Jüdische Leuchter und orientalische Statuen

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Peter Kulcsar gehört mit seinem Antiquitätengeschäft in der Wiener Innenstadt längst zu den bekannten Adressen der Branche. Doch vorher musste der geborene Budapester einige Umwege zurücklegen. Von Reinhard Engel

Mit mittelmäßiger oder einfacher Ware hat man überhaupt keine Chance. Nur das Beste zählt und lässt sich verkaufen.“ Peter Kulcsar sitzt in seinem stimmungsvollen Antiquitätengeschäft in der Wiener Spiegelgasse, am Schreibtisch stapeln sich Ausstellungskataloge und Fachbücher über das 19. Jahrhundert. „Darauf habe ich mich spezialisiert, diese Periode hat mich immer interessiert.“ Es sind jüdische Leuchter und große Silberbestecke, Gemälde und Statuen, die den dunkelrot tapezierten Raum füllen. Das meiste stammt aus Wiener Produktion, selbst wenn die Thematik immer wieder in den Orient verweist und die Gegenstände oft verschlungene Wege gehen. Kulcsar: „Es kann durchaus sein, dass ich etwas in Florida kaufe, nach Wien bringe und dann hier wieder an einen Amerikaner verkaufe.“

Nach dem frühen Tod des Vaters dank der Liebe von Budapest nach Wien.



Auch Kulcsar musste in seinem Leben mehrmals die Richtung ändern, weil es die Umstände erforderten. Zwar hat er sein Geschäft jetzt schon seit 17 Jahren, doch davor wechselte er mehrmals die Branche – und einmal das Land. Geboren wurde er 1956 in Budapest, seine Eltern arbeiteten bei einer großen Produktionsgenossenschaft, der Vater in der Geschäftsführung, die Mutter im Büro. „Mein Vater war kein Parteimitglied, aber es ist uns gut gegangen, er wurde jeden Tag mit einem Dienstwagen von unserem Haus abgeholt.“ Es war eine traditionelle jüdische Familie, mit koscherer Küche und regelmäßigen Tempelbesuchen.

Aus Liebe nach Wien

Doch der Vater starb früh – Peter war erst 14, sein Bruder sieben Jahre älter. Peter Kulcsar schloss eine höhere Schule für Ökonomie ab, lernte danach Autoelektriker und arbeitete in einer Werkstatt. Eine junge Ungarin, die schon in Wien lebte, sollte dann sein Leben verändern. „Ich habe meine Frau Eva bei Freunden in Budapest kennen gelernt. Sie war auf Verwandtenbesuch, sie war schon 1970 nach Wien gezogen.“ Die beiden schrieben einander, verabredeten sich und beschlossen zu heiraten. „Das war 1982 bei einem Besuch mit Touristenvisum in Wien. Am Standesamt. Dann bin ich nach Ungarn zurückgefahren und habe um einen Konsularpass angesucht, zur Familienzusammenführung.“ Die große jüdische Hochzeit fand dann im Palais Auersperg statt. „Ich war sehr aufgeregt, ich habe ja hier niemanden gekannt.“

Als Erstes schrieb sich Kulcsar bei Berlitz ein zum Deutsch-Lernen. Dann arbeitete er kurz in der Firma der Schwiegereltern, die Jeans aus Italien importierten. Aber er wollte sich selbstständig machen. So kaufte er einen gebrauchten LKW, übernahm Ware vom Familiengeschäft und bot diese in kleinen Geschäften in der österreichischen Provinz an. Bald ergänzte er die Jeans mit anderen Artikeln aus dem Bereich Sportmode. Die nächste Stufe war dann ein eigenes Geschäft in Parndorf, lange vor der Autobahn und dem großen Outlet-Center. Kulcsar erinnert sich: „Es war im Ortszentrum, meine Kunden waren Einheimische und Lastwagenfahrer.“ Aus dem einen Culture-Sportmodegeschäft wurden in kurzer Zeit vier: ein weiteres in Zurndorf, eines in Breitenbrunn und eines auf der Wiener Mariahilfer Straße.

Dann kam – überraschend – die Grenzöffnung und in Folge der Ungarn-Boom. Kulcsar stellte sein Warenangebot um: Jetzt verkaufte er Fernseher und Waschmaschinen, Digitaluhren und Videorecorder. Eineinhalb Jahre hielt der Boom an – und verschwand, wie er gekommen war. Kulcsar räumte auf und nahm die frühere Ware wieder in die Geschäfte. „Aber bald hat man gesehen, dass das nicht mehr funktionieren wird: Jetzt sind die großen internationalen Ketten gekommen.“ Also beschloss er wieder einmal, sich neu zu erfinden. Ein Geschäft nach dem anderen wurde verkauft, parallel dazu suchte er einen Standort in der Wiener Innenstadt für ein Antiquitätengeschäft.

Vom Hobby zum Beruf

„Das hat mich immer interessiert, als Hobby, und ein paar schöne Stücke haben wir auch schon zuhause gehabt.“ Durch Zufall fand er 1995 einen Antiquitätenhändler in der Spiegelgasse, der aufhören wollte, und schlug zu. In wenigen Jahren gelang es dem Branchenneuling, sich einzuarbeiten. Er schaffte es, auf die Listen von Christie’s und Sotheby’s zu kommen. Deren Experten suchen auch bei ihm regelmäßig nach Stücken für die großen Auktionen in London. Auf der Website von Sotheby’s durfte er einige Jahre lang eigene Waren verkaufen, darauf ist er noch heute stolz.

Und auch in der Antiquitätenbranche änderte sich in wenigen Jahren einiges. Waren erst die reichen Russen und auch amerikanische Touristen die wichtigsten Käufer, so sind es heute vor allem Sammler aus Wien, aus den österreichischen Bundesländern und aus Deutschland, die Kulcsar zu seinen Stammkunden zählt. „Wie oft sie kaufen, hängt ganz von ihrer Laune ab“, erzählt er. „Manche kommen ein Jahr lang nicht und dann alle paar Tage hintereinander. Sammler sind besessen und wollen ihre Kollektion vervollständigen. Aber das geht natürlich nicht.“

Sich von schönen Stücken zu trennen, ist auch für einen Profi nicht immer leicht.

Essenziell für das Geschäft ist der regelmäßige Nachschub mit guter Ware. Das kann von Händlermessen sein, in Deutschland, Italien, Frankreich, England, vor allem aber sind für Kulcsar Verlassenschaften eine wichtige Quelle. „Ich kaufe nicht ganze Verlassenschaften, nur einzelne gute Stücke.“ Dabei müsse man ganz schnell abschätzen können, ob ein Bild, eine Statue echt sei, was sie wert sein könnten, ob man dafür einen Kunden in Aussicht habe. Und natürlich muss der Antiquitätenhändler auch bereit sein, sich wieder davon zu trennen. „Das ist nicht immer leicht“, meint Kulcsar. „Ich nehme manchmal Sachen mit nach Hause. Aber nach ein paar Monaten bringe ich sie doch wieder zurück ins Geschäft.“

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