Rosh Pinah ohne Juden

Kurz vor seinem Tod nahm der jüdische Entrepreneur Mose Kahan sich vor, die immensen Zinkvorkommen Südwestafrikas zu erschließen. Unter dem Namen Rosh Pinah sollte die Mine zum Eckpfeiler eines neuen Bergbauimperiums werden. Der Betrieb begann vor genau fünfzig Jahren und hat bis heute tausende Arbeitsplätze geschaffen. Doch in der entlegenen Bergbausiedlung mit dem biblischen Namen leben schon lange keine Juden mehr – und der Ort inmitten der namibischen Wüste blickt auf eine unsichere Zukunft.

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Text und Fotos: Ronnie Niedermeyer

„Die Minen sind alles, was diese Stadt zusammenhält“, seufzt Lipitwa Nghiwanapo, ohne mit dem Lächeln aufzuhören. Souverän pendelt die junge Frau hinter ihrem Schreibtisch zwischen Anrufen auf Festnetz und Handy, bevor sie sich wieder unserer Unterhaltung widmet. Die Leitung des Amica Guesthouse hat sie seit 2013 inne. Die schlichte Pension steht am Rande einer Siedlung wenige Kilometer vor der südlichen Grenze Namibias. Der Name dieser Siedlung: Rosh Pinah.

Eintritt verboten. Neben Rosh Pinah beginnt das Diamantensperrgebiet. Die Durchreise ist nur mit staatlicher Genehmigung möglich.

Von der Regierung nicht als Ort anerkannt, erhält Rosh Pinah keine öffentlichen Förderungen oder kommunalen Dienstleistungen. Über achtzig Prozent der arbeitsfähigen Einwohner (laut der letzten Volkszählung sind es etwa 2.800) arbeiten in einer der beiden großen Zinkminen Skorpion Zinc und Rosh Pinah Zinc Corporation, die jeweils einem internationalen Konzern gehören. Die restlichen Städter sind in der Erhaltung der Infrastruktur tätig: Supermarkt, Tankstelle, Schule, Bank, Postamt, Krankenhaus, Unterkünfte, zwei Pubs und ein Restaurant.

Anstelle einer Stadtverwaltung finanzieren die beiden Bergbauunternehmen miteinander eine Interessenvertretung der Einwohner, die sich auch um den Versorgungsbereich Strom, Wasser, Abwasser kümmert. Die gemeinnützige Organisation heißt RoshSkor, aus der Kombination der beiden Firmennamen. Ronnie Slabbert, gelernter Bergbauingenieur, ist seit 2015 Geschäftsführer von RoshSkor und damit de facto Bürgermeister von Rosh Pinah. „Sobald der Marktpreis von Zink nur minimal fällt, ist das ganze Unterfangen nicht mehr profitabel“, befürchtet er. „Dann wird Rosh Pinah zur nächsten Geisterstadt.“

Schroffe Schönheit. Der Sonnenuntergang verleiht den Bergen um Rosh Pinah Alpenglühen.

Die bekannteste solche Geisterstadt, Kolmanskop, entstand um 1908 während des Diamantenbooms und wurde bereits um 1930 wieder verlassen. Die hundert Jahre alten Häuser mit ihren zum Teil perfekt erhaltenen Inneneinrichtungen sind heute eine Touristenattraktion, wenige Minuten von der Hafenstadt Lüderitz entfernt. Nach Rosh Pinah, 1967 mitten in der Wüste gegründet, verirrt sich hingegen kaum ein Tourist. Es gibt in der Nähe keine Stadt, keine geografischen Vorzüge, keine interessanten Merkmale. Der Lageplatz erscheint völlig willkürlich, wäre da nicht das fast unerschöpfliche Zinkvorkommen.

Ein kurzer Blick in den Supermarkt zeigt, dass in der Gegend wirklich nichts wächst: Obst und Gemüse sind in den Regalen spärlich vertreten, dafür trumpft der Laden mit einer ungewöhnlich vielfältigen Auswahl an Rattengift und Insektenspray.

Lasset uns bauen. In der Wellblechsiedlung Tutungeni leben bis zu zehntausend Bergbauarbeiter.

