Französische Herrenmode mit Wiener Wurzeln

Alain Breuer besitzt gemeinsam mit seinem Bruder Walter eine französische elegant-legere Herrenmodemarke. Bevor sie unter ihrem eigenen Namen vertrieben, fertigten sie Seidenkrawatten für bekannte Pariser Designer. Die Anfänge des Unternehmens finden sich im Ersten Wiener Bezirk, in einer Gasse, die es nicht mehr gibt.

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Alain Breuer mit Kunden vor seinem Geschäft.Die wichtigsten Auslandsmärkte des Unternehmens Breuer sind derzeit Japan und Südkorea. © Breuer privat

Wina: Monsieur Breuer, als ich Ihre Krawatten, Hemden und Sakkos bei einem Wiener Herrenausstatter gesehen habe, habe ich wegen der französischen Herkunft und des deutsch klingenden Namens gedacht, es sei eine Marke aus dem Elsass. Dann habe ich nachrecherchiert und Ihre Wiener Wurzeln gefunden, Gründungsjahr 1892. Wo genau war damals das Unternehmen Ihres Großvaters, Marcus Breuer?
Alain Breuer: Es war in der Kohlmessergasse, die es nicht mehr gibt. Sie lag im Ersten Bezirk zwischen Rabensteig und Franz-Josefs-Kai, ganz in der Nähe des Stadttempels, wo mein Großvater einen Sitz hatte. Nach dem Krieg waren die Gasse und ihre Gebäude zerstört und wurden nicht mehr aufgebaut. Marcus Breuer hat dort „Regattas“ erzeugt, das waren Seidenschleifen, die man nicht gebunden, sondern, nur mit einer Nadel befestigt, offen um den Hals getragen hat. Das war der Vorfahre der Krawatte, die erst in den 20er-Jahren populär wurde. Als die Söhne von Marcus, Max und Julius, in das Unternehmen eintraten, hieß es „Brüder Breuer“. Julius hatte einen Sohn, Erich, meinen späteren Vater, und dieser begann mit seinem Eintritt in die Firma 1930, das Exportgeschäft aufzubauen, vor allem nach Belgien und Frankreich.

Wissen Sie, woher Ihre Familie ursprünglich stammte? Die Hauptstadt des Kaiserreichs war damals ein Magnet für Zuwanderer aus allen Teilen der Monarchie. Sind Sie etwa mit dem aus Ungarn stammenden Bauhaus-Designer Marcel Breuer verwandt oder mit Josef Breuer, einem Mediziner-Kollegen und Konkurrenten von Sigmund Freud?
❙ Mein Großvater kam ursprünglich aus Ungarn, meine Mutter aus dem Gebiet der späteren Tschechoslowakei. Mit den beiden berühmten Breuers sind wir leider nicht verwandt.

»Letzten Endes ist die Liebe der Grund, warum wir heute in Nizza unseren Firmensitz haben.«
Alain Breuer

Wie hat es Ihr Vater geschafft, nach dem „Anschluss“ und der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Belgien zu entkommen?
❙ Erich ist 1938 nach Belgien geflohen. Dort hat er gemeinsam mit seinem belgischen Handelsvertreter ein Unternehmen eröffnet, aber dazu habe ich keine Zahlen. Sein Bruder Otto blieb in Wien, er wurde 1940 enteignet. Dasselbe passierte übrigens meinem Vater in Belgien, als die Nazis dort einmarschierten. Er floh weiter nach Frankreich und in die Schweiz, wurde aber erwischt und überlebte insgesamt 17 verschiedene Lager.

War er der einzige Überlebende der Familie?
❙ Sein Bruder konnte nach Palästina fliehen. Alle anderen wurden in Konzentrationslagern ermordet.

Wie gelangte Ihr Vater nach Nizza, wo er nach dem Krieg sein erstes Geschäft eröffnete?
❙ Er wurde von der US-Armee befreit und suchte in Nizza, wohin sich seine Eltern kurzfristig gerettet hatten, bevor sie deportiert wurden, nach Überbleibseln von ihnen. Dort traf er zufällig einen früheren Mithäftling aus Auschwitz, Henri, und auch seine spätere Frau, meine Mutter. Also ist letzten Endes die Liebe der Grund, warum wir heute in Nizza unseren Firmensitz haben.

