Mosaik der Vielfalt

Die Opfer, aber auch die Täter der jüngsten Anschläge und ihre Geschichten spiegeln die Komplexität der Gesellschaft Israels wider.

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© Flash90 2022/Yonatan Sindel

Es kommt alle zehn Jahre einmal vor, diesmal ist es wieder soweit: Die Feiertage der drei monotheistischen Religionen fallen alle in diesem Frühjahr zusammen. Der Ramadan hat gerade angefangen, in diese Zeit fallen diesmal auch Pessach und Ostern. Mehr als zwei Jahre nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie denken viele jetzt wieder ans Verreisen. Im Radio läuft Werbung für Einkäufe im Duty-Free-Shop am Flughafen. Es gibt aber auch Versuche, die einheimischen Touristen „mit bezahlbaren Preisen“ im Land zu halten. Wenigstens spielt das Wetter mit. Nach einem ungewöhnlich kalten und nassen Winter ist es gerade übergangslos Sommer geworden. Ansonsten hat sich nach den jüngsten Anschlägen in Be’er Scheva, Hadera, Bnei Brak und Gusch Etzion die Furcht vor einer erneuten Terrorwelle wie Blei über die angehende Ferienstimmung gelegt. Die Sicherheitskräfte sind in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden.

In der kollektiven Erinnerung ist rund um die Feiertage im Frühjahr nichts Gutes abgespeichert. Vor einem Jahr hatten Spannungen in einem elftägigen Krieg mit der Hamas gemündet. Zuvor war es zu blutigen Ausschreitungen in der Jerusalemer Altstadt und um den Tempelberg gekommen. Während in Israel Raketen aus Gaza einschlugen, kam es in den gemischten jüdisch-arabischen Städten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

In der kollektiven Erinnerung ist
rund um die Feiertage im Frühjahr
nichts Gutes abgespeichert.

Jetzt, nach drei tödlichen Anschlägen innerhalb einer Woche und einem weiteren Angriff mit einem Schraubenzieher, bei dem das Opfer schwer verletzt überlebt hat, fragt man sich, wohin das führen mag.

Die Attentäter stammen aus Israel und dem Westjordanland. Die einen waren inspiriert vom Islamischen Staat, andere vom islamischen Djihad. Neu ist dabei die Nähe zum Islamischen Staat, den die Sicherheitskräfte offenbar nicht auf dem Radar hatten. Viele sind es nicht. Auf rund 80 bis 100 wird die Zahl der Männer geschätzt, die in Israel und dem Westjordanland dem IS nahestehen sollen. Sie haben in Be’er Scheva und Hadera zugeschlagen. Was dann auch andere aufs Parkett rief, wie den Attentäter von Bnei Brak, der früher schon einmal wegen eines versuchten Selbstmordanschlags im Gefängnis gesessen war.

Die Bilder der Überwachungskameras zeigen, wie sich Letzterer selbstbewusst mit seiner automatischen Waffe auf den Straßen von Bnei Brak bewegt. Man sieht, wie er sich einem stehengebliebenen Auto nähert, sich dann herunterbeugt und den Insassen aus allernächster Nähe exekutiert. Die schreckliche Szene lief immer wieder in den Fernsehnachrichten, wie in einem gruseligen Krimi.

Die Opfer und ihre ganz eigenen Geschichten spiegeln in nahezu beispielhafter Weise die komplexe Realität der israelischen Gesellschaft wider. In der Aula der Hebräischen Universität in Jerusalem brennen Kerzen neben den Fotos der elf Opfer, die bei den Anschlägen ums Leben gekommen sind. Es ist ein Mosaik der Vielfalt.

Die Attentäter stammen aus Israel und dem Westjordanland, die Opfer aus den unterschiedlichsten religiösen
und ethnischen Gruppierungen der israelischen Gesellschaft.

Unter ihnen ist der 29-jährige Rabbiner Avishai Yehezkel, der seinen kleinen Sohn abends im Kinderwagen durch die Straßen von Bnei Brak schiebt, um ihn zum Einschlafen zu bringen. Er hört Schüsse in der Nachbarschaft, schafft es noch, seinen Bruder anzurufen. Als ihn der Attentäter ins Visier nimmt, wirft er sich über den Kinderwagen, sein Sohn überlebt, er nicht.

Da ist auch der 32-jährige Polizist Amir Khoury, ein arabischer Israeli, der als Erster den Angreifer ortet und auf ihn schießt, um ihn zu stoppen. Im Feuergefecht wird Khoury von einer der letzten Kugeln des Attentäters tödlich getroffen. Khoury mutiert zum Helden, weil er durch seinen Einsatz vielen Zivilisten das Leben gerettet hat. Zu seiner Beerdigung auf dem christlichen Friedhof in der Nähe von Nazareth kommen viele Haredim aus Bnei Brak, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Auch der Bürgermeister, Rabbiner Avraham Rubinstein, ist angereist, er umarmt tröstend den Vater, der selbst einst ein Ordnungshüter gewesen war, und dankt ihm für den Mut seines Sohnes. Gemeinsam mit dem Vater trauert auch Amir Khourys Lebensgefährtin, Shani Yashar, eine jüdische Israelin. Beide liegen einander in Tränen aufgelöst in den Armen. Das Paar hätte demnächst heiraten sollen.

Erst am Tag zuvor war ein anderer junger arabischer Mann in Uniform beerdigt worden. Der 19-jährige Yazan Falah war Grenzpolizist und stammte aus  einem drusischen Dorf im Norden des Landes. Ihn hatten die Kugeln des Angreifers in Hadera getroffen, der dem Islamischen Staat nahestand.

Zu den Opfern im streng religiösen Bnei Brak zählen auch zwei Migranten aus der Ukraine, der 32-jährige Victor Sorokopot und der 23-jährige Dimitri Mitrik. Sie waren einst mit einem Touristenvisa ins Land gekommen. Beide hatten als Gelegenheitsarbeiter ihren Unterhalt verdient. In staubiger und gipsverklebter Kleidung versammelten sich Freunde und Bekannte am Tag danach in Trauer am Tatort, jenem kleinen Lebensmittelladen in Bnei Brak, vor dem sie alle abends oft gerne zusammen gesessen hatten.

Die Ukrainer hatten davon geträumt, sich mit ihrem Verdienst ein Haus in der Heimat zu bauen, die nun in den vergangenen Wochen zum Kriegsgebiet geworden ist. Nun sollten ihre Särge dorthin ausgeflogen werden, was mit neuen Herausforderungen verbunden ist. „Wir hatten hier keine Verwandten, waren alleine und wollten in die Ukraine zurück“, erzählt Sorokopots Witwe Kristina. Jetzt wolle sie bleiben, aber die Überreste ihre Ehemanns nicht unbegleitet zurücktransportieren lassen. Wäre das alles eine Fernsehserie, hätte der Drehbuchautor einen Preis für sein Faible für Diversität und sein Engagement im Kampf gegen Vorurteile bekommen. Und Kritiker hätten ja vielleicht gefunden, dass das alles ein bisschen überzeichnet wäre.

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