Sentimentalitäten und neues Selbstbewusstsein

Mehr als zweitausend Jahre leben die Juden in Zentralasien nahezu abgeschnitten vom Rest der jüdischen Welt. Eine kurze Geschichte der jüdischen Bucharen von gestern bis heute.

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Romantisierung. Eine Gruppe jüdischer Kinder mit ihrem Lehrer in Samarkand. © Government Press Office; Wikimedia/The Library of Congress

„Das ist das Haus meines Großvaters“, sagt Rafael Nektalov und zeigt auf ein adrettes weißes Steinhaus im jüdischen Viertel von Buchara, eine der bedeutendsten Städte Usbekistans und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.
Bei strahlendem Sonnenschein, sportlich gekleidet mit einer weißen Schirmkappe, führt der 65-jährige Aktivist des Congress of the Bukharian Jews of the USA and Canada durch seine Geburtsstadt. „Das ist und bleibt mein Mutterland“, fügt der naturalisierte Amerikaner hinzu, dessen Familie sowohl das Bukharian Jewish Community Center in Queens, NY, mit aufgebaut hat wie auch auf einen Urgroßvater verweisen kann, der die erste bucharische Gemeinschaft in Jerusalem gegründet hat.
Diesen virtuellen Spaziergang voller Erinnerungen an das ehemals blühende jüdische Viertel von Buchara kann man in einem Film erleben, in dem Rafael Nektalov wieder einmal seine Geburtsstadt besucht. Zur offiziellen Europa-Präsentation des Films The Heritage of the Bukharian Jews haben der Präsident des Vereins Bucharischer Juden in Österreich, Shlomo Ustoniazov, und Regisseur Eldjon Abbasov in die Tempelgasse 7 eingeladen. Der geräumige Saal des Sephardischen Zentrums ist an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt; es herrscht heitere Stimmung und eine freudige Erwartung auf die filmische Umsetzung der eigenen Geschichte.
Der usbekische Regisseur Abbasov drehte diesen Film über die bucharischen Juden aus Dankbarkeit für einen jüdischen Arzt, der ihn nach einem schweren Unfall erfolgreich behandelt hatte. Im Saal wird es ganz still, als der historische Teil mit alten Aufnahmen dokumentiert und von Historikern erläutert wird. Ein munteres Sprachengