Der feinsinnige Gründer

Der jüdische altösterreichische Versicherungsspezialist Joseph Lazarus Morpurgo war einer der beiden Unterzeichner der Gründungsurkunde der Generali Versicherung, heute ein Weltkonzern.

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© Trieste, collezione Assicurazioni generali

Als Joseph Lazarus Morpurgo am 26. Dezember 1831 seinen Namen neben dem des Rechtsanwalts Giambattista Rossini unter die Gründungsurkunde setzte, konnte er noch nicht wissen, was aus dem jungen Unternehmen einst werden sollte. Assicurazioni Generali Austro-Italiche hieß die neue Versicherung im damals österreichischen Triest. In rascher Folge wurden dann Niederlassungen gegründet, im noch nicht geeinten Italien vom Kirchenstaat bis Sizilien, ebenso in den wichtigsten europäischen Städten: im Binnenland in Wien, Prag, München; an den großen Häfen Hamburg, Marseille, Bordeaux.

Die Generali Group ist heute ein Weltkonzern mit Schwerpunkt Europa. Die Zahlen Ende 2019 wiesen Tochterunternehmen in 50 Ländern aus, 61 Millionen Kunden, betreut von fast 72.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Prämiensumme von knapp 70 Milliarden Euro und die 630 Milliarden Euro Kapitalanlagen platzieren den Konzern knapp hinter den Top 10 in der internationalen Versicherungsbranche, nach AXA, Allianz und deren großen amerikanischen und asiatischen Konkurrenten. Die Kernaktionäre sind italienische Gruppen, von Mediobanca bis Benetton, die Unternehmenszentrale befindet sich heute wieder in Triest.

Mehrere Male wurde Morpurgo zum Präsidenten der Triestiner jüdischen Gemeinde gewählt.

Laut Österreichischem Biographischem Lexikon stammt Morpurgo aus einer Familie von Seidenfabrikanten in Görz. Der Name führt sich auf das damals steirische, heute slowenische Marburg zurück, der italianisiert wurde. Weil seine Mutter starb, als er erst sechs war, schickte ihn sein Vater Abraham zur Ausbildung zu Verwandten nach Verona und Triest – übrigens trotz des jüdischen Glaubens sowohl bei einem Rabbiner wie auch bei einem katholischen Lehrer. Dann kehrte Joseph (Giu­seppe) kurz nach Görz in den väterlichen Betrieb zurück, heiratete die Tochter des Seefahr-Bankiers Leon Vivante, um sich schließlich in Triest ganz auf Versicherungs- und Seerecht zu spezialisieren. Sein Lehrer war der bekannte Rechtsanwalt Giacomo de Gabbiati, vermutlich begann Morpurgo seine Karriere auch in dessen Firma Banco d’Assicurazioni e Cambi marittimi. Es folgten Anstellungen in mehreren anderen Triestiner Versicherungsunternehmen, bald gründete er auch selbst ein erstes eigenes, das er aber wegen der napoleonischen Kriege wieder schließen musste.

Gründeraktie der Assicurazioni Generali Austro-Italiche, 1832. © Trieste, collezione Assicurazioni generali

Morpurgo wollte schon früh das System wechselseitigen Schutzes vom Seetransport auf andere Bereiche ausdehnen. Ein Plan für eine Witwen- und Waisenversicherung wurde ihm allerdings von den Behörden erst einmal untersagt. Die Wirtschaft blieb dann auch durch die europäischen Kriege jahrelang schwer beeinträchtigt, erst als sie sich langsam wieder erholte, konnte Morpurgo seine eigene See-Assekuranz-Gesellschaft neu gründen. Aber das reichte ihm nicht. Im Jahr 1822 errichtete er eine neuartige Feuerversicherung, wie es sie in England und Frankreich bereits gab. Diese sei, so Morpurgo „für die Interessenten wünschenswert und zugleich dem Staate nützlich“. Bald erhielt sie die notwendige kaiserliche Genehmigung und expandierte schnell in andere Versicherungszweige. Morpurgo gilt damit als Wegbereiter des umfassenden Versicherungswesens für die Habsburger Monarchie.

