„Da hast du einen Juden, kannst ihn ruhig hassen“

Péter Nádas stand als Ehrengast im Zentrum des zweitägigen Festivals Literatur im Nebel, veranstaltet von Gründer und Intendant Rudolf Scholten in Heidenreichstein. Hochkarätige Lesungen, Diskussionen und Vorträge gaben einen Einblick in das monumentale Werk und die vielschichtige Persönlichkeit des Schriftstellers. Gemeinsam mit Imre Kertész, György Konrád und György Dalos gehört Nádas zu den großen, auch jüdisch geprägten ungarischen Erzählern mit europäischem Horizont, deren literarische Bedeutung weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus reicht.

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© Konrad Holzer

Aus der Schule kam der achtjährige Péter mit der Bemerkung nach Hause, er würde die Juden hassen, weil sie Christus ans Kreuz genagelt hätten. Seine Mutter stellte den Buben vor den Spiegel und sagte: „Da hast du einen Juden, kannst ihn ruhig hassen.“ Diese Schlüsselszene seines indirekten Coming-outs hat Péter Nádas im 1.300 Seiten starken Erinnerungsband Aufleuchtende Details beschrieben. Er umfasst Rückblicke auf die jüdische Familiengeschichte, die zurückreicht bis zum Urgroßvater, der als Parlamentarier für die Gleichberechtigung der ungarischen Juden kämpfte, auf das Leben im großbürgerlichen Großelternhaushalt samt jiddisch sprechender Großmutter. Reflexionen zur eigenen Geburt an einem schicksalsträchtigen Mittwoch im Oktober 1942, gefolgt vom Holocaust, den die Familie mit gefälschten Papieren überlebte, die Nachkriegszeit und die stalinistische Ära bis hin zur ungarischen Revolution 1956 spiegeln insgesamt das Drama des 20. Jahrhunderts aus der Sicht eines früh verwaisten Kindes, eines Heranwachsenden und eines überaus wachen Zeitgenossen.

WINA: Erst als Schulkind hätten Sie erfahren, dass Sie Jude sind, schreiben Sie in Aufleuchtende Details, und gerade dieses „Detail“ wollen Sie nicht erfunden haben.
Péter Nádas: Ich habe in diesem Buch überhaupt sehr wenig erfunden. Ich habe mich an die Tatsachen gehalten, und meine Phantasie hat darin nur einen minimalen Anteil.

Ich habe bei der Lektüre dennoch nicht ganz verstanden, wie Ihnen Ihr Judentum so lange verborgen bleiben konnte. Ihre Großeltern lebten doch offenkundig auch mit jüdischen Traditionen. War das eine Verdrängung, auch von Seiten Ihrer Eltern?
I Nein, es war gar keine Verdrängung. Es kam aus der kommunistischen Überzeugung, dass das Judentum gar keine Rolle spielt, einerseits. Andererseits bin ich mit meinem Großvater mütterlicherseits in die Synagoge gegangen, denn er wollte mir die Synagoge zeigen, aber er war ein Atheist. Es war eine ganz kleine Synagoge in der István-Ut, die erste Synagoge, die ich betreten habe, da war ich ungefähr fünf Jahre alt. Es war für mich damals interessant, aber ich habe es in keinen persönlichen Zusammenhang gebracht. Das war ein weißer Fleck. Der Glaube war nicht ganz weiß, weil unsere protestantische Haushälterin mich immer in die Kirche mitnahm, sie wollte mich in die calvinistische Glaubensgemeinschaft einführen. Das Ganze ist für mich eigentlich ziemlich rätselhaft.

Andererseits wuchsen Sie mit kommunistischen Idealen auf, die gesamte schulische Erziehung war ja ideologisch geprägt. Ihre Eltern waren, wie viele Juden, überzeugte Kommunisten. War das für Sie kein Zwiespalt, kein Widerspruch?
I Nein, das war kein Widerspruch, denn alle Seiten der Familie waren liberal. Sie waren Kommunisten mit einer liberalen Haltung, sie waren keine richtigen Dogmatiker. In der stalinistischen Zeit sind sie beide Dogmatiker geworden, haben aber sogar dabei ihre liberale Haltung beibehalten.

