Helfen ist so einfach

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Schutzsuchenden zu helfen birgt auch die Notwendigkeit in sich, sich mit der eigenen Vergangenheit und mit dem Unverständnis der Mitmenschen auseinanderzusetzen.

„Und wenn ein Fremder bei dir – in eurem Land – als Fremder wohnt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.  Wie ein Einheimischer unter euch soll euch der Fremde sein, der bei euch als Fremder wohnt; du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen. Ich der Ewige bin dein G-tt.“   (Wajikra, 3. Buch Moses 19,33-34)

In letzter Zeit spreche ich sehr viel mit Menschen. Bevor sich die Ruhe der Chanukka- und Weihnachtsfeiertage über das Land ausgebreitet hat, sind die Wogen hochgegangen. Flüchtlingsobergrenze, Abschiebungen nach Kroatien, der Streit um die Mindestsicherung, der Bundespräsidentenwahlkampf und schreckliche Anschläge dominierten die Medien. Dennoch habe ich in Österreich noch nie bewusst eine Bürgerbewegung wie die für Alexander Van der Bellen erlebt. Es ging darum, einen Rechtsextremen in der Hofburg zu verhindern. Diese Bewegung reichte weit in das konservative und christlich-bürgerliche Milieu hinein. Umso überraschter war ich, als ich bei meinem freiwilligen Straßenbundespräsidentenwahlkampf vor den jüdischen Geschäften erkennen musste, dass bei fast jedem dieser Gespräche das Flüchtlingsthema zur Sprache kam, ohne dass ich dieses je selbst erwähnte. Diese Skepsis war mit einer sehr tiefen Angst und Unsicherheit verbunden, ob ein „Grüner“ auf ihrer Seite wäre, wenn sie als Juden Feindschaft und tätliche Angriffe erleben. Der blaue Kandidat versprach, etwas gegen die Flüchtlinge zu tun, die Migration zu stoppen und im Land wieder für „Ordnung“ zu sorgen. Ich musste erfahren, dass Juden, die auf der Straße als solche sichtbar sind, wieder um ihr Leben fürchten müssen.

Hätte mein Vater, hätten meine Großeltern 1938/39 nicht Asyl gefunden, wären sie in der Schoah umgekommen.

Mein Engagement für Flüchtlinge im Rahmen von Shalom Alaikum – Jewish Aid for Refugees Vienna hat einige sehr negative Reaktionen in meinem religiösen Bekanntenkreis hervorgerufen, die ich so nicht erwartet hatte. Der schlimmste Vorwurf war, dass ich mich für „unsere Feinde“ einsetze und dass dies einer jüdischen Frau nicht zukomme. Der Vorschlag, doch lieber etwas für hilfsbedürftige Juden zu tun, erzeugte trotz Spendenbereitschaft und Liebe zu Israel tatsächlich Schuldgefühle in mir.

Als die Schutzsuchenden in großer Zahl im Sommer und Herbst 2015 zu uns kamen, auf den Bahnhöfen kampierten, sah ich so viele, Alte, Junge und Kinder, die mich zutiefst rührten. Gerade dem Tod auf dem Meer entkommen, erzeugten diese Menschen, die oft nichts bei sich hatten als ihre Kleider, bei mir Bilder aus der Vergangenheit. Hätte mein Vater, hätten meine Großeltern 1938/39 nicht Asyl gefunden, wären sie in der Schoah umgekommen. Die Flüchtlinge, welche bei uns geblieben sind, brauchen Anteilnahme an ihren Problemen, sie benötigen viel Unterstützung für eine gelungene Integration. Wir können ihnen diese Zeitspenden geben, egal welcher Religion und Herkunft wir, die Helferinnen und Helfer, sind. Denn wir hatten das Glück, in Frieden geboren worden zu sein.

Viele fragten mich damals, ob ich erzähle, dass ich Jüdin bin, und sie waren überzeugt, dass die Flüchtlinge, wenn sie dies erfahren würden, nicht mehr mit mir Deutsch lernen wollen. Ich hatte tatsächlich auch diese Angst und vermied es lange, darüber zu sprechen. Aber wenn man seine Identität und das, was man liebt, verleugnet gibt man tatsächlich ein Stück von sich selbst auf. Eine Gruppe engagierter und mutiger jüdischer Frauen des Vereins Shalom Alaikum wies mir den Weg mit ihrem Enthusiasmus und ihrer kompromisslosen Überzeugung, dass Verständigung und gegenseitiger Respekt möglich sind. Ein Fest des Vereins im Prater, bei dem Juden und Muslime friedlich beieinander saßen, zusammen picknickten, spielten und Musik machten, hat mir dann gezeigt, dass es ganz einfach ist. Es veränderte sich nichts in der Beziehung, aber die Erleichterung, sich nicht mehr verstellen zu müssen, ist sehr groß.

Von Shoshana Duizend-Jensen


Bild: © Daniel Shaked

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