Sie haben auch eine Produktionsstätte in Lyon, der alten Seidenstadt, betrieben. Warum haben Sie das später wieder aufgegeben? Wegen der Konkurrenz aus Asien?
❙ Mein Vater Eric wurde in den 60er-Jahren Partner in einer Seidenfabrik in Lyon, die Krawatten wurden aber in Heimarbeit rund um Nizza genäht. Als mein Bruder Walter und ich in die Firma eintraten, haben wir sogar eine große Krawattenfabrik gekauft. Wir haben sie aber in den 90er-Jahren wieder geschlossen, als unser Partner starb und in Frankreich die generelle 35-Stunden-Woche eingeführt wurde. Damit waren wir nicht mehr konkurrenzfähig – vor allem gegenüber Italien.

Sie haben für große Modefirmen zugeliefert, etwa an Carven oder an Façonnable. Wann haben Sie beschlossen, Ihre Produkte unter Ihrem eigenen Namen zu vertreiben?
❙ Das stimmt, wir haben für viele berühmte Marken gearbeitet, etwa auch für Courrèges, Nina Ricci, Dormeuil, Rodier oder Francesco Smalto.
Für unseren eigenen Namen haben wir uns am 100. Geburtstag der Firma entschieden, das war im Jahr 1992. Mein Vater war 1988 in Pension gegangen.

Wann haben Sie Ihr Angebot von Krawatten zur Herrenmode erweitert? Und wie würden Sie diese heute bezeichnen? Sportlich-elegant?
❙ Wir haben unser erstes Geschäft in Paris 1996 auf der Rive Gauche eröffnet. Damals haben wir den Krawatten Hemden und Strickwaren hinzugefügt, und schrittweise wurden dann ganze Kollektionen daraus. Heute mischen wir Formelles und Sportliches. Qualität, Bequemlichkeit und Eleganz sind die Schlüsselbegriffe.

Wie hat sich Ihre internationale Expansion entwickelt? Mit Hochs und Tiefs? Ich habe gelesen, Sie waren bei Saks auf der Fifth Avenue mit Marken-Shops vertreten, aber auch in Chicago und in Kalifornien. Sie hatten eigene Stores in Brüssel und Madrid.
❙ Wir haben uns immer auf den Export konzentriert, der macht auch heute mehr als drei Viertel unseres Umsatzes aus. Derzeit sind unsere wichtigsten Auslandsmärkte Japan und Südkorea. Bei Saks sind wir leider nicht mehr präsent, und Madrid und Brüssel mussten wir nach der Finanzkrise schließen.

Warum gerade Südkorea? Hat es da persönliche Kontakte gegeben?
❙ Wir sind von einem dortigen Händler angesprochen worden, der sich auf französische Marken spezialisiert hatte. Heute haben wir im Land sechs Boutiquen, und es werden noch mehr werden.

Fertigen Sie heute noch in eigenen Fabriken, oder hat Ihr Unternehmen – wie das in der Branche üblich ist – die Produktion ausgelagert und konzentriert sich auf Design und Marketing?
❙ Seit dem Jahr 2000 haben wir die Fertigung ausgelagert, nach Italien und nach Portugal. Europäische Standorte sind uns aus Qualitätsgründen sehr wichtig. Für Kunden in Übersee lassen wir teilweise auch dort arbeiten, für sie entwickeln wir manchmal spezielle Produkte, ohne grundsätzlich von unserem Stil abzuweichen.

Haben Sie Kinder, die das Unternehmen nach Ihnen beiden weiterführen werden?
❙ Einige von ihnen haben zwar in der Firma gearbeitet, aber keiner will sie übernehmen. Wir werden sie vermutlich in einigen Jahren in die Hände von Branchenprofis übergeben.

Wie viele Geschäfte beliefern Sie heute weltweit?
❙ Es sind etwa 300. Ein Problem für uns ist die abnehmende Zahl der Geschäfte im hochwertigen Einzelhandel. In Wien sind wir etwa bei Stepanek am Ring gegenüber der Oper vertreten.


Alain Breuer, 1948 in Brüssel geboren, schon als französischer Staatsbürger. Er wuchs in Nizza auf und schloss dort eine höhere Wirtschaftsschule ab. Danach absolvierte der begeisterte Skifahrer seinen Wehrdienst bei den französischen Gebirgsjägern. Nach einigen Jahren im Management des Lebensmittelkonzerns Danone in Lyon rief der Vater ihn und seinen Bruder Walter zurück ins Familienunternehmen. Alain wurde für die Finanzen verantwortlich und konzentrierte sich auf den Export und die internationale Expansion. Er ist mit einer Jogatrainerin verheiratet und hat zwei Söhne und eine Tochter. Im kommenden Jänner wird er gemeinsam mit vier Cousins in Auschwitz der ermordeten Verwandten gedenken.

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