Laut und aktivistisch sein

Benjamin „Bini“ Guttmann wurde diesen Sommer zum Präsidenten der European Union of Jewish Students (EUJS) gewählt. WINA sprach mit ihm über seine Erfahrungen als Co- Vorsitzender der Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen (JÖH) und die Situation jüdischer Studierender in Europa.

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Benjamin „Bini“ Guttmann, geb. 1996 in Wien, zunächst Montessori-Schule, Oberstufe an der ZPC-Schule, dort zwei Jahre Schulsprecher. Jugend im HaShomer HaTzair und dem Fußballteam Maccabi Wien. Nach der Matura 2014 zunächst Zivildienst im Jüdischen Museum Wien, danach Beginn des Jus- und Politikwissenschaftsstudiums an der Uni Wien, 2018 ein Auslandssemester in Herzlia/Israel. Seit 2017 Co-Vorsitzender der Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen (JÖH), seit der Wahl zum Präsidenten der European Union of Jewish Students (EUJS) in Brüssel. ©Daniel Shaked

WINA: Sie waren drei Jahre Co-Vorsitzender der JÖH. Was waren die spannendsten Erfahrungen in dieser Zeit?
Bini Guttmann: Als wir den Vorsitz bei den JÖH übernommen haben, gab es für junge Jüdinnen und Juden zwischen 18 und 35 fast nichts in Wien. Wir kamen alle aus Jugendorganisationen und waren der Überzeugung, es braucht auch eine jugendliche politische Stimme. Wir haben dann sofort verschiedenste Events organisiert. Zu den ersten Schabbat-Essen kamen schon fast 100 Leute. Unser erstes politisches Event war eine Diskussion über Antisemitismus, die sehr gut besucht war und bei der wir gesehen haben, dass man wirklich etwas machen kann.
Einer unserer größten politischen Erfolge war die Anti-BDS-Resolution der ÖH-Bundesvertretung vor eineinhalb Jahren. Die ÖH war die erste nationale Hochschulvertretung der Welt, die BDS von den Universitäten verbannt hat. Und einer der Höhepunkte war sicher auch die Diskussion zur Nationalratswahl in Kooperation mit der IKG Anfang September im Gemeindezentrum. Sozial gesehen war natürlich der Ball das Highlight. Das erste Mal seit vielen Jahren haben wir wieder einen traditionellen jüdischen Ball veranstaltet, der von über 700 Menschen besucht wurde. Grundsätzlich war diese Zeit eine schöne, die mich weitergebracht hat – obwohl es mit der österreichischen Regierung oft schwer war.

Politisch sind Sie klar gegen den Kurs der schwarz-blauen Regierung aufgetreten. Welche positiven Reaktionen, welche Kritik hat Ihnen das eingebracht?
❙ Einerseits haben wir von Anfang an gesagt, mit der FPÖ gibt es keinen Kontakt, und eine Partei, die die FPÖ in die Regierung holt, kann kein genuiner Partner im Kampf gegen Antisemitismus sein, auch wenn Sebastian Kurz einen sehr israelfreundlichen Kurs und einen Kurs sehr nahe an der Kultusgemeinde gefahren hat. Das hat die Situation noch komplexer gemacht. Die ÖVP hat die FPÖ in die Regierung geholt. Das heißt nicht, dass man jede Kooperation und Zusammenarbeit mit der ÖVP abbrechen muss, aber die Koalition mit der FPÖ muss allen bewusst sein. Das haben wir sehr klar innerhalb der Gemeinde und auch nach außen kommuniziert.
Wir waren dabei in Organisationsbündnissen, welche Großdemos gegen die Regierung organisiert haben. Wir haben uns insgesamt sehr klar gegen diese Regierung eingesetzt, auch in Medien und auch in Israel, da haben wir sowohl Pushback, aber auch einige sehr positive Reaktionen von Menschen in der Gemeinde bekommen, die gesagt haben, dass sie richtig finden, was wir machen. Aber natürlich gab es auch negative Reaktionen. Eine der schwierigsten Situationen war, dass sich die FPÖ in Israel sehr stark angebiedert hat und wir gemeinsam mit der IKG dagegen aufgetreten sind. Mich freut sehr, dass Israel bis zum Schluss diesen Boykott aufrechterhalten hat, was sicher ein Verdienst der IKG und auch ein kleiner Verdienst von uns war.
Innerhalb der jüdischen Gemeinde gibt es weniger Menschen, die FPÖ wählen, aber doch viele, die die ÖVP-Position verstehen. Und da gab es schon harte Diskussionen. Es wurde uns vorgeworfen, dass wir unsere persönliche Politik oder dass wir eine „linke“ Politik vertreten. Dem haben wir entgegengehalten, dass wir uns sehr klar gegen jede Art von Antisemitismus einsetzen und dass es ein Problem ist, wenn es einen antisemitischen Teil in der Regierung gibt. Das ist qualitativ nämlich ein größeres Problem, als wenn BDS eine Veranstaltung an der Uni Wien abhält – wogegen wir uns aber natürlich auch eingesetzt haben.