Aufgrund seiner hohen Mineralisation ist das Grundwasser für landwirtschaftliche Nutzung ungeeignet. Ronnie Slabbert will seine Ingenieurkenntnisse einsetzen, um vom 25 Kilometer entfernten Fluss Oranje eine Wasserleitung nach Rosh Pinah zu legen. „Tests bestätigen, dass der Boden für Ackerbau geeignet wäre, es fehlt nur die notwendige Menge an Wasser. Mit bewirtschafteten Feldern schaffen wir genug Arbeitsplätze, um Rosh Pinah auch ohne Minen zu erhalten.“ Die größte Hürde bei der Verwirklichung dieses kühnen Plans ist Geld. Die Regierung zeigt an dem Programm kein Interesse, die Bergbauunternehmen wiederum betrachten jeden anderen Arbeitgeber mit Misstrauen. Slabbert hofft auf Entwicklungshilfe aus dem Ausland.

Auch der deutschen Geologin Gisela Hinder liegt viel daran, dass die Siedlung noch lange erhalten bleibt. Von 1999 bis 2014 verantwortete sie für Rosh Pinah Zinc Corporation die Erschließung aller neuen Erzvorkommen. Die schroffe Landschaft gefiel ihr so sehr, dass sie sich entschloss, auch nach der Pensionierung hierzubleiben. 2008 pachtete sie ein zentral gelegenes Grundstück auf 99 Jahre und ließ darauf zwei große Häuser bauen. Die Erker wurden so ausgerichtet, dass einer auf die Mine blickt, der andere auf das naheliegende Diamantensperrgebiet. Ein Haus bewohnt Hinder mit ihren drei Hunden, im zweiten richtete sie ein kleines Museum ein. Hinter dem Wohnhaus hat sie ihr Refugium: „Da habe ich meinen Kräutergarten, den Griller, einen kleinen Pool.“ Jeden Tag kommt die Haushälterin Tish vorbei, meist wird gemeinsam gespeist. Für uns gibt es heute gebratene Hühnerkeulen, die drei Hunde bekommen „Walkie Talkie“ – die Köpfe und Füße der Hühner. Während des Essens wechselt die Gastgeberin mühelos zwischen Afrikaans, Englisch und Deutsch.

„Jede Mine hat eine so genannte Lebensdauer, die Zeitspanne also, in der es sich lohnt, sie zu betreiben“, erklärt sie. Solange es nahe der Erdoberfläche genügend Erz gibt, ist der Betrieb günstig. Je tiefer man arbeiten muss, desto teurer wird es. Skorpion Zinc wurde 1999 eröffnet und hätte 2017 schließen sollen. Dank einer technologischen Weiterentwicklung im Bergbau blieb es dennoch rentabel, weitere drei Jahre zu schürfen. Sobald Skorpion deaktiviert wird, muss Rosh Pinah Zinc Corporation die Stadt wieder alleine erhalten. Das wird schwierig, denn rund die Hälfte aller Gebäude wurde erst mit dem Zuzug von Skorpion errichtet.

Eines davon ist das im Jahr 2000 gegründete Automatencasino Silver Mount City, vor allem von Skorpion-Mitarbeitern besucht. Rosaline Kotze ist seit 2016 Managerin des Casinos. Auf die Zukunft des Ortes angesprochen, bleibt sie um keine Antwort verlegen. „Über der Grenze, in Südafrika, wachsen Pfirsichbäume – hier aber nicht“, beschwert sie sich. „Klima und Terrain sind gleich, uns fehlt einfach das Knowhow. „

Ob sie jemanden kennt, der hier geboren wurde? „Praktisch niemand kommt aus Rosh Pinah. Die Leute sind alle nur wegen der Arbeit hier.“ Unter den Einrichtungen, die der Ort aufweist, gibt es tatsächlich keinen Friedhof – dafür aber eine Bibliothek. Schüler nutzen sie, um Hausaufgaben und Projektarbeiten zu machen; Arbeitslose lesen hier die Stellenanzeigen der Tageszeitungen. Jordaan Rikambura bewarb sich 2013 erfolgreich um die Stelle des Bibliothekars. Der gelernte EDV-Fachmann erfasste alle Bücher digital, richtete PC-Arbeitsplätze ein und installierte WLAN. „Manche kommen ohne jegliche Computerkenntnisse hierher“, berichtet er. „Ich zeige ihnen, wie man Textbearbeitungsprogramme verwendet, sich eine Mailadresse einrichtet, Dokumente scannt, Bewerbungen formuliert und diese verschickt.“
Rikambura ist nicht nur wegen seiner unermüdlichen Hilfe rundum beliebt, sondern auch für seine kreative Garderobe. „Schon in meiner Kindheit hatte ich einen Hang zur Mode. Es kam mir nie in den Sinn, mich zurückzunehmen, nur weil vielleicht andere Männer sich nicht so kleiden.“ Während er bei Pass- und Führerscheinkontrollen immer wieder Demütigungen erfahren hatte, wurde er von den rauen Bergarbeitern Rosh Pinahs vollkommen akzeptiert – und sogar ins Herz geschlossen.

