Faszination Volkskultur

Vor 140 Jahren wurde Konrad Mautner in eine jüdische Industriellenfamilie hineingeboren. Er entwickelte sich vom Autodidakten zum bedeutenden Brauchtumsforscher.

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© Austrian Archives/Imagno/picturedesk.com

Isidor Mautner hatte es geschafft. Er war als junger Mann von seinem Vater Isaac aus Nordböhmen nach Wien geschickt worden, um nach dem Börsenkrach 1873 die Niederlassung der familieneigenen Textilfirma wieder auf Vordermann zu bringen. Nicht nur das gelang ihm: Der Enkel eines Rabbiners vergrößerte in wenigen Jahrzehnten das Unternehmen mit Neugründungen, Übernahmen und öffentlichen Aufträgen – etwa für die Landwehr – zu einem Konzern von erheblichem Umfang. In Fabriken in Böhmen, der damals zu Ungarn gehörenden Slowakei, in Niederösterreich und in Triest arbeiteten zum Höchststand mehr als 20.000 Frauen und Männer.
Dieser Erfolg spiegelte sich auch im Lebensstil von Isidor Mautner und seiner Frau Jenny wider. In ihrem Salon in der Löwelstraße nahe dem Burgtheater verkehrten Künstler und Intellektuelle: die Schriftsteller Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal, der Komponist Richard Strauss oder der Schauspieler Josef Kainz. Soireen gab es nicht nur in der City, sondern auch in einer mondänen Villa in Pötzleinsdorf, dem heutigen Museum Geymüllerschlössel. Und dann zog die Familie noch in den Sommermonaten ins steirische Salzkammergut, nach Gössl am Grundlsee.
Dort fühlte sich auch der kleine Conrad, der sich später Konrad schrieb, am wohlsten. Er war ein kränkliches Kind, wurde deshalb vorwiegend von einem Hauslehrer unterrichtet. Konrad litt an schweren Migräneanfällen, galt aber als sensibel und kreativ. Arthur Schnitzler hatte sich einmal die poetischen Versuche des Buben angeschaut und daraufhin in sein Tagebuch notiert: „Conrad Mautner, großes Talent.“
Weit weniger interessierten Konrad die Geschäfte seines Vaters. Dieser wollte ihn in der Unternehmensleitung sehen, nahm ihn mit auf Dienstreisen zu den unterschiedlichen Fabriksstandorten, aber der Funke sprang nicht, auch nicht bei einem Lehr- und Wanderjahr in der US-amerikanischen Textilindustrie. Isidor installierte den Sohn dennoch als Geschäftsführer in einer Holding und in mehreren Aufsichtsräten von Tochterunternehmen, aber er musste bald dessen mangelnden Geschäftssinn erkennen. Konrads älterer Bruder Stephan übernahm diese Familienrolle – bis zum schmerzhaften Niedergang des Konzerns in der Wirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre.
Doch Konrad hatte für sich einen Lebenszweck gefunden. „Am Grundlsee, während der Sommerfrische, die sich die Mautners wie alle Kaisertreuen im Salzkammergut gönnten, blühte Konrad auf“, schreibt Petra Stuiber im Standard. „Den ‚einfachen Leut’ galt sein Interesse, mit viel Liebe zum Detail studierte er ihr Leben, ihre Sitten und Gebräuche, sammelte ihre Lieder und Tänze und ihre Art, sich zu kleiden.“
1909, kurz nach seiner Hochzeit mit Anna Neumann, war er nach Gössl übersiedelt und widmete sich ganz seinem volkskundlichen Sammelinteresse. Er begann, einzelne Studien zu veröffentlichen, gründete einen lokalen Trachtenverein und war bei örtlichen Festen aktiv. 1910 gab er den aufwändigen Band Steyerisches Raspelwerk, Lieder, Vierzeiler und Gasselreime aus Goeßl am Grundlsee heraus, zum Gutteil von ihm selbst illustriert. Finanziert wurde dieses Projekt von seinem Vater. Auf dem Titel des Buches sind zwei Männer abgebildet, einer im Frack und einer in steirischer Tracht – beide stellen wohl Konrad Mautner selbst dar.