Als Studierendenorganisation Antisemitismus zu bekämpfen, ist für Sie also mehr, als sich an den Unis gegen BDS einzusetzen?
❙ Grundsätzlich glaube ich, dass man alle Arten von Antisemitismus bekämpfen muss. Wir erleben in Europa derzeit rechten Antisemitismus, Antisemitismus in der extremen Linken und islamistischen Antisemitismus; und all dieser Antisemitismus ist ein Problem und muss bekämpft werden. Aber was wir sehen – und ich finde, das ist ein sehr großes Problem –, ist, dass viele im innenpolitischen Diskurs nur gegen eine Art oder zwei Arten von Antisemitismus kämpfen, sei es, dass die Rechte den islamistischen und linken Antisemitismus oder die Linke nur rechten Antisemitismus sieht. Doch Menschen, die nur eine Art von Antisemitismus bekämpfen, meinen es nicht ernst und können nicht unsere Partner sein. Sie verwenden uns dazu, ihre politische Agenda zu betreiben, und davon müssen wir uns ganz klar distanzieren.

»Wir erleben in Europa derzeit rechten Antisemitismus, Antisemitismus in der extremen Linken und islamistischen Antisemitismus, und all dieser Antisemitismus ist ein Problem und muss bekämpft werden.«
Benjamin Guttmann

In einem Interview haben Sie kürzlich gesagt, Sie lehnen den in den vergangenen Jahren vermehrt von politischen Parteien verwendeten Begriff des „jüdisch-christlichen Abendlandes“ ab. Was stört Sie daran?
❙ Es gibt wirklich wenige Begriffe, die mich so sehr stören wie der des „jüdisch-christlichen Abendlandes“, der jetzt sowohl von rechtsextremen und rechten wie auch konservativen Politikern immer wieder benutzt wird, weil er einfach die europäische Geschichte nicht widerspiegelt. Die Geschichte des christlichen Abendlandes war eine Geschichte von Unterdrückung von Jüdinnen und Juden, eine Geschichte von Antisemitismus, eine Geschichte, die von den Kreuzzügen über katholischen Antisemitismus bis zum politischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert reicht. Dieses christliche Abendland hat die Juden immer zu etwas anderem gemacht, hat sie ausgesperrt, in Ghettos gesperrt.
Der jüdische Beitrag zu diesem christlichen Abendland war, dieses christliche Abendland abzubauen, zu schauen, dass man sich weiterentwickelt, dass wir zu einer toleranteren, progressiveren Gesellschaft werden. Aber dieser Beitrag ist nicht im Rahmen des christlichen Abendlandes passiert, sondern, ganz im Gegenteil, trotz des christlichen Abendlandes. Und das wird heute verwendet, um ein rassistisches Argument zu machen. Wir finden es politisch nicht opportun, hier ausgespielt zu werden. Ein christlich-jüdisches Abendland zu fantasieren, um dann einen Kulturkampf gegen muslimische Gruppen, die das christlich-jüdische Abendland zerstören wollen, zu führen, ist hoch gefährlich und geschichtsrevisionistisch, weil es nicht der europäischen Geschichte entspricht. Abgesehen davon gibt es diesen Kulturkampf meiner Meinung nach auch nicht.

Jüdisch-christliches Abendland: Die Geschichte des christlichen Abend landes war eine Geschichte von Unterdrückung von Jüdinnen und Juden. ©Daniel Shaked

Sie haben sich nun um den Vorsitz der EUJS beworben und diese Wahl gewonnen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
❙ Ich war in den letzten drei Jahren in Österreich sehr aktiv und sehr inspiriert. Aber ich habe auch gemerkt, dass viele Probleme, die wir in Österreich haben, und auch Dinge, die wir machen wollen, Sorgen und Themen sind, die jüdische Studierende in ganz Europa beschäftigen. Viele Probleme können nur gemeinsam gelöst werden. Und dann war da auch noch der Wunsch, auf einer ein bisschen größeren Ebene aktiv zu werden.

