„Da ist mein Ehrgeiz erwacht“

Jana Wassermann führt seit diesem Jahr eine Kassenordination als Allgemeinmedizinerin in der Novaragasse in der Leopoldstadt. Sie kehrt damit in die Straßen ihrer Kindheit zurück.

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Jana Wassermann „Als Hausärztin zählt aber immer der Mensch als Gesamtheit.“ © Daniel Shaked

Sechseinhalb Jahre war Jana Wassermann alt, als ihre Eltern beschlossen, von Jerusalem nach Wien zu übersiedeln. Sie waren schon vor Janas Geburt mit den beiden älteren Töchtern von Usbekistan nach Israel ausgewandert. Nun stand eine größere Familienzusammenführung in Österreich an. Jana hatte da schon ein dreiviertel Schuljahr in
Israel absolviert. In Wien musste sie vor allem sprachlich ganz von vorne anfangen. Zunächst besuchte sie die Volksschule in der Staudingergasse im 20. Bezirk, dann wechselte sie in die Schule in der Novaragasse – genau dort befindet sich nun ihre Ordination. Um die Ecke, in der Zirkusgasse, besuchte sie das Gymnasium.

„Zugleich Jüdin und Ausländerin zu sein, war oft eine Herausforderung für mich“, sagt Wassermann im Rückblick. Es seien die 1980er- und 1990er-Jahre gewesen, „das war noch eine andere Zeit, da ist man schnell aufgefallen und wirkte rasch anders.“ Als besonders schwierig hat sie den Übertritt in das Gymnasium in Erinnerung. „Ich war in Deutsch zwar gut, aber Deutsch war nicht meine Muttersprache.“ Mit einigen Lehrern habe sie damals schlechte Erfahrungen gemacht. In Mathematik sei sie in der ersten Klasse nicht gut gewesen, dann hieß es, sie könne nicht in die nächste Schulstufe aufsteigen, weil ihr Deutsch zu schlecht sei. „Da ist mein Ehrgeiz erwacht“, sagt die Ärztin heute. „Ich habe gelernt und wollte nie wieder in so einer Situation sein. Von da an zeichneten mich Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit aus.“

Von nun an habe sie immer wieder aufgezeigt und nachgefragt, wenn sie etwas im Unterricht nicht verstand. Im Maturajahr dann aber ein familiärer Tiefschlag: Ihr Vater, ein Zahnarzt, starb. Er habe sie sehr geprägt, sagt Wassermann. „Zum großen Teil ist es auch ihm zu verdanken, dass ich Ärztin geworden bin.“ Oft erinnere sie sich daran, wie der Vater das gemeinsame Abendessen für einen schmerzgeplagten Patienten unterbrochen habe. Doch auch die Mutter, die in der ehemaligen Sowjetunion russische Literatur und Philosophie studiert hatte, trug viel zum Erfolg der drei Töchter bei. „Unsere Mutter war die, die darauf geschaut hat, dass wir lernen. Und sie  war streng, sie hat uns beigebracht, dass Erfolg mit Leistung verbunden ist.“

Für das Medizinstudium entschied sich Wassermann, weil es sie faszinierte, was das Gehirn alles steuern kann und dass der Körper wie eine perfekt gebaute Maschine funktioniert. Im Studium war es vor allem das Fach der Inneren Medizin, das sie interessierte und das sie auch im Rahmen einer Facharztausbildung vertiefen wollte. Besonders viel Zeit widmete sie dem Studium des EKG sowie der Blutzucker- und Blutdruckeinstellungen. „Als Hausärztin zählt aber immer der Mensch als Gesamtheit. Eine gesunde Psyche ist die Basis eines gesunden Körpers, eine solide Vorsorgemedizin die Prävention von lebensbedrohlichen Erkrankungen oder vermeidbaren schweren Komplikationen“, so Wassermann. Wichtig sei ihr daher der Bezug zum Menschen, das Reden, das Soziale, auch daraus ergebe sich oft durch den einen entscheidenden Hinweis eine Diagnose. Und das ist genau das, was sie bis heute an ihrer Arbeit fasziniert. Wassermann arbeitet gerne für und mit Menschen. Da darf dann ein Patientengespräch auch gerne einmal etwas länger dauern, als es eigentlich in einer Kassenordination üblich ist.