»Konrad Mautner will bewahren, erhalten und wiederbeleben. Durch Wort und Bild und durch sein persönliches Beispiel.«
Gexi Tostmann

Im Ersten Weltkrieg diente Mautner im k. u. k. Kriegsministerium, und zwar in der historischen Zentrale. Er sammelte und kategorisierte Soldatenlieder. Nach Kriegsende konvertierte er gemeinsam mit seiner Frau Anna zum Protestantismus und nahm im Ausseerland seine geliebten Ethnologiestudien wieder auf. Nun konzentrierte er sich vorrangig auf ländliche Kleidung und Tracht.
Die Unternehmerin und Trachtenexpertin Gexi Tostmann, die einen Preis in seinem Namen ins Leben rief, schrieb einmal über ihn: „Konrad Mautner will bewahren, erhalten und wiederbeleben. Durch Wort und Bild und durch sein persönliches Beispiel.“ Gemeinsam mit dem deutschnationalen steirischen Volkstumsforscher Viktor Geramb arbeitete Mautner intensiv am umfangreichen Steyrischen Trachtenbuch. Er erlebte allerdings nicht mehr die Veröffentlichung des letzten Bandes, dieser fiel mit 1939 schon in der NS-Zeit. Mautner war bereits 1924 gestorben. Seine Witwe Anna gründete noch 1930 eine Firma für Handdruck von Trachtenstoffen, musste aber 1938 in die USA emigrieren.
Ein Bericht der Historikerkommission der Republik Österreich aus dem Jahr 2004 listet die „Arisierung“ des Hauses Mautner: Möbel, Keramik, Zinn, Hinterglasbilder sowie „38 Stück sonstiges volkskundliches Gerät, 316 Stück Trachten“. Gestohlen hatte die Sammlung das Wiener Volkskundemuseum. Auf der Website des Österreichischen Volksliedwerks liest man dazu: „Im Zuge von Nachforschungen im Archiv des Volkskundemuseums konnten im Jänner 2016 weitere Konvolute aus dem Nachlass Konrad Mautners identifiziert werden. Insgesamt besaß das ÖMV 364 Objekte, die dem Nachlass Konrad/Anna Mautner zugeordnet werden konnten.“
Darunter befand sich auch ein „Konvolut Handschriften, Liedersammlung Konrad Mautner“, das vom Österreichischen Volksliedwerk angekauft wurde. Der Kunstrückgabebeirat empfahl im Herbst 2016 die Rückgabe der Sammlung an die Rechtsnachfolger nach Anna Mautner. O-Ton Volksliedwerk: „Die volkskundlichen Sammlungen Konrad/Anna Mautner wurden gemäß dieser Empfehlung den Rechtsnachfolgern überstellt. Stellvertretend für die Mautner-Erben überließ Stephen M. Mautner dem Archiv des Österreichischen Volksliedwerks das Konvolut ÖMV/87.591, welches für Forscherinnen recherchierbar und zugänglich gemacht werden soll.“
Die Erinnerung an den jüdischen Brauchtumsforscher Konrad Mautner wollten die Nazis nach ihrer Machtübernahme endgültig auslöschen, so wie sie auch schnell das Tragen von Trachten durch Juden verboten hatten. 1925, ein Jahr nach seinem Tod, war in Gössl ein Gedenkstein in seinem Namen aufgestellt worden. Diesen zerschlugen die Nazis schon 1938. Seit 2008 erinnert wieder an der gleichen Stelle eine Gedenktafel an Konrad Mautner. Da-rüber hinaus gibt es in Wien-Währing den Mautnerweg und einen Konrad-Mautner-Weg von Gössl zum Toplitzsee.

Aus Mautners Album. Zwei Männer in traditioneller Ausseer Tracht tanzen mit einem Stock vor einem Ausseer Mädchen in Tracht.© Sammlung Hubmann/Imagno/picturedesk.com

Jüdischer Botschafter der Tracht Seit 2006 wird alle zwei Jahre von den Trachtenproduzentinnen Gexi und Anna Tostmann der Konrad-Mautner-Preis verliehen, an „Botschafter der Tracht“. Zu den Preisträgern zählten bisher etwa die Londoner Designerin Vivianne Westwood und ihr Mann And-reas Kronthaler, der ehemalige niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll oder der Schauspieler Miguel Herz-Kestranek. Dieser sagte in seiner Dankesrede unter anderem: „Was mich mit Konrad Mautner verbindet, ist Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach dem Echten und Wahren, eine Sehnsucht, die immer noch in der Natur, am Land gestillt, aber auch sensibilisiert werden kann. […] So wie die Mautners und viele andere großteils jüdische Familien haben auch viele Teile meiner Familie […] Jahrzehnte hindurch bis zur großen Zäsur 1938 die das ganze Jahr heiß ersehnte Sommerfrische verbracht, sich heimisch gefühlt und selbstverständlich Tracht getragen.
Natürlich war dies auch Spiel mit Mode und Verkleidung, Lokalkolorit und Nos-talgie, also Zeichen jener bürgerlichen Romantisierung des Landlebens, die auch den Adel bis hinauf zum Kaiser in Lederhose und Dirndl gehen ließ.“
Man dürfe sich diese Traditionen dennoch nicht wegnehmen lassen, auch nicht Begriffe wie Heimat, Ehre oder Treue. Sonst hätten jene endgültig gewonnen, die diese systematisch missbrauchten.

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