„Es kam mir nie in den Sinn, mich zurückzunehmen, nur weil vielleicht andere Männer sich nicht so kleiden.“ J. Rikambura

Freitagabend besichtigen wir das örtliche Pub, Desert Rose Inn, doch dort ist nichts los. „Das richtige Leben spielt sich in der Location ab“, weiß Rikambura. Mit diesem Begriff ist das Arbeiterviertel gemeint, das namibische Pendant zu den Townships Südafrikas. Die Wellblechsiedlung liegt einen knappen Kilometer außerhalb des Ortsgebiets. Ihr offizieller Name lautet Tutungeni, was so viel wie „Lasset uns bauen“ bedeutet. Die Kneipe von Tutungeni heißt Big Brother. Hausfrauen tanzen zu lauter Musik, ihre Männer stehen an der Bar und trinken Bier oder „Jack and Coke“. Der lokale Trunkenbold, der nach Schweiß und Urin riecht, schnorrt konsequent jeden an.

Am helllichten Tag ist die Weitläufigkeit Tutungenis ersichtlicher. Einer Schätzung nach leben zehntausend Menschen hier, bis zu acht Personen pro Haushalt. Alfons Bernadino sitzt neben seiner Hütte im Schatten einer Plane; seine jüngste Tochter spielt zu seinen Füßen. Bernadino freut sich über das Interesse an seiner Arbeit. „Wir arbeiten in drei Meter hohen Schächten tief unter der Erde. Es ist heiß und stickig, und die Leiter wackelt auf dem felsigen Boden. Zuerst bohre ich 10 Zentimeter breite, 4 Meter tiefe Löcher in die Felswand, fülle sie dann mit Dynamit und stopfe sie mit Steinmehl wieder zu. Nachdem die vier Meter dicke Wand gesprengt wurde, machen wir dahinter nach demselben Schema weiter.“

„Unsere Zinkhütten können wir einfach mitnehmen, wenn es hier keine Arbeit mehr gibt.“ A. Bernadino

Die Tagesschicht an der Mine von Rosh Pinah Zinc dauert von 6 bis 18 Uhr an fünf aufeinander folgenden Tagen. Danach gibt es für diese Arbeitsgruppe fünf Tage Pause, anschließend eine fünftägige Nachtschicht von 18 bis 6 Uhr, gefolgt von fünf weiteren Ruhetagen. Mit vier solchen Arbeitsgruppen kann der Betrieb rund um die Uhr stattfinden. Der Stundenlohn beträgt 39 N$, umgerechnet 2,66 €.

Nach der Wohnsituation gefragt, erzählt Bernadino: „Obwohl ich seit vier Jahren in der Mine arbeite, wartet meine Familie immer noch auf die Zuteilung eines Hauses im Ort. Diese Hütte habe ich selber gebaut, für die Nutzung des Grundstücks müssen wir monatlich 100 N$ bezahlen.“ Trotz der schlechten Isolierung wird auf Klimatisierung und Heizung verzichtet, die die Stromkosten von derzeit 500 N$ im Monat leicht verdreifachen würden. „Trotzdem wollen wir hier keine Ziegelhäuser bauen. Unsere Zinkhütten können wir einfach mitnehmen, wenn es hier keine Arbeit mehr gibt.“

Aktuell findet ein Streik statt, weil Überstunden nicht bezahlt wurden. Die Situation ist besonders heikel, da es sich um einen illegalen Streik handelt. Gisela Hinder hält es für gefährlich, während des Streiks die Mine zu besuchen. Stattdessen fahren wir zur Lorelei, der ältesten Mine dieser Gegend. 1950 wurde sie vom Bergbaupionier Mose Kahan gegründet, der auch der Siedlung Rosh Pinah ihren Namen gab. Kahans kleine Kupfermine, seit Jahrzehnten verlassen, ist nur per Allradwagen erreichbar. Luftlinie 15 Kilometer von Rosh Pinah entfernt, dauert die Fahrt eine halbe Stunde. Bei der Mine angelangt, sind die Autospuren von ihrem letzten Besuch noch sichtbar: Außer Gisela Hinder kommt niemand hierher.

Wir setzen uns vor Kahans Lorelei-Mine auf den sandigen Boden und machen ein Picknick. Die Geologin hat in roter Zwiebelschale gefärbte Eier und grüne Äpfel mitgebracht. Nun sind wir also den ganzen Weg für ’n Appel und ’n Ei hergekommen.

 

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