Gebildet und voller Tatendrang. Doch auch diese Gründung setzte seinem Tatendrang keine Grenze, er schrieb ein technisch-juristisches Sammelwerk über Versicherungen, arbeitete selbst in mehr als 100 Prozessen zum Seerecht als Sachverständiger. Und selbst nach der Unterschrift unter die Urkunde der Generali war kein Durchatmen geplant: Erst ging es um die Expansion des neuen Unternehmens, schon ein Jahr später folgte die Gründung des Lloyd (siehe unten).
Morpurgo war auch ein vielseitig gebildeter Mann. So schrieb er etwa Literatur jenseits des Faktischen, Versicherungstechnischen, darunter Poesie auf Hebräisch, Sonette wie Oden und Elegien, und übersetzte Essays aus dem Englischen. Als jüdischer Bürger engagierte er sich ebenfalls. Mehrere Male wurde er zum Präsidenten der Triestiner jüdischen Gemeinde gewählt. Er war maßgeblich daran beteiligt, den berühmten Rabbiner Abraham Vita de Bologna nach Triest zu holen. Dieser stammte ursprünglich aus Mantua, war aber auch Großrabbiner von Frankreich und später Rabbiner in Turin gewesen. Nach langen, zähen Verhandlungen erreichte er zudem, dass Jüdinnen und Juden in der städtischen Armenanstalt Unterstützung finden konnten.
Morpurgo starb 1835 in Triest an einem Schlaganfall. Noch zwei Tage zuvor hatte er seine eigene Grabschrift in hebräischen Versen verfasst.

Joseph Morpurgo wusste so ziemlich alles über die Risiken und Chancen im Seehandel. © Trieste, collezione Assicurazioni generali

Beinahe auch noch Reeder
Joseph Morpurgo war im Jahr 1833 auch unter jenen Triestiner Managern sieben großer Versicherungsunternehmen, die gemeinsam den Lloyd Austriaco nach Vorbild des Londoner Lloyds ins Leben riefen. Gedacht war die Einrichtung ursprünglich als internationales Netzwerk zur Informationsbeschaffung über Risiken und Chancen im Seegeschäft.
Morpurgo selbst sollte die Ausweitung in Richtung Transport nicht mehr erleben. Ein Jahr nach seinem Tod begann der Lloyd mit dem Postverkehr in der Adria in Richtung Levante, in den nächsten Jahrzehnten folgte eine rasche Expansion weit über das Binnenmeer hinaus. Es wurden Schiffe gekauft und in Auftrag gegeben, die regelmäßigen Linien hatten auch so weit entfernte Zielhäfen wie Port Said, Bombay, Shanghai oder Yokohama. Es gab wiederholt Expansion, Krisen und Sanierungen, am Höhepunkt seiner Entwicklung betrieb der Lloyd eine der größten europäischen Handelsflotten. Bei Kriegsausbruch 1914 besaß das Unternehmen 65 Schiffe und beschäftigte 6.000 Mitarbeiter.

Lebensart altösterreichischer Großbürger: das Museo Morpurgo in Triest. © Trieste, collezione Assicurazioni generali

Ein Stück Ringstraße an der Adria
Joseph Morpurgo mag ein besonders initiativer und gebildeter Mann gewesen sein, aber er blieb als Unternehmer, aktiver Bürger und Mäzen in seiner Familie nicht der einzige. So war etwa Elio Freiherr von Morpurgo, ein Neffe von Joseph, Bankier in Triest, weiters Präsident der Handelskammer und Direktor des österreichischen Lloyd. Einen Einblick in die Lebensweise dieser altösterreichischen Großbürger gewährt noch heute in Triest das Museo Morpurgo. Es befindet sich in einem 1875 für die Familie errichteten Stadtpalais, das diese in den 1940er-Jahren in eine Stiftung eingebracht und der Kommune übergeben hat. Zu besichtigen ist eine elegante, üppig dekorierte Wohnung, die Wiener-Ringstraßen-Luxus um nichts nachstand.
Museo Morgpurgo, Via Imbriani 5, Triest
museomorpurgo.it

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