Wie sieht die Situation jüdischer Studierender in Europa aus? Welche Unterschiede gibt es zwischen den Ländern, und welche sind die gemeinsamen Probleme?
❙ Es gibt zwar große gemeinsame Probleme, aber dennoch ist die Situation von Land zu Land unterschiedlich. Und man muss sagen, dass europäische Unis keine antisemitischen Hochburgen sind, wie oft auf den Universitätscampussen in Israel und den USA der Eindruck entsteht. Das größte Problem, das jüdische Studierende in Europa vereint, ist meiner Einschätzung nach der Abbau von liberaler Demokratie und das Aufkommen der extremen Rechten sowie von Populisten. Die europäische Geschichte zeigt, dass es jüdischen Gemeinden immer dann am besten geht, wenn es möglichst liberale, möglichst progressive Gesellschaften gibt. Selbst wenn wir heute nicht mehr das erste Opfer von Diskriminierung sind, schadet uns dieser Rechtsruck langfristig sicher auch. Abgesehen davon glaube ich, dass wir auch eine Verantwortung gegenüber anderen Minderheiten haben.
Ein konkretes Problem ist das Erstarken der BDS-Bewegung in Teilen Europas – vor allem in Großbritannien und Frankreich. Mir ist es aber auch ein Anliegen, jüdische Identität in Europa zu stärken. Wenn es um Debatten geht zwischen Israel und der Diaspora, wird die Diaspora-Stimme von Amerika repräsentiert und die europäische Stimme bleibt meistens außen vor. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass wir mit einer klaren Stimme zu Themen sprechen, die uns wichtig sind.

»Eine Partei, die die FPÖ in die Regierung holt,
kann kein genuiner Partner im Kampf
gegen Antisemitismus sein.«

Benjamin „Bini“ Guttmann

Wo in Europa gibt es eine starke jüdische Studierendenbewegung?
❙ Die stärksten jüdischen Studierendenverbände gibt es in Großbritannien und in Frankreich, wo es auch die mit Abstand größten jüdischen Gemeinden gibt. Abgesehen davon tut sich in sehr vielen Ländern gerade sehr viel. Ich glaube, dass insgesamt ein Aufbruch herrscht unter jüdischen Studierenden, auch weil sich ganz Europa viel mehr politisiert. Sich zu politisieren, ist einfach notwendig in Zeiten wie jetzt.

Wie ist die Situation jüdischer Studierender in Osteuropa? Wie sieht es etwa in Polen oder Ungarn aus – aus diesen Ländern wird immer wieder über Antisemitismus berichtet?
❙ In Polen gibt es sehr wenige Jüdinnen und Juden, da gibt es im Moment auch keine aktive Studierendenorganisation. In Ungarn gibt es sehr viele Jüdinnen und Juden und auch eine aktive jüdische Jugend, die den Stimmungswandel und den Antisemitismus sehr klar spürt. Es gab da auch große Kritik, dass die Makkabiade in Ungarn stattgefunden hat, was von Jüdinnen und Juden in Ungarn teilweise nicht sehr gut aufgenommen worden ist, weil es zu einer Normalisierung von Orbáns Regierung führt, die auch mit Antisemitismus auf Stimmenfang geht. Da sieht man schon Widerstand, wobei es in Ländern wie Ungarn auch schwieriger ist, Widerstand zu leisten, als es das zum Beispiel in Österreich ist. In Russland gibt es auch aktive jüdische Studierende, die aber dort natürlich alles, was sie politisch sagen, sehr klar abwägen müssen, weil sie, wenn sie etwas Falsches sagen, große Probleme bekommen könnten. So viel schlechter es wird in Westeuropa, es geht uns doch sehr gut. Ich hatte niemals ein Problem zu sagen, was ich von unserer Regierung denke.

Was kommt in Brüssel genau auf Sie zu?
❙ EUJS macht Advocacy-Arbeit für die Interessen der jungen Jüdinnen und Juden in Europa gegenüber großen jüdischen Organisationen, gegenüber den EU-Institutionen, gegenüber dem Europarat. Wir organisieren Seminare für junge jüdische Aktivisten, um ihnen Tools an die Hand zu geben, aktiv zu sein. Ich möchte die EUJS vor allem aktivistischer und lauter machen. Es ist der Vorteil von Studierendenorganisationen und überhaupt von jungen Menschen, dass sie laut auftreten – damit können wir mehr bewegen als andere jüdische Organisationen.

Was ist denn mit Themen wie Beschneidung oder Schächten – sind das auch Themen von EUJS, oder interessiert nur das, was an den Unis passiert?
❙ Es betrifft auch jüdische Studierende, wenn es in einem Land kein geschächtetes koscheres Fleisch mehr geben kann. Es ist daher auch eine unserer Aufgaben, dass es nicht zu solchen Verboten kommt. Wir wollen aber auch aufzeigen, dass es innerhalb der jüdischen Gemeinden mehr Diversität braucht. Da können wir ein Vorbild sein, was die Inklusion von LGBTQ-Menschen betrifft, was die Inklusion von Reformjuden betrifft, was die Inklusion von anderen marginalisierten Gruppen in jüdischen Gemeinden betrifft. Ich glaube, dass wir da in Europa in den meisten Gemeinden noch einen sehr langen Weg vor uns haben.

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