernsehern versammelte. Das galt als störfreie Zeit, eine Stunde lang wurden keine Anrufe getätigt. Solche virtuellen Versammlungen sind heute rar geworden, besonders bei der jüngeren Generation, die sich ohne feste Zeiten und via Handy über das aktuelle Geschehen informiert.
Doch es gibt Ausnahmen. Eine davon ist das vor Kurzem angelaufene zehnteilige Dokudrama Sha’at Nehila über den Jom-Kippur-Krieg. In vielen Familien war man sich dabei im Vorfeld nicht sicher, ob es überhaupt eine gute Sache ist, auf diese Weise in unverheilten Wunden zu stochern. Denn geschaut wird in jedem Fall. Und deshalb ist das Nachprogramm so wichtig. Wie in einer Therapiesitzung wird da dann das eigene Erlebte von den damals direkt Beteiligten aufgerollt. Die Sirene, die an einem Schabbat, am 6. Oktober 1973 um 14 Uhr, zunächst die Stille an Jom Kippur zerriss und auf die dann für die Soldaten ein tagelanger Überlebenskampf mit vielen Opfern folgte, haben in den Psychen tiefe Spuren hinterlassen.

Aber sie erzählt die Geschichte eines Krieges, der die Gesellschaft nahe an den Abgrund gebracht hat, und gibt den Menschen, die damals um das Überleben ihres Landes gekämpft haben, Gesichter.

Diese Generation, heute meist längst schon Großeltern, die, wenn überhaupt, nur selten mit ihren Nachfahren über ihr Trauma geredet haben, entdecken überrascht, dass die Enkelkinder mindestens genauso so gebannt vor dem Bildschirm sitzen. „Wir schauen uns das an, weil wir spannende Filme mögen, etwas fühlen wollen, aber auch, weil wir immer von Kriegen gehört haben und wissen wollen, wie es wirklich ist“, erklärt eine 17-jährige Maturantin, die gerade ihren ersten Einberufungsbefehl bekommen hat.
Ob alles wirklich genauso war, wie in der Dokuserie gezeigt, bestreiten jene, die dabei waren. Aber sie erzählt die Geschichte eines Krieges, der die Gesellschaft nahe an den Abgrund gebracht hat, und gibt den Menschen, die damals um das Überleben ihres Landes gekämpft haben, Gesichter.

Damit sich die Schauspieler ein Bild machen konnten von der Todesangst, die dort herrschte, hatten sie sich im Vorfeld zusammengesetzt mit Soldaten, die dabei gewesen waren.

Benannt ist die Serie nach dem Schlussgebet am Ende von Kippur, in der ausländischen Version – HBO Max hat sie bereits eingekauft – wird sie Tränental heißen, nach dem Ort auf den Golanhöhen, an dem mit die wichtigsten Kämpfe ausgetragen wurden. Damit sich die Schauspieler ein Bild machen konnten von der Todesangst, die dort herrschte, hatten sie sich im Vorfeld zusammengesetzt mit Soldaten, die dabei gewesen waren. Auch solche, die in syrische Gefangenschaft geraten und gefoltert worden waren. Über posttraumatische Belastungsstörungen wurde aber erst viele Jahre später geredet.
Anlässlich des Films ist eine Gruppe ehemaliger Kämpfer gerade nochmals – und von einem Fernsehteam begleitet – in die Bunker auf den Golanhöhen gefahren, wo die Serie beginnt. Um die Katastrophe von damals deutlich zu machen, wurden Figuren erfunden, wie der hochintelligent, aber weinerliche Avinoam vom Nachrichtendienst, ein junger Soldaten mit dickumrandeter Brille, der aufgrund seiner Informationen verzweifelt vor dem nahestehenden Kriegsausbruch warnt, von seinen Vorgesetzten aber nicht ernst genommen wird, weil diese blind der herrschenden „Conceptia“ anhängen, nach der die arabischen Feinde keinen Krieg gegen Israel riskieren würden. „Wir haben es einfach nicht geglaubt“, brachte es später der Direktor des Mossad, Zvi Zamir, auf den Punkt. Der Preis dafür war der Tod von mehr als 2.700 Soldaten. Nicht wenige, die damals mit ihrem Leben davongekommen sind, haben danach dem ganzen Land den Rücken gekehrt, andere fielen vom Glauben ab oder wurden religiös. Heute blickt man auf den Yom-Kippur-Krieg als die bis dato letzte konventionelle militärische Auseinandersetzung zurück.

Die Kämpfe von 6. bis 9. Oktober auf dem Golan wurden in der bisher teuersten Filmproduktion sehr authentisch auf dem Originalterrain nachgestellt und mit echten Panzern von damals. Die Zuschauer erleben mit, wie junge Soldaten durch syrische Angriffe ihre Freunde um sich herum verlieren und in Todesangst weiterfunktionieren. Einer der Kommandanten, Caspi, steht danach allerdings unter Schock und wird fortan selbst zum Risiko für die Einheit. Am eindrücklichsten ist die allgemeine und weit verbreitete Hilflosigkeit, die sich in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch auf dem Schlachtfeld artikuliert. Das Ruder wird erst später herumgerissen.
Die Dokuserie hat auch eine gesellschaftliche Komponente, nämlich die Bewegung der Schwarzen Panther, die sich damals auf dem Höhepunkt befand und die Proteste von Misrachim gegen das aschkenasisch geprägte Establishment zum Teil auch gewaltsam zum Ausdruck brachte. Diese Spannungen spiegeln sich auch in der Armee wider. Dass es zu dieser Zeit deshalb auch zu Zusammenstößen mit der Polizei auf der Straße kommt, schafft wiederum einen ganz anders gearteten Bogen zu den heutigen Verhältnissen.
„Wir haben das Gefühl, dass es auch heute wieder die ganz normalen Menschen sind, die das Land retten müssen, während die da oben Fehler über Fehler machen und Schaden anrichten, sei es gesundheitlich, seelisch oder politisch“, fasst es einer der Stars der Serie zusammen.

1 KOMMENTAR

  1. Ich bedauere bis heute, dass es in ganz Israel keine Straße gibt die nach Golda Meir benannt wurde.
    Viele schlechtere und sogar zwielichtige Politiker haben tolle Straßen, man denke zum Beispiel an Menachen Begin, aber die hochgebildete Frau und wunderbare Frau ist wegen des Yom Kipurkriegs zur Unperson geworden.
    Das ist schade und ungerecht. Niemand hat an den Angriff der Araber geglaubt, aber nur ihr wird’s vorgeworfen.

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