Ihren Turnus absolvierte Wassermann im Wilhelminenspital, der heutigen Klinik Ottakring. Mehrmals unterbrach sie ihn, um in Karenz zu gehen: In dieser Zeit kamen ihre drei Töchter – heute vier, acht und zehn Jahre alt – zur Welt. Danach begann sie 2018 einerseits bei ESRA als Allgemeinmedizinerin zu arbeiten, andererseits war sie als Vertretungsärztin in verschiedenen Ordinationen in Wien tätig. Dort hat sie erlebt, dass man maximal fünf bis sieben Minuten mit einem Patienten verbringen sollte. Bei ESRA hat sie dagegen die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, den Patienten zuzuhören. Dort hat sie auch mitbekommen, dass zum Beispiel ein transgenerationelles Trauma dafür verantwortlich sein kann, dass jemand Panikattacken bekommt, nicht einschlafen kann oder nicht reden möchte. Die Vielschichtigkeit der jüdischen Klientel habe ihr besonders gut gefallen, sagt sie. Viel habe sie bei ESRA über den NS-Bezug gelernt, den Schwerpunkt dieser Institution. Gut bekannt seien ihr aufgrund ihrer eigenen Biografie jüdische Patienten mit Migrationshintergrund.

 

„Eine gesunde Psyche ist die Basis eines gesunden Körpers,
eine solide Vorsorgemedizin die Prävention
von lebensbedrohlichen Erkrankungen.“

Jana Wassermann

 

Eigene Praxis. Im ersten Corona-Lockdown brachen Wassermann viele der Stunden als Vertretungsärztin weg – es kamen kaum mehr Patienten und Patientinnen in die Ordinationen. Da reifte die Entscheidung heran, sich mit einer eigenen Praxis selbstständig zu machen. Auf der Suche nach einer Kassenplanstelle sah sie sich bewusst im zweiten Bezirk um. Dass gerade in der Novaragasse der Allgemeinmediziner Ignac Feld nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin suchte, sei ein Glücksfall gewesen. „Ich habe ihn vorher nicht gekannt, habe aber ziemlich bald festgestellt, dass er nicht nur ein guter Arzt, sondern auch ein gutherziger, phantastischer Mensch war.“
So habe sich eine Freundschaft entwickelt und Feld, der bald nach der Übergabe leider verstarb, und sie hätten den Übergang überlappend gestaltet. Das habe sehr gut funktioniert.
Außerdem hat sie noch alle Hände voll zu tun, um sich um ihre Kinder zu kümmern. „Meine drei Töchter und mein Mann sind das Wichtigste in meinem Leben.“ Mitgeben wolle sie den Mädchen „die Liebe zum Lernen und Begeisterungsfähigkeit, dass sie optimistisch sind und Freude an ihren Mitmenschen haben“.

Long Covid. Als Mutter hat sie auch miterlebt, wie sich die Pandemie auf ihre Kinder ausgewirkt hat. Ihre beiden älteren Töchter hätten die Hälfte ihrer Volksschulzeit verpasst. Als Ärztin sieht sie oft Patienten, die an Long Covid erkrankt sind. „Jemand, der verlangsamt ist, der Atemnot bei der geringsten körperlichen Anstrengung hat, der sein Herz schlagen hört, wenn er sich nur bückt, der kann nur Long Covid haben, wenn er vorher nichts anderes hatte.“ Inzwischen gebe es hier aber sowohl Rehabilitationsangebote wie auch Ambulanzen. Man müsse diese Erkrankung ernst nehmen und dürfe die Beschwerden nicht bagatellisieren. „Die Leute leiden extrem.“


JANA WASSERMANN,
geb. 1980 in Jerusalem, im Alter von sechs Jahren mit der Familie nach Wien übersiedelt. Hier Matura, danach Medizinstudium. Nach dem Turnus zunächst bei ESRA
als Allgemeinmedizinerin sowie als Vertretungsärztin in allgemeinmedizinischen Praxen tätig. Seit diesem Jahr praktische Ärztin mit eigener Kassenordination in der Leopoldstadt. Sprachen: Deutsch, Russisch, Hebräisch und Englisch.
Wassermann ist verheiratet und Mutter dreier Töchter.
hauptsachegesund.at

 

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