„Ich bin leider eine Einzelkämpferin“

Die renommierte Wiener Journalistin Olga Kronsteiner engagiert sich beharrlich für Themen wie Kunstraub, Entrechtung, Restitution und Provenienz von Kunstwerken. Dafür wird sie nun mit dem Leon-Zelman-Preis ausgezeichnet.

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Olga Kronsteiner. „Ich vertrage eben Ungerechtigkeit überhaupt nicht.“ © Konrad Holzer

WINA: Sie gelten seit Jahrzehnten als höchst kompetente Kunst- und Kunstmarkt-Expertin. Wie war Ihr Weg bis dahin?
Olga Kronsteiner: Nach meinem Studium der Kunstgeschichte habe ich glücklicherweise bald einen Job bei der Welt im Bereich Kunstmarkt bekommen. Recht schnell kam dann der Standard dazu. 2004 hab ich dort die Kunstmarkt-Seite im Alleingang übernommen und bin dort bis jetzt freie Mitarbeiterin.

Ein Themenkreis, den Sie offenbar leidenschaftlich verfolgen, ist die Restitution von geraubten Kunstwerken und damit auch die Provenienzproblematik. In der Jury des Preises sitzt ja auch die ausgewiesene Provenienzforscherin Sophie Lillie. Was hat Sie persönlich zu diesen Fragen geführt?
Ich habe das anfänglich als sehr interessierte Kollegin verfolgt, vor allem die diesbezügliche Artikelserie von Hubertus Czernin, das war damals in Europa einzigartig. Czernin hat dieses Thema zu einem guten Zeitpunkt aufgegriffen. Bis 2014 bearbeitete Thomas Trenkler im Standard diese Fragen, die dann aber auch in meinem Kunstmarkt-Eck auf Grund der verschiedenen Restitutionen und anschließenden Ankäufe immer relevanter wurden. Ich habe mir eben bei den Auktionshäusern immer sehr genau angeschaut, wo die Sachen herkommen und wie genau gearbeitet wird.

„Je bockiger sie sind, desto mehr bohre ich.“

Die Expertise auf diesem Gebiet muss vielfältig sein. Neben kunsthistorischen, juristischen, ökonomischen und sogar kriminalistischen Kenntnissen scheinen Sie persönlich auch eine gewisse Lust am Aufdecken und Graben zu haben.
Ja, diese Lust, einer Sache auf den Grund zu gehen, ist da. Bei vielen Artikeln geht meine Recherche eben viel tiefer, und das juristische Ausleuchten, das ist mit den Jahren gekommen ist − als Learning by Doing; das ist ein bisserl notorisch bei mir.

Erinnerlich ist mir besonders ein Artikel über die Ankerbrotfabrik in Wien, in dem Sie, ausgehend von einem Plakat aus dem Jahr 1938, die ganze Arisierungsgeschichte aufrollten. Wie stoßen Sie denn auf solche Fälle?
In diesem Fall gab es zuerst einen Artikel im Handelsblatt über Roland Berger, der versucht hat, die Sache zu beschönigen (Vater Georg Berger war in der NS-Zeit Generaldirektor der arisierten Ankerbrotfabrik, Anm.). In diesem Artikel hat die Arisierung nur eine sehr kleine Rolle gespielt. Mich hat aber gerade das fasziniert, weil ja Ankerbrot ein Teil unserer österreichischen Geschichte ist und es das Unternehmen bis heute gibt. Deshalb sollte man auch diese Vergangenheit in Erinnerung rufen.
Ein Beispiel für meinen Zugang wäre auch eine Geschichte, die ich in Zusammenhang mit der Bloch-Bauer-Porzellansammlung verfasst habe. Ausgangspunkt war da nur eine einzige Tasse, die bei Lempertz (Auktionshaus, Anm.) angeboten wurde. Das hat mir keine Ruhe gelassen, denn ich wusste, die stammt aus der Sammlung Bloch-Bauer, ein bekannter Restitutionsfall, bei dem aber die Porzellansammlung bis dahin nie ein Thema war. Ich habe dann verschiedentlich recherchiert, und dann gab es am Ende mehr Fragen als Antworten.

Im Grunde bedarf es für derlei Aufdeckungsgeschichten nicht zuletzt auch eine Art moralischer Motivation. Woher kommt dieses Engagement bei Ihnen?
Das hat wohl mit meiner Persönlichkeit zu tun. Ich wollte ja ursprünglich Jus studieren, und mein Vater ist Jurist. Ich vertrage eben Ungerechtigkeit überhaupt nicht. Für mich kommt es auf die Reaktionen der Leute an, wenn man nachfragt, wie z. B. bei dieser einen Tasse. Je bockiger sie sind und je mehr ich merke, sie wollen etwas nicht sagen, desto mehr bohre ich. Man läuft natürlich auch viele leere Kilometer, und insofern haben die Provenienzforscher meine allergrößte Bewunderung. Da sucht man oft wirklich die Nadel im Heuhaufen, und da steckt unerhörte Knochenarbeit dahinter.