Péter Nádas beim pointierten WINA-Gespräch während Literatur im Nebel in Heidenreichstein. © Konrad Holzer

Und sie sind ja genau deswegen verfolgt worden, oder?
I Nicht genau deswegen, aber irgendetwas stimmte nicht, sie waren gegen alle Privilegien und eine privilegierte Schicht, eine neue Klasse ist entstanden. Sie haben diese Tendenz bekämpft und dadurch Konflikte mit ihrer eigenen Partei bekommen.

Péter Esterhazy hat mir einmal gesagt, im Kommunismus habe man gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Auch Ihre Bücher waren längere Zeit verboten. Wie gingen Sie mit der Zensur um?
I Zehn bis zwölf Jahre lang ist überhaupt keine Zeile von mir erschienen. Das war sehr schwierig.

Der Antisemitismus gehört in Ungarn leider fast zur nationalen Mentalität. Wie haben Sie sich damit arrangiert, sind Sie auch Anfeindungen ausgesetzt gewesen?
I Ich bin immer wieder davon betroffen worden, aber Antisemitismus ist keine ungarische Spezialität. Es ist ein Nebenzweig von Rassismus. Es gibt auch jüdischen Rassismus, und ich bin gegen alle Rassismen der Welt. Ich kann das nicht ausstehen.

 

„Wenn man sich für klüger, für moralischer hält als
alle anderen, dann steht der Rassismus schon an der Schwelle.“
Péter Nádas

 

György Konrád hat gesprächsweise gemeint, man lebe ohnehin überall quasi in einer Blase, und auch er, seine Kinder und Enkel kämen in Ungarn ganz gut damit zurecht. Sie haben sich aufs Land zurückgezogen. Wie erleben Sie das?
I Ich habe nie in einer Blase gelebt, auch in der kommunistischen Zeit nicht. Ich bin an der Realität interessiert, und zur Realität gehört auch der Rassismus. Es gibt einen ungarischen Rassismus und auch einen österreichischen Rassismus, in Frankreich nicht weniger. Deutschland ist moderat, aber jetzt kehrt auch der deutsche Rassismus wieder zurück. Ich versuche, kein Rassist zu sein, das ist das Einzige, was ich anbieten kann; aber ich ertappe mich selbst immer wieder bei einer Art Rassismus. Wenn man sich für klüger hält als alle anderen, wenn man sich für moralischer hält als alle anderen, dann steht der Rassismus schon an der Schwelle.

In einer politischen Wortmeldung haben Sie kürzlich Angela Merkels Verhalten in Bezug auf Putin kritisiert. Waren nicht alle westlichen Politiker:innen diesbezüglich zu naiv, und der Osten, vor allem Orbán, hat davon profitiert?
I Nein, diese Naivität ist vorgespielt, alle westlichen Machthaber bekommen täglich Geheimdienstberichte. Orbán ist kein weltpolitischer Spieler, auch kein europäischer. Merkel und die gesamte europäische Volkspartei haben Orbán zugelassen, weil sie dachten, Ungarn ist zu klein, zu unbedeutend in der Europäischen Union, wir machen dort gute Geschäfte, und er kann machen, was er will. Das hat natürlich schlimme Folgen, weil das für die ungarischen Demokraten bedeutet, dass parteipolitische Interessen in Westeuropa für wichtiger gehalten werden als die Demokratie selbst. Also die scheißen auf die Demokratie, und wir üben Parteipolitik. Aber Parteipolitik von Demokratie zu lösen, das ist verrückt. Das geht nicht. Also Orbán beschimpfen ist zu wenig. Man muss die europäischen Zusammenhänge sehen, dann erkennt man, dass andere für diesen Zustand verantwortlich sind. Aber ich bin kein Politiker


Anmerkung: Dieses Gespräch wurde am 7. Oktober um die Mittagszeit geführt. Die Schockwelle der barbarischen Terrorattacke der Hamas hatte noch nicht das herbstlich idyllische Waldviertel erreicht, was rückblickend kaum erklärbar erscheint. Aber so war es. Das kurze Interview wäre in Kenntnis dieser Nachrichten wohl anders verlaufen. 

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