Wina Editorial

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Der Schofar hat heuer einganz besonderes Jahr angekündigt. Das jüdische Jahr 5775 ist ein so genanntes Schmitta-Jahr, ein Jahrder Ruhe für Menschund Land: „Im siebten [Jahr] sollst du es brachliegen lassen und nicht bestellen.“ (2. Buch Mose23, 10–12) Einst bot das Schmitta-Jahr jenen, die Schulden hatten oder in die Sklaverei gerieten, die Möglichkeit, ihre Würde und ihren Platz in der Gesellschaft wiederzu erhalten. Und heute? Gelassenheit, Weitblick, Nachhaltigkeitsind Gebote der Vernunft,denen zu folgen wir heute– zwischen facebook, Fastfood und Burnout – bitter nötig hätten. Doch wer kann sich schon den Luxus leisten, ein Sabbatical-Jahr in Anspruch zu nehmen?Auszusteigen, Hektik, Arbeits- und Leistungsdruck hinter sich zu lassen, sich Zeit für Familie und Freunde zu nehmen und sich an den kleinen Dingen des Alltags zu erfreuen?Und doch wäre es sinnvoll, darüber nachzudenken, ob und wie wir den Raubbau an uns selbst und an der Natur stoppen wollen. Ob und wie wir zeitgeistig-zynischen „Errungenschaften“ wie Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste Einhalt gebieten wollen, die letztlich nur eines bedeuten: immermehr für einige wenige, immer weniger für alle anderen. Denn die aktuellen politischen Ereignisse sind keine singulären Erscheinungen, die sich in einem Vakuum entwickelt haben, sondern sind auch die Folgen einer Respektlosigkeit, mit der wir uns selbst, unserer Umwelt, unseren Mitmenschen begegnen.Wir werden wohl alle keine Auszeit genießen, die Welt nicht verändern, ja wahrscheinlich nicht einmal unser eigenes Leben umstellen. Aber wir können ein ums andere Mal innehalten und uns der Verantwortung, die wir dem Einzelnen wie dem Ganzen gegenüber haben, bewusst werden. Und damit das biblische Gebot der Schmitta für uns nutzen.

Von Julia Kaldori

„Freiwillig und freudig muss es geschehen: ein zielloses Streunen und Mäandrieren, offen für alle denkbaren Ziele und für die undenkbaren erst recht, Zeit, die nicht mehr den Uhren gehört, Gedanken, die nichts müssen, aber alles dürfen, unverschämte Lust am Sein.“ Alfred Komarek

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