Viele Themen sind kontroversiell und sogar emotional aufgeladen, das merkt man teilweise an den Postings zu manchen Ihrer Artikel. Wie reagieren Sie auf Angriffe?
Das muss ich eben aushalten. Dass ich mir mit dieser Form der Berichterstattung nicht nur Freunde mache, ist ja logisch. In den letzten Jahren ist gerade bei solchen investigativen Geschichten der Druck massiv erhöht worden. Im Nachhinein können auch von juristischer Seite Beschwerden kommen.

Restitutionsfragen sind auf Grund immer schwierigerer Beweislagen zunehmend Indiziengeschichten. Wie sehen Sie denn die Zukunft dieser Verfahren?
Das Bittere ist, dass die Zeitzeugen nicht mehr zur Verfügung stehen. Als sie noch Auskunft hätten geben können, war das Interesse daran, etwa von Seiten der Behörden, kaum vorhanden, das ist das Tragische. Doch weil die Nationalsozialisten extreme Bürokraten waren, gibt es noch immer gewisse Dokumente und Akten als Ansatzpunkte für Recherchen. Da ist z. B. ein unglaublicher Fundus im Bundesdenkmalamt vorhanden. Es ist also sehr, sehr vieles noch recherchierbar, und manchmal findet sich ein entscheidenden Puzzleteil in einem Aktenbestand. Wie z. B. im Fall eines Schiele-Bilds aus dem Belvedere, wo es eine Lücke gab, welche die IKG geschlossen hat.

Wird die Zahl der Fälle in Zukunft gegen Null gehen, oder könnten immer noch neue auftauchen? Gibt es da auch eine Schlussstrichdiskussion oder Fristen?
Diese Diskussion taucht immer wieder auf, wird aber seltener. Was die Fristen betrifft, hat Alfred Noll richtig gesagt, man kann gern über das Erbschaftsgesetz diskutieren, aber man muss nicht bei den Juden damit anfangen. Mir ist aber klar, dass gerade bei Verkäufen aus Restitutionsfällen der Eindruck entstehen könnte, es gehe immer nur ums Geld. Es geht aber nicht darum. Eine Gemeinschaft aus zahlreichen Erbberechtigen kann ein Bild ja nicht auseinanderschneiden. Deswegen muss es verkauft und dem Erbschlüssel gemäß aufgeteilt werden. Es gibt noch ganz viele fragliche Kunstwerke in Privatbesitz, und da muss man sich besonders die Nachkriegsjahre genauer ansehen. Da kam viel in den Handel. Wenn jetzt ein Objekt in eine Auktion eingebracht wird, das einer jüdischen Familie entzogen wurde, ohne dass der Einbringer das wusste, kommt es darauf an, wie er darauf reagiert. Meist kommt es zu einem Deal. Dass man wissentlich in der NS-Zeit geraubte Kunst verkaufen oder versteigern kann, das ist vorbei.

Wie hat sich Ihrer Ansicht nach die Restitutionspolitik in den letzten Jahren entwickelt? Wie steht Österreich diesbezüglich heute da?
Vorbildhaft. Das System und Prozedere des Kunstrückgabebeirats ist weltweit einzigartig. Wir sind auch die einzigen, die ein Kunstrückgabegesetz haben. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es keine systematische Beforschung der Bundesbestände.

Ihre Artikel fallen durch akribische, fast detektivische Recherche und unerhört viel Hintergrundwissen auf. Sie sind damit in der österreichischen Medienlandschaft eine Art Solitär. Wie fühlen Sie sich da eingebunden?
Ich glaube, ich bin leider eine Einzelkämpferin. Es gibt manchmal Berichte in anderen Medien, wie etwa dem Profil, aber es gibt wenige, die sich dieses Themas annehmen, obwohl es so wichtig wäre. Über das Hitler-Geburtshaus wird aber sehr eifrig geschrieben. Insofern muss ich dem Standard sehr dankbar sein, weil ich dort den entsprechenden Platz dafür bekomme.

Sie erhalten nun den Leon Zelman Preis. Haben Sie Zelman gekannt?
Leider nein. Ich habe allerdings schon oft von den Grapefruits aus Israel gehört, die er kistenweise verschenkt hat. Der Preis freut mich wirklich riesig, weil es ein Feedback und eine Wahrnehmung und Bestätigung von außen ist, die ich nicht erwartet habe. Im Grunde stehe ich aber gar nicht gern in der Öffentlichkeit und verstecke mich lieber in einem Archiv.
So arbeite ich jetzt an einem Buchprojekt über Anton Löw, den Gründer und Eigentümer des Sanatoriums Löw in der Mariannengasse, dem Prototyp des modernen Privatspitals für die Hochwohlgeborenen aus allen Teilen der Monarchie. Ausgangspunkt meiner Recherchen war das Porträt der Gerta Löw, der Ehefrau von Anton Löw, das in der NS-Zeit aus ungeklärten Gründen abhandenkam und im Besitz der Klimt Foundation war. Löw war eine bekannte Persönlichkeit im Sanitätsbereich und ein Mäzen, er starb schon 1907, aber ein Teil seiner Familie ist später umgekommen. Eine heute unbekannte Geschichte, die mich fasziniert.

Info
Der mit vom Jewish Welcome Service gestiftete und mit € 5.000 dotierte Leon-Zelman-Preis wird am 16. September im Wiener Rathaus verliehen.

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