Ein großes, charmantes Mundwerk

Boris Kandov will ausleben, worin er gut ist. Wenn das nur nicht so viel wäre.

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© Anna Goldenberg

Es ist Sonntagnachmittag und Boris Kandov ist müde. Es sind die Tage zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur, am Abend zuvor war Boris für die Selichot um Mitternacht im Tempel. Dann ist er früh aufgestanden, um auf dem Flohmarkt einige Vintage-Uhren zu ergattern. Die sammelt er nämlich. Anschließend besuchte er seinen Onkel, für ihn wird er nun einige alte Videoaufnahmen auf den Computer überspielen. Am Abend will er noch mit einem Freund ein Video mit witzigen Interviews schneiden, das sie gemeinsam produziert haben.

»Wenn ich 200 Jahre zu leben hätte, würde ich
Physik auch noch fertig machen.
Und Philosophie und Soziologie studieren.«

So ein Tag passt zu Boris, der von sich selbst sagt, dass er sich für so vieles interessieren und begeistern kann. Aber trotzdem sei das doch nicht spannend, meint der 28-Jährige. „Schreib lieber, dass ich gerne kleinen Babys das Leben rette.“ Wie? „Indem ich sie in den Arm nehme.“ Boris kann aber auch ernsthaft. Etwa, wenn er davon erzählt, wie seine Großeltern eigentlich aus dem sowjetischen Taschkent nach Israel auswandern wollten, es ihnen dort aber nicht gefiel (das Klima, der Jom-Kippur-Krieg) und sie in Wien hängen blieben, als sie vergeblich versuchten, in das heutige Usbekistan zurückzukehren. Für Boris eine gute Wahl, denn er liebt die Stadt: „Du bist in der Mitte der Welt zwischen Ost und West.“

Natürlich wird er oft gefragt, woher er denn komme, ob er wirklich aus Wien sei, wo er sein ganzes Leben verbracht hat. „Manchmal sage ich, ich komme von der Milchstraße oder aus Afrika, so wie alle Menschen.“ Und manchmal macht ihn die Frage selbst nachdenklich. „Ich bin mehr als nur Österreicher“, holt er aus. „Judentum ist eine Religion, aber auch ein Volk. Und dann habe ich auch sowjetische Wurzeln, aber wir waren Juden in Usbekistan und nicht Usbeken.“ Letztlich, sinniert er, sei er jüdischer Österreicher oder österreichischer Jude, mal das eine, mal das andere mehr. „Da bin I her, da g’hör’ I hin. Da schmilzt das Eis von meiner Seel’. Wie von an Gletscher im April“, zitiert er den Schlager I am from Austria von Reinhard Fendrich.

Seit drei Jahren arbeitet Boris im Rechtemanagement des ORF. Mittlerweile ist es ein Vollzeitjob. Nebenbei studiert er Jus; eine Prüfung fehlt ihm noch, dann ist er fertig, plant sein Gerichtsjahr und vielleicht eine Weltreise. Nach der Matura an der ZPC-Schule inskribierte er sich zunächst für Physik, fühlte sich dort aber nicht wohl. („Wenn ich 200 Jahre zu leben hätte, würde ich Physik auch noch fertig machen. Und Philosophie und Soziologie studieren.“) Er sattelte auf Jus um; schließlich war er in der Schule Klassensprecher gewesen, seine Freunde attestieren ihm ein „großes Mundwerk“. Aber ob er sich wirklich ein Leben lang als Jurist sieht? „Ich will ausleben, worin ich gut bin.“ Und das ist nun mal ziemlich viel.

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