Das Aber

Ein Faschingswagen befördert unverhohlen Antisemitismus. Mitten in Europa. Ohne Konsequenzen.

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Antisemitismus. Da gibt es jedes Jahr rund um die Pogromnacht und in Gedenkjahren wie zuletzt 2018 so viel Klarheit, so viel Bekenntnis, dass Judenhass niemals wieder zu so etwas führen darf wie dem nationalsozialistischen Unrechtsregime, niemals wieder dazu führen darf, dass jeder sich im Recht sieht, wenn er verbal und auch körperlich nach Juden und Jüdinnen tritt, sie beschämt, sie verletzt, sie tötet. Und dann werden wir alle wieder eines Besseren belehrt. Und es überrascht nicht einmal mehr. Es verfestigt nur das bittere Gefühl, es wird sich niemals etwas ändern. Nein, es wird niemals wieder Konzentrationslager geben, Juden und Jüdinnen werden in Europa nie mehr wieder von staatlicher Seite verfolgt werden. Aber die Ressentiments, sie sind da, sie bleiben. Sich in so einem Klima des Misstrauens und der Vorurteile wohlzufühlen, das fällt schwer.
Bei einem Faschingsumzug im belgischen Aalst zeigte ein Wagen überdimensionierte pinke Schmähfiguren orthodoxer Juden, garniert mit Geldsäcken und Ratten. Was auch Protest gegen Judenhass oder Rechtsextremismus sein hätte können, stellte sich rasch als das heraus, was es zu sein schien: eine unverblümte antisemitische Darstellung.
Steigende Preise habe man so illustrieren wollen, sagten die Urheber, die Mitglieder der Karnevalsgruppe Vismooil’n. Und auch auf weitere Mediennachfragen hin wurde nicht zurückgerudert, gab es keine Einsicht, keine Entschuldigung. Im Gegenteil: Man verwies auf den Bürgermeister der Stadt, Christoph D’Haese, der sich hinter die Faschingstruppe gestellt hatte.

Waren Juden jemals willkommen in Europa? Werden sie es jemals sein? Toleriert zu werden, ist das eine, aus Political Correctness heraus ge- und beschützt zu werden, das andere.

Die Mitglieder von Vismooil’n sind keine übermütigen Jugendlichen, keine zugewanderten Judenhasser. Die Mitglieder von Vismooil’n kommen, wie die Jewish Telegraphic Agency recherchierte, aus der so genannten Mitte der Gesellschaft: Ein Mitarbeiter der Aalster Polizei ist darunter, ein Beschäftigter des Bildungsministeriums, ein Techniker.
Die Stereotype, die mit diesem Wagen transportiert wurden, sind nicht verklausuliert, sie verstecken sich nicht hinter Codes. Dreimaliges Um-die-Ecke-Denken ist nicht erforderlich. Gierige Juden sitzen auf dem Geld. Punkt. Preise steigen? Die Juden sind schuld!
Wenige Tage nach diesem Karnevalsumzug starb die großartige Elizabeth T. Spira. Der ORF wiederholte im Andenken an sie zwei ihrer „Alltagsgeschichten“: Das kleine Glück im Schrebergarten aus dem Jahr 1992 und Am Würstelstand aus dem Jahr 1995. Spiras Kunst war es, die richtigen Fragen im richtigen Ton zu stellen und den Menschen zuzuhören. Lange und geduldig. Und dann kam auch das Unterdrückte herauf. Da sagte etwa ein Pensionist, ja, bei den Nazi, da sei er schon dabei gewesen.
Und man denkt sich, ja, in den 1990er-Jahren, da habe es sie eben noch gegeben, ein paar der alten Nazis, aber inzwischen ist diese Generation gestorben. Inzwischen sind die Grenzen dessen, was man sagen und nicht sagen kann, was ok ist und was nicht ok ist, klar abgesteckt. Nicht nur viele anonym im Netz getätigte Aussagen belehren eines Besseren. In diesem Fasching wurde auch mitten in Europa der alte Antisemitismus offen zur Schau gestellt – ohne Konsequenzen, mit Rückendeckung der örtlichen Behörden.
Waren Juden jemals willkommen in Europa? Werden sie es jemals sein? Toleriert zu werden, ist das eine, aus Political Correctness heraus ge- und beschützt zu werden, das andere. Es wäre unfair zu sagen, dass es heute nicht auch ehrliche Bemühungen gäbe, Antisemitismus zu überwinden, herzliche Umarmungen, aufrichtigen Kampf gegen den ewigen Judenhass. Es bleibt das Aber. Und das Aber tut weh.

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