Mein Wien …

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… ist für viele vieles. Vor allem aber bietet diese Stadt zahllose Orte, die zum Erinnern, Verweilen und Nachdenken anregen – und so zu lebendigen Orten persönlicher Lebensgeschichten geworden sind. Von Nicole Spilke

Hannah M. Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich

Obwohl das Betongrau des Eingangsbereichs keinen besonders einladenden Eindruck macht, fühle ich mich in den Räumen der Jüdischen Hochschülerschaft einfach wohl. Immerhin waren sie für viele Jahre wie mein Wohnzimmer, mein zweites Zuhause – hier habe ich nächtelang politisiert, gegen Antisemitismus gekämpft, Demos vorbereitet … Das hat mich wirklich geprägt. Politisch engagiere ich mich für die jüdische Gemeinde heute nicht mehr in dieser Art, an die Stelle ist ja mein Job getreten. Dafür nutze ich sie religiös und gehe in die Synagoge. Manchmal muss ich bei meinen Besuchen in der Währinger Straße schon schmunzeln, wenn ich daran denke, dass auch ich schon in diesem kalten Keller des Gebäudes die Disco-Veranstaltungen besucht habe.“

Rafael Rotter, Stürmer beim Eishockey-Verein Vienna Capitals

Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Knochen mir hier bereits gebrochen wurden – trotzdem ist die Albert-Schultz-Halle im 22. Bezirk mein absoluter Lieblingsort. Seit meinem dritten Lebensjahr spiele ich Eishockey, und bis heute verbringe ich die meiste Zeit beim Training und bei den Spielen meines Vereins Vienna Capitals. Dieses Eis erzählt quasi meine ganze Lebensgeschichte; wie ich etwa im vergangenen Jahr den Schiri zu Boden gerempelt habe und dafür 16 Spiele gesperrt wurde. Aber auch, wie ich meine erste Liebe hier traf. Und ohne Eishockey wäre mir wohl auch nicht die Ehre zuteil geworden, 2011 bei der Eröffnungszeremonie der 13. Europäischen Makkabi-Spiele am Wiener Rathausplatz die Flamme zu entzünden.“

Marcus G. Patka, Kulturhistoriker & Kurator am Jüdischen Museum Wien

Als Kulturhistoriker ist einer meiner Lieblingsplätze in Wien die Dorotheergasse, wo das gegenwärtige Wien auf das vergangene trifft. Der Maler Adolf Frankl wohnte hier, ebenso der Schriftsteller Peter Altenberg; beides bezeugen heute noch Gedenktafeln. Im zweiten Stock der Hausnummer 12 hatten die (im Gegensatz zu Deutschland mehrheitlich jüdischen) Freimaurer ihren Sitz. Heute residiert in diesem Haus die Galerie Charim und gegenüber auf Nummer 11 das Jüdische Museum Wien. Und auf der Nummer 17 befindet sich das Dorotheum, wo ab 1938 geraubtes jüdisches Eigentum versteigert wurde.“

Ruth Werdigier, Psychotherapeutin & Coach

Ich liebe den Augarten. So sehr, dass ich oft während einer Mittagspause zu meinen Nordic-Walking-Stöcken greife und dort meine Runden drehe. Besonders mag ich, dass in dem Barockgarten nicht die typischen Parkblumen blühen und er bei jeder Jahreszeit seine Schönheit hat. Auch ist er ein richtiger Multikultiort, wo viele unterschiedliche Kulturen nebeneinander die Freizeit genießen. Meine Lieblingsanekdote stammt übrigens von Joseph II., der den Augarten 1775 für die Öffentlichkeit freigab. Woraufhin sich der Adel beschwerte, dass er nun nicht mehr ‚unter seinesgleichen‘ spazieren gehen konnte. Joseph II. entgegnete damals trocken: ‚Meine Herrschaften, wenn ich nur unter meinesgleichen bleiben wollte, müsste ich in der Kapuzinergruft promenieren.‘ ”

Timna Brauer, Sängerin

Ich bin von Berufs wegen viel auf Reisen und lebe quasi von Restaurant zu Restaurant. Das Skopik & Lohn mit seinem weltstädtischen Flair liegt mir besonders am Herzen. Ich mag den Mix an interessanten Leuten hier und die ganz besondere Stimmung. Für mich ist nicht nur das Essen in einem Lokal wichtig, es muss auch Esprit haben. Und beim „Skopik & Lohn“ merkt man einfach, mit wie viel Liebe zum Detail gearbeitet wird. Das fängt bei der Butter, die zum Brot gereicht wird, an und hört mit einem herzlichen Abschied auf.“

Edek Bartz, Kulturmanager & Kulturschaffender

Man muss nicht jüdisch sein, um die wunderbaren Produkte der Bäckerei Ohel Moshe in der Lilienbrunngasse zu mögen. Dass aus dem Ofen keine Massenware kommt, sondern Erzeugnisse aus traditionellen Zutaten, schmeckt man einfach. Am liebsten schaue ich donnerstags hier vorbei, nur dann gibt es den hervorragenden Kakaostrudel. Freitags wurlt es in dem kleinen Laden traditionell, dann werden die vorbestellten, meist sogar noch warmen Challa-Brote wie am Fließband ausgegeben. Ich mag die Bäckerei, weil sie eine Konstante im jüdischen Leben bildet – und für die Community überaus wichtig ist.“

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