Zwei in Ostende. Allein zusammen

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Volker Weidermann über Stefan Zweig, Joseph Roth und einen Sommer in Ostende 1936. Von Alexander Kluy 

Sonne, Meer und Nordseeküste, Getränke, anregende Gesellschaft. Und zwar die deutschsprachiger Autoren, Lektoren und Schriftstellerinnen. Die allesamt Emigranten sind, Flüchtlinge. Es ist das Jahr 1936 in Ostende, ein Badestädtchen in Belgien. Dort urlauben Stefan Zweig und Joseph Roth. Und deren Freundschaft, der verwickelten, nicht reibungsfreien, gegenseitig fördernden, teils grenzpaternalistischen (seitens Zweig), teils unverstellt kritischen (seitens Roth), erzählt Volker Weidermann, Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, nach in einer Vignette über die beiden jüdisch-österreichischen Autoren, deren Welt da schon untergegangen war.

Sonne, Meer und Nord-seeküste, Getränke, anregende Gesellschaft. Es ist das Jahr 1936 ...

Flott liest sich das, manchesmal arg flott. Führt doch der Feuilletonist Weidermann eine schnelle Feder und malt mit leichter Hand die Szenerie aus. Hier der elegante, zurückhaltende, immer menschenscheuer werdende Noch-Erfolgsautor Stefan Zweig, amourös recht frisch liiert mit seiner Sekretärin Lotte, dem die Welt fragiler wird und der keinen Halt mehr in ihr findet (und bis zu seinem Selbstmord in Brasilien 1942 nicht mehr finden wird). Dort Roth in eng geschnittenen Offiziershosen, arm, aufgedunsen, magnetischer Erzähler, der 20 Jahre lang rasend, aber nie schludrig schrieb, die Habsburgermonarchie neu erträumte und sich drei Jahre später, am 27. Mai 1939, zu Tode getrunken haben wird. Ostende 1936 war nicht entscheidend in ihren Biografien, ist aber ein trefflicher Ausgangspunkt, um von dort nach vorn und nach hinten, bis vor 1914 reichend, über ihr Verhältnis zu schreiben.

Fly on the wall
Ostende-1936.-Sommer-der-Freundschaft
Volker Weidermann:
Ostende 1936. Sommer der Freundschaft.
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2014; 160 S.,
€ 18,50 (A)/17,99 (D)

Atmosphärisch dicht ist das. Weil sich Weidermann des Kunstgriffs der historischen Reportage bedient und im Präsens erzählt. In Nordamerika heißt dieser Trick „fly on the wall“, die Fliege an der Wand. Damit gemeint ist der unsichtbare Erzähler, der die Geschehnisse direkt miterlebt, am Bistrotisch sitzt und beim Briefe- und Tagebuchschreiben über die Schulter schaut. Der Biograf als Zeitzeuge: So gut dies funktioniert, so ist es doch nur Schein. Und anmaßende historiografische Illumination.

Bringt Weidermann Neues? Präsentiert er Anderes, Ergänzendes, was die Stefan-Zweig-Biografie Oliver Matuscheks oder die Lebensbeschreibungen Joseph Roths von Wilhelm von Sternburg und David Bronsen nicht enthielten? Antwort: nein.

Andererseits ist diese Skizze eine schöne Einführung, bedarf es doch nur wenig an Vorkenntnissen, um ihr zu folgen. Je näher das schmale Buch aber seinem Ende kommt und dem Ende seiner zwei Figuren, um so stärker und um so merkwürdiger irritiert, dass Volker Weidermann Zweig und Roth nicht mehr nur subkutan karikiert, sondern ausstellend denunziert.

Bild:
Stefan Zweig und Joseph Roth 1936 im belgischen Badestädtchen Ostende

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