Editorial

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Warum wir Israel lieben? Israel ist das Land der Antipoden, und auch das ist ein „Weil“ ... © flash90

Als Vertreter der hebräischen Bevölkerung und der zionistischen Organisation haben wir uns heute, am letzten Tage des britischen Mandats über Palästina, hier eingefunden und verkünden hiermit kraft unseres natürlichen und historischen Rechtes und aufgrund des Beschlusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen, die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel – des Staates Israel.“ Diese Worte David Ben-Gurions waren die ersten, die der Radiosender Kol Israel am 14. Mai 1948 landesweit ausstrahlte.

70 Jahre sind seit der Gründung des Staates Israel vergangen ‒ und genau 30, seit ich das erste Mal diesen ganz bestimmten Duft am Flughafen Ben Gurion eingeatmet habe. Ich war 13, mit der Familie erst seit einem Jahr aus dem Gulasch-Kommunismus im „Westen“ angekommen, und die erste Urlaubsreise ging – wie mein Vater sagte – nach Hause. Dieser Duft von damals hat mich bis heute nicht verlassen. Ich kann Israel riechen, wenn ich die Augen zu mache – egal, wo ich bin. Dieser süßlich-schwere Duft ‒ ein Gemisch aus Meer, Palmen und hoher Luftfeuchtigkeit, Geschrei und Gehupe, wunderschönen Menschen, dem Strand von Tel Aviv und der Klagemauer in Jerusalem ‒ war und ist immer da.

Zu formulieren, was dieses kleine, laute und von so vielen Unterschieden geprägte Land für so viele von uns wirklich bedeutet, ist in ein paar kurzen Zeilen unmöglich. Das Stadtmagazin Time Out hat sich dem Thema sehr israelisch, also schrill, modern und doch altmodisch-sentimental genähert und 70 Argumente gefunden, warum wir dieses Land lieben. Einen kleinen Auszug bringen wir in diesem Heft.

„Israels nun beginnendes achtes Jahrzehnt bedeutet auch 70 Jahre lebendiger Demokratie mit einer starken und unabhängigen Zivilgesellschaft –
der ersten dieser Art im Nahen Osten.“
Reuven Rivlin

Es gibt unzählige Weils, offensichtliche, aber auch sehr subtile: weil man die Menschen liebt und das Essen, den Meeresstrand, den Wüstensand und das Grüne des Golans. Weil die Dame im Autobus wie die eigene Oma aussieht und der Herr im Kaffeehaus die tätowierte Zahl am Unterarm nicht versteckt. Weil man die geschäftigen Männer in ihren langen Kaftanen am Erev Schabbat beobachtet, während man selbst in kurzer Hose bei Limonana sitzt und sich dabei fragt, welcher nun der rechte Weg sei, ihrer oder meiner. Weil man die uniformierten Jungen bewundert und gleichzeitig hofft, dass das eigene Kind hier nie 18 wird …

Israel ist das Land der Antipoden, und auch das ist ein „Weil“: Vergangenheit und Zukunft, Orient und Okzident, Gefillte Fisch und Falafel, Häkeldeckchen und Hamsa, Kotel und Iron Dome, blutige Konflikte an der Grenze zu Gaza und Rettungseinsätze an der Grenze zu Syrien. Und man fragt sich in Israel nicht ständig, wie aus dieser Dissonanz Harmonie wird. Man lebt sie einfach. Denn es bleibt einem nichts Anderes übrig. Eine Harmonie mit vielen Wunden.

Und leider liebt man dieses kleine Land auch so sehr, weil man in Berlin fürs Kippatragen verprügelt wird. Weil man sich als Jude in manchen Vierteln von Paris fürchten muss. Weil man im österreichischen Fernsehen als „Brunnenvergifter“ bezeichnet werden kann, wenn man anderer Meinung ist. Weil in Budapest ein Schoah-Überlebender zum Vorsitzenden eines geheimen Zerstörungsplans „glorifiziert“ wird. Und weil man sich deshalb wünscht, dass dieses kleine Land einen in der Diaspora auch ein wenig liebt.

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