Wo Haltung noch belohnt wird

Herbert Föttinger, Direktor des Theaters in der Josefstadt, erhält die Torberg-Medaille 2019.

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© Jan Frankl

Auf der schlichten Feuermauer ist in großen Buchstaben zu lesen: „Wer sich seiner Geschichte nicht stellt, entstellt die Geschichte.“ Es ist das einzige Theater Wiens, das seinen Leitspruch so eindringlich offenbart. Verantwortlich dafür ist der Kammerschauspieler, Regisseur und Direktor des Theaters in der Josefstadt, Herbert Föttinger. „Unser Haus hat nicht nur eine große Tradition, sondern auch dunkle Seiten in seiner Geschichte. Diese muss man benennen, denn der Verdrängungsprozess in unserem Land gelang nicht nur nach 1945 so großartig, er hält noch heute an. Daher muss man Haltung zeigen und darf nicht aufhören, Stücke zu zeigen wie z. B. Schnitzlers Professor Bernhardi.“
Der Spielplan der letzten Jahre enthielt schon zahlreiche Stücke, die sich mit jüdischen Einzelschicksalen befassten, wie jenes des Leo Reuss in In der Löwengrube oder das von Hedy Lamarr in Sieben Sekunden Ewigkeit. Dennoch brachte 2018 die Uraufführung von Daniel Kehlmanns Die Reise der Verlorenen dem Programmmacher Föttinger die Verleihung der Marietta-und-Friedrich-Torberg-Medaille durch die Israelitische Kultusgemeinde (IKG). Dieser Preis wird von der IKG an Persönlichkeiten und Initiativen vergeben, die gegen Antisemitismus, Rassismus, Nationalsozialismus beziehungsweise Neonazismus auftreten. Auch mit anderen Produktionen habe Föttinger gezeigt, dass ihm jüdisches Leben und Überleben ein Anliegen sei, heißt es in der Begründung.
„Ich habe schon viele Preise in meinem Leben bekommen, sie reichen vom Nestroy-Ring bis zum goldenen Verdienstzeichen“, so der 57-jährige Wiener, „aber das ist der erste Preis, über den ich mich wirklich, wirklich sehr freue und der mich berührt. Denn für mein künstlerisches Schaffen eine Anerkennung zu bekommen, ist schön. Aber hier geht es um einen humanistischen Preis, der ja für etwas steht, nämlich den Einsatz für ein demokratisches, empathisches, soziales Leben miteinander. Das ist die größte Freude in meinem Leben.“ Dann setzt Föttinger schmunzelnd nach: „Natürlich ist der Preis gemeint, nur meine Frau und mein Sohn übertrumpfen das noch.“

»Nicht alle waren uneingeschränkt begeistert,
als ich in meiner Rede die illegalen Nazis aufzählte, die 1938 sofort mit dem Rauswurf
der jüdischen Künstler begannen.«
H. Föttinger

Dieser Witz, diese Intelligenz. Als bescheidene Bühne 1788 errichtet, war das beliebte Haus in der Josefstädter Straße 26 schnell zu klein geworden, so dass der Biedermeier-Architekt Joseph Kornhäusel bereits 1822 den Neubau errichtete. Am 1. April 1924 begann mit einem weiteren Umbau die Ära Max Reinhardt im Theater in der Josefstadt, der hier ein glänzendes Künstlerensemble u. a. mit der Familie Thimig und Gustaf Gründgens oder Hans Moser versammelte. „Wir sind ein jüdisches Theater im Sinne der Geisteshaltung und in der Tradition Reinhardts. Je mehr ich mich mit der österreichischen Literatur auseinandersetze, desto stärker sehe ich, wie prägend dieser Witz, die Intelligenz bei Arthur Schnitzler, Stefan Zweig für die kulturelle Entwicklung waren. Dieser Kulturverfall nach 1945 konnte eintreten, weil das jüdische Bürgertum, diese geistige Elite, ausgerottet wurde.“
Föttinger hielt sein Plädoyer für die Aufarbeitung der Geschichte dieses Theaters im Jahr 2007 bei der Wiedereröffnung nach einer größeren Renovierung. „Nicht alle waren uneingeschränkt begeistert, als ich in meiner Rede die illegalen Nazis aufzählte, die 1938 sofort mit dem Rauswurf der jüdischen Künstler begannen.“ Der Direktor, der diesem Theater die Haltung wieder gab, verschonte auch den Publikumsliebling Erik Frey nicht, der von 1935 bis zu seinem Tod 1988 hier spielte. „Der Schauspieler und NS-Betriebszellenleiter Frey holte gemeinsam mit dem kommissarischen Leiter des Theaters Robert Valberg während einer Vorstellung den ehemaligen Direktor des Deutschen Volkstheaters Rudolf Beer aus einer Loge nach draußen, angeblich für eine Einvernahme. Nachdem Beer von Nazi-Schlägern schwer misshandelt worden war, drehte dieser in seiner Wohnung den Gashahn auf.“
Frey behauptete nach 1945, von den begangenen Grausamkeiten keine Ahnung gehabt zu haben. Noch bestürzender fand Föttinger, was ihm Otto Schenk erzählte: Als Helene Thimig, die mit Max Reinhardt ins US-Exil gegangen war, an die Josefstadt zurückkehrte, fragte sie Frey: „Na, wie war’s denn in Amerika?“ – so als ob sie auf einer Urlaubsreise gewesen wäre.
Seine persönliche Affinität zum Judentum entdeckte Föttinger sehr früh. „Bereits als ich die Rolle des Spiegelberg in Schillers antisemitischen Räubern spielte, habe ich den zionistischen Gedanken der Figur, die sagt, ‚lass’ uns nach Jerusalem gehen und eine Heimat aufbauen‘, gut nachvollziehen können.“
Seit seinem ersten Besuch in Israel prangt eine Mesusa an der Wohnungstür, denn der Darsteller zahlreicher Charakterrollen findet den Gedanken sehr beruhigend, dass alle guten Wünsche ins Haus kommen und andererseits auch in die Welt hinausgehen. Aus dieser tiefen Empathie für das Jüdische hat er die Regie für das Musical Anatevka bei den Festspielen in Mörbisch abgelehnt. „Ich wollte schriftlich verbürgt haben, dass es nach dieser Vorstellung kein Feuerwerk am See gibt. Nach dem Pogrom gehen die Juden im Stück ins Exil, da kann es als Abschluss kein Feuerwerk geben.“
Dass man auch ein konservatives, auf abendliche Ablenkung ausgerichtetes Publikum mit anspruchsvollem Programm und humanistischer Haltung binden kann, zeigt die fast 90-prozentige Auslastung des Theaters. Ein junger Abonnent schrieb nach der Vorstellung des Engels mit der Posaune an den Direktor: „Ein wahrhaft ergreifendes Stück, keine Minute Langweile. Als Jude mit Kippa saß ich in der 6. Reihe auf unseren Aboplätzen. Je bedrückender und schmerzlicher der Text wurde, desto größer wurde ich.“

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