Wina Editorial

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Am 27. Jänner gedachte die Welt des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz-Birkenau – DAS Symbol für das Böse in der Welt. Als Enkeltochter von Holocaust-Überlebenden saß ich da und überlegte, wie viele Überlebende wohl noch Zeugnis vom Grauen ablegen können. Die meisten von ihnen haben Verfolgung, Getto, Deportation und KZ als Kinder überlebt. Mittlerweile ist wissenschaftlich  nachgewiesen, was die meisten Nachkommen aus eigener Anschauung kennen: In welchem Ausmaß die Kindheit, die kindlichen  Erfahrungen und Prägungen unser Wesen, unsere Beziehungen, unser Handeln beeinflussen.

Jene, die 1945 als Kinder befreit wurden, sind heute in ihren 70ern, 80ern, 90ern und niemand von uns kann nachvollziehen, welchen Schmerz sie durch das Erlebte und durch die Verluste in sich tragen. Wir können aber davon ausgehen, dass diese Schmerzen auch in alle folgenden Generationen   eingeschrieben sind – und somit auch unser Leben und Erleben beeinflussen. Wenn wir uns zu Pessach an die Befreiung aus der Dunkelheit der ägyptischen Gefangenschaft erinnern und in der Tora steht, dass jede der folgenden Generationen diese Befreiung am eigenen Leib erfahren wird, so gilt dies auch für Auschwitz und die Grauen des Nationalsozialismus.

„Auschwitz schreit den Schmerz unermesslichen Leids hinaus und ruft nach einer Zukunft in Respekt, Frieden und der Begegnung der Völker.“ Papst Franziskus

„Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“, sagte Präsident Joachim Gauck zuletzt im deutschen Bundestag. Es gibt jedoch auch keine jüdische und keine europäische Identität ohne Auschwitz. Dieses Erbe ist nicht nur Bürde, sondern auch eine Verantwortung – und gilt allen  Nachkommen! Jenen der Opfern, der Täter und der Mitläufer gleichermaßen. Verantwortung gegenüber jenen, die Unterdrückung, Rassismus und Verstöße gegen die Menschenrechte erleiden: Jene Tausende, die in Nigeria von Boku Haram ermordet werden. Jene Gefangene und Opfer der IS-Truppen, die bestialisch niedergemetzelt werden. Jene Millionen, die in dieser Welt Hunger,  Obdachlosigkeit, Erniedrigung erfahren müssen, die unter unmenschlichen Bedingungen – beinahe wie Sklaven, für die westliche Konsumgesellschaft schuften und ausgebeutet werden.

Das klingt nach nicht bewältigbaren Problemen. Doch ich glaube fest daran, dass die so oft frei übersetzte und zitierte Stelle aus dem Talmud: „Wer eine Seele rettet, der rettet die ganze Welt“, für Obama Barack in uns alle gilt. Als Menschen der modernen Welt haben wir alle Mittel in der Hand, etwas zu tun. Wir alle können jenen Weg des  Aufschreis, des Protestes wählen, den wir leisten können und für wichtig halten. Wir können Informationen über soziale Netzwerke verbreiten, wir können über Onlinepetitionen unserer Meinung Ausdruck verleihen, wir können bewusster konsumieren und damit der Ausbeutung etwas entgegensetzen. Wir können auf die Straße gehen, die Augen aufmachen und mutig dem Unrecht entgegentreten – solange wir noch die Chance dazu haben. Die Auspeitschung des saudischen Bloggers Raif Badawi konnte durch massive virtuelle und reale Proteste einstweilen ausgesetzt werden – ein kleiner, aber wichtiger Tropfen auf dem heißen Stein. Und ein Beweis für die Wirksamkeit gezielten Protestes des Einzelnen. Der nichtvorhandene Widerstand, das Wegsehen, die Angst vor den Konsequenzen haben das europäische Judentum beinahe vernichtet und Unwiderbringbares zerstört. Das darf nicht noch einmal passieren. Nicht mit dem jüdischen Volk, nicht in Nigeria, nicht in Syrien, nicht in der Ukraine, nirgendswo! Das vor allem ist der Sinn des weltweiten Gedenkens. Nicht nur am 27. Jänner, sondern an jedem einzelnen Tag des Jahres. Von Julia Kaldori – Chefredaktion

 

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