Digitale Gruppenmanie

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Seit die Schule wieder begonnen hat, bestimmt WhatsApp unseren Alltag. Das mag in vielen Ländern so sein, aber in Israel weist der Umgang damit durchaus partikularistische Züge auf. Von Gisela Dachs

In letzter Zeit bin ich ständig mit digitalem Filtern und Aussortieren beschäftigt. Nein, es geht nicht um E-Mail-Überflutungen. Die lassen sich ja ganz gut in den Griff bekommen durch Junkmail-Abteilungen und Nichtlesen. Beim Umgang mit WhatsApp sieht die Sache schon anders aus.

Auf Hebräisch wird das allerdings wie „What’s Up?“ ausgesprochen. Vielleicht beginnt damit schon das Drama, weil es wie eine Aufforderung klingt. Wer immer sich das heruntergeladen hat, d. h. mittlerweile alle, fühlt sich fast schon bemüßigt, auf diese Weise anderen irgendetwas mitzuteilen. Vor allem Kinder.

Das Problem ist, dass meist alle zu allem etwas zu sagen haben – und das geht dann wiederum jedes Mal als Nachricht an alle.

Die Ära der SMS ist bei ihnen seither vorbei. Das ist verständlich. WhatsApp ist – fast – umsonst, man darf auch viel längere Texte schreiben, kann gut Fotos verschicken oder ins Mikrofon sprechen und das dann als Tonaufnahme versenden. Alle finden das zu recht toll. Allerdings braucht man dazu ein Smartphone mit Internetanschluss, ein normales Handy reicht nicht.

Mein Problem fängt damit an, dass ich altmodisch bin, in jedem Fall aber resistenter als andere Mütter bei der Frage, ab welchem Alter man unbedingt so ein Gerät haben sollte. Und weil ich hartnäckig finde, dass man da noch ein bisschen warten kann, habe ich sozusagen zur Überbrückung mein Gerät zur Verfügung gestellt. Man soll ja kein Kind von seinem sozialen Umfeld abschneiden, außerdem wollte ich einen Einblick in die Nutzungsgewohnheiten dieser „Digital Natives“ bekommen, die natürlich alle genau wissen, wie man eine WhatsApp-Gruppe ins Leben ruft.

Deshalb laufen jetzt die multiplen Kommunikationsstränge, die mit meiner jüngeren Tochter zu tun haben, über mein Smartphone. Allerdings laufen dort auch andere multiple Kommunikationsstränge zusammen, die mit meiner älteren Tochter zu tun haben, obwohl sie ja inzwischen selbst ein Smartphone besitzt. Die Eltern ihrer Freundinnen finden es jedenfalls sehr praktisch, auf diese Weise, sozusagen unter Erwachsenen, kollektive Fahrdienste und Geschenke zu organisieren.

Es gibt bei mir eine Surfinggruppe für Elternfahrdienste, zwei Geburtstagsgruppen, zwei Klassenelterngruppen ... eine Zitronenkuchengruppe, die von einer Aussteigerin der Beste-Freundinnen-Gruppe gegründet wurde, ...

Mir ist klar, dass WhatsApp auch woanders schon längst eingeschlagen hat, aber ich bin mir trotzdem ziemlich sicher, dass der hiesige Umgang damit durchaus partikularistische Züge aufweist. Denn die Israelis lieben es, zu kommunizieren und in Gruppen zu sein. Und weil sich auf WhatsApp beides wunderbar miteinander kombinieren lässt, ist nun das Zeitalter der interaktiven Rundbriefe angebrochen. Das Problem ist, dass meist alle zu allem etwas zu sagen haben, und das geht dann wiederum jedes Mal als Nachricht an alle. Jedes Mal macht es bling. Man kann das Telefon aber auch nicht einfach ausschalten, denn es könnte ja was Dringendes sein.

Konkret sieht das so aus: Es gibt bei mir eine Surfinggruppe für Elternfahrdienste, zwei Geburtstagsgruppen, zwei Klassenelterngruppen, eine Pfadfindergruppe, eine Beste-Freundinnen-Gruppe, eine Zitronenkuchengruppe, die von einer Aussteigerin der Beste-Freundinnen-Gruppe gegründet wurde, und eine ganze Reihe von Gruppen, die von einzelnen Kindern ins Leben gerufen wurde. Um sich mitzuteilen, Hundebilder zu verschicken oder ein Treffen abzumachen. Alles zieht natürlich Antworten nach sich. Also ein simpler Gute-Nacht-Wunsch wird zum Beispiel mit einem Gute-Nacht-Rückwunsch beantwortet, von allen. Das heißt, von jedem einzelnen Gruppenmitglied, dessen Meldung dann wieder an alle geht. Jedes Mal macht es bling.

Man könnte jetzt natürlich das Ganze einfach ignorieren, wenn nicht längst auch meine beruflichen Netzwerke dazu übergegangen wären, sich mithilfe von „What’s Up?“ oder eben weiterhin ganz altmodisch per SMS mitzuteilen. Pressekonferenzen, Pressemeldungen, Einladungen, Treffen werden zusätzlich zu E-Mails auf diese Weise verschickt. Das ist praktisch, aber es macht eben dauert bling.

Während des Krieges im Sommer gab es jede Menge nützlicher WhatsApp-Gruppen, die ein gutes Sicherheits- und Informationsnetz boten. Auch die Hamas wusste die digitalen Netzwerke für ihre Zwecke zu nutzen. Sie verschickte unter falschem Absender – per SMS – Raketendrohungen und Horrormeldungen von angeblich „geglückten“ Anschlägen in Israel. Ich habe mehrere solcher Botschaften bekommen, auf Englisch und auf Hebräisch – und musste wiederum aufpassen, dass sie nicht in die Hände der Kinder gerieten.

Der Alltag ist seither nicht mehr derselbe. Aus WhatsApp-Gruppen kann man durchaus aussteigen. Bloß muss man dann damit rechnen, ausgeschlossen zu sein. In vielen Fällen muss man sich Informationen auf andere Weise beschaffen. Auch das ist mühsam.

Gerne würde ich mich ja jetzt über Mütter beklagen, die vor lauter Langeweile nichts zu tun hätten und sich deshalb in WhatsApp-Gruppen engagierten. So ist es aber nicht. Unsere Mütter hier sind alle vollzeitbeschäftigt und regeln diese Geschäfte wie ich während, vor und nach der Arbeitszeit. Zuletzt entschuldigte sich eine von ihnen, dass sie „jetzt gleich auf die Bühne“ müsse und sich deshalb aus dem Gruppen-Tasten-Gespräch ausklinken würde. Nachdem dann um elf Uhr nachts im Theater der Vorhang fiel, war sie wieder mit dabei.

Ich bin mir sicher, dass der Eifer bald wieder nachlassen wird. Dann, wenn es wieder was Neues gibt, das den zwischenmenschlichen Kontakt fördert. Die Nutzung von WhatsApp ist hier jedenfalls keine Ersatzhandlung – sie sorgt eher fürs zusätzliche Zusammensein.

© Flash 90

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