Schulamit Meixner: In London konnte ich Kultur antizipieren, in Wien bin ich ein Teil davon.

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Obwohl ein Teil meiner Familie nachweislich seit 1789 in Österreich weilt, bin ich die einzige, für die Wien der Lebensmittelpunkt darstellt. (Von einem gelehrten und kampfbegeisterten Vorfahren abgesehen, der als Revolutionär 1848 das Weite suchte). Im Juni 1989, einen Tag, nachdem ich mein Maturazeugnis erhalten hatte, stand ich mit zwei Koffern (einer mit Kleidung, der andere mit Büchern) am Westbahnhof. Die Bundeshauptstadt war mein Ziel, dort wollte ich Judaistik studieren, ein Studium, das mir große Freude bereiten sollte, außerdem kannte ich bereits meinen zukünftigen Mann, der hier auf mich wartete. Das vielfältige kulturelle Angebot auf Weltklasseniveau, die zeitlose Eleganz der Donaumonarchie und die gute Infrastruktur innerhalb der jüdischen Gemeinde waren von jeher die Hauptfaktoren, weshalb nur Wien für uns im deutschsprachigen Raum in Frage kommen konnte. Wir wollten es jedoch genauer wissen und sind 2006 mit unserem Nachwuchs nach London übersiedelt. Noch mehr Kultur und noch mehr Juden. Unsere drei Kinder haben dort eine exzellente Ausbildung genossen, in kodesch und in chol, ich aber habe unser liebes Wien vermisst. Im Londoner Haus, in der Dachkammer, habe ich angefangen, Romane zu schreiben, mir fehlten jedoch das künstlerische Eingebundensein und die Auseinandersetzung mit Gleichgesinnten. Und natürlich die deutsche Sprache. In London konnte ich Kultur antizipieren, hier bin ich ein Teil davon. Da mein Mann beruflich an den Kontinent gebunden war und nur am Wochenende bei uns sein konnte, kehrten wir vor zwei Jahren mit unserem jüngsten Sohn nach Wien zurück.

Tipp: Der stimmungsvollste Ort in Wien ist für mich der Spittelberg, dort habe ich meine Schreibstube. Angrenzend an den ersten Bezirk ist er ein Miniaturstädtchen in sich, mit  wunderschönen Biedermeierhäusern, autofreien Kopfsteinpflastergässchen, Dorfbrunnen und Künstlerateliers. Ein Blick aus dem Fenster, und die Inspiration fließt.

• Schulamit Meixner wuchs im Rheintalischen auf. Während ihrer Schulzeit gründete sie gemeinsam mit Robert Schneider und Efraim Meixner den Theaterverein Die Schaukinder. In Wien studierte sie Judaistik und Theaterwissenschaft, arbeitete im Jüdischen Museum und unterrichtete jüdische Geschichte an der ZPC-Schule und im JIFE. Ihre Romane ohnegrund (2012) und Bleibergs Entscheidung (2015) sind bei Picus erschienen. 2016 war sie Co-Organisatorin des Yiddish Culture Festival Vienna. •

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