Das ganz normale Leben – vor der Schoa

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© Gianmaria Gava / Centropa
© Gianmaria Gava / Centropa

Der amerikanische Journalist und Fotograf Edward Serotta rettet mit seinem Projekt Centropa jüdische Geschichte.
Von Marta S. Halpert

Fröhliches Gelächter und lebhaftes Stimmengewirr empfängt den Besucher des Café Centropa. Aber das ist keine coole Bar: Höchst angeregt plaudern hier herausgeputzte Achtzig- bis Hundertjährige bei Kaffee und Kuchen. Einmal im Monat kommen rund hundert jüdische Menschen zu solch einer Jause zusammen, und sie haben einiges zu erzählen, denn sie haben viel erlebt im 20. Jahrhundert auf diesem Kontinent. Dass ihre einmaligen Lebensgeschichten dokumentiert werden und nicht der Vergessenheit anheimfallen, ist einem Mann und seinen vielen Helfern und Assistenten zu danken. Der amerikanische Journalist, Fotograf und Filmemacher Edward Serotta hat im Jahr 2000 das Zentrum zur Erforschung und Dokumentation jüdischen Lebens in Ost- und Mitteleuropa gegründet. Seither ist ein internationales Team von Historikern, Filmemachern, Journalisten und Pädagogen unter dem Namen Centropa vom Stützpunkt Wien aus dabei, jüdische Lebensgeschichten aufzuzeichnen und zu digitalisieren. In 15 Ländern wurden zwischen 2000 und 2010 mehr als 1.250 Interviews geführt und 22.000 Familienfotos gesammelt. Aus Österreich allein findet man einhundert Lebensgeschichten.

„Auch wenn die Schoa für einen heute rund Achtzigjährigen die offensichtliche Zäsur, das entscheidende Überlebenstrauma sein muss, wollen wir dennoch den ganz normalen Alltag davor dokumentieren. Solange dies überhaupt noch möglich ist – es ist bereits zwei Minuten vor Zwölf.“ Mit dem gleichen Enthusiasmus wie vor dreizehn Jahren, als der Amerikaner Ed Serotta beschlossen hatte, sein Großprojekt Centropa ausgerechnet in Wien zu starten, bekräftigt er auch heute sein ursprüngliches Motiv. Doch es war ein langer Weg, auf dem Serotta auch verletzende Rückschläge hinnehmen musste, bis er seinen Traum von diesem Unikat einer Onlinedatenbank verwirklichen konnte. Sein persönliches Leben hat diese Suche nach dem verschütteten Leben der anderen jedenfalls komplett verändert.

In Savannah, Georgia, wurde Ed Serotta 1949 in eine Familie hineingeboren, deren Wurzeln zwar nach Litauen und Weißrussland zurückreichten, die aber zur jüdischen Geschichte Europas keinen Bezug hatte. Als reisender Handelsvertreter für Bürowaren nahm sich Ed viel Zeit zum Lesen. Joseph Roths Roman Radetzkymarsch machte ihn auf diesen Erdteil neugierig, und 1985 ging er auf seine erst Reise nach Prag, Wien und Budapest. Gleich am ersten Tag machte er im Café Savarin in Prag die Bekanntschaft von Bibi Vodickova. „Ich hatte mich ein halbes Jahr durch die Lektüre zahlreicher Geschichtsbücher über Tschechien im 20. Jahrhundert auf diese Reise vorbereitet. Doch in weniger als einer Stunde hatte Bibi ihr Leben vor mir ausgebreitet und mich die trockene Geschichtslektüre vergessen lassen. Ich war komplett gefangen. Während ich ihr zuhörte, begann ich mich zu fragen, wie ich denn überhaupt noch nach Atlanta, Georgia, zurückkehren konnte?“ Im Geiste hat er dies auch nie mehr getan.

Auf jüdische Spurensuche

Serotta gab seinen Beruf auf, kaufte sich eine Kamera und schaffte eine beachtliche Karriere als Fotojournalist. Wer noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs in Budapest, Bukarest, Sofia auf jüdische Spurensuche ging, musste unweigerlich auf den Südstaatler mit seiner Leica treffen. Das TIME-Magazin kaufte bald seine Fotoreportagen, und in der Washington Post erschienen auch seine flott geschriebenen Texte. Als tüchtigen Verkäufer gelang es ihm oft, amerikanisch-jüdische Gemeinden und Gönner zur praktischen Hilfe für die in Osteuropa verstreuten Überlebenden zu überreden: So bezeugte er mit seinen ausdrucksstarken Fotos nicht nur die Existenz von Synagogen, Altersheimen und Toraschulen, sondern sicherte auch finanziell immer wieder dringend benötigte Suppenküchen ab. 1992 war Serotta im umkämpften Sarajevo viel mehr als nur Chronist: Er hielt die Kanäle zur Außenwelt für die humanitären Hilfsorganisationen offen. Der Bildband Überleben in Sarajevo: Lehren aus der Vergangenheit ist nur ein erschütterndes Protokoll aus einer Reihe von Pub­likationen.

In einer Altbauwohnung

in der Josefstädter Pfeilgasse sind alle großen, weißen Flügeltüren weit geöffnet: Auf Englisch, Französisch, Ungarisch, Hebräisch, Serbokroatisch kommunizieren hier junge Historiker mit PC-Freaks, Studenten mit Fotografen. In dieses Wohnbüro lädt Serotta gerne Gäste zum Frühstück ein, um sein Anliegen zu erklären. Hier saßen schon österreichische Politiker, hohe Beamte, Botschafter aus ganz Europa und amerikanische Sponsoren. Alle hörten das Credo des Erfinders von Centropa: „Mit der Dokumentation des Holocaust beschäftigen sich viele Menschen und Institutionen – und das zu Recht. Ich habe aber auf meinen Reisen vom Baltikum bis zum Balkan versucht, diesen schrecklichen horror vacui anders zu überbrücken: Ich will festhalten, wie die Juden gelebt haben und wie sie heute leben – nicht wie sie gestorben sind.“

Sympathie für sein Projekt gewann der charmante Amerikaner sehr bald, Geldquellen konnte er nicht so schnell erschließen. Warum sollte gerade in Wien eine Dokumentation des osteuropäischen Judentums gefördert werden?

„Ich will festhalten, wie die Juden gelebt haben und wie sie heute leben – nicht wie sie gestorben sind.“

Doch Serotta beharrte darauf: „Wien ist der beste Platz.“ Beim ehemaligen Staatssekretär und heutigen Direktor der Diplomatischen Akademie, Hans Winkler, fand er schon vor Jahren ein offenes Ohr. Und tatkräftige Unterstützung. Es folgten der Nationalfonds der Republik Österreich und andere Institutionen. Die Unterstützung weitete sich bald aus: In den USA, wo Serotta immer wieder auf Vortragstourneen ging oder sich als Reiseleiter für Osteuropa verdingte, war er bei vielen Privatstiftern erfolgreich unterwegs. „Sobald er jemanden zum Frühstück und vor seinem Bildschirm hatte, war diese Person gefangen“, erinnert sich eine frühe Mitstreiterin. Damals hätte er sich eine offizielle Anerkennung für sein Engagement nicht träumen lassen. Aber im Februar 2013 zeichnete Nationalratspräsidentin Barbara Prammer Serotta mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich aus.

Hauptsitz in Wien

Centropa ankert zwar in Wien, doch auch auf der deutschsprachigen Internetseite unter der Adresse at.centropa.org bleibt man geografisch nicht zuhause, denn hier öffnet sich eine vielfältige Welt: Hinweise auf jene Länder, in denen Centropa aktiv ist, wie Bulgarien, Kroatien, Estland, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Ukraine, die Slowakei und die Tschechische Republ­ik, findet man ebenso wie Spezialthemen zu den „Sefardischen Juden“ oder „Sowjetisch-jüdischen Soldaten“. Wer keine Ahnenforschung betreiben will, kann sich jüdische Kochrezepte oder Reisetipps herunterladen.

Doch nichts zieht einen so hinein, verschlägt den Atem, verschlingt die Zeit beim Lesen wie die zahlreichen Erinnerungsprotokolle. Tanja Eckstein, eine ehemalige Buchhändlerin, die 1984 aus der DDR nach Wien kam, führte den Großteil der Interviews, initiierte das Café Centropa, weil sie den Kontakt zu den Menschen halten wollte, und erzählt: „Manche erblühen richtig, werden strahlend jung, wenn sie sich an das Positive und Schöne in ihrer früheren Alltäglichkeit erinnern.“

1 KOMMENTAR

  1. Wünsche Herr Edward Sarotta weiter viel Erfolg!
    Es wäre wünschenswert, könnte er die enorme Bedeutung der Juden in und für Österreich (und ganz (Zentral)europa) bildlich zusammenfassen, die zum hohen Standart von Kultur, Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft in diesem Lande in der Zeit von etwa 1850 bis 1938 geführt haben.
    Mit besten Grüßen und einem herzlichen Shalom

    Peter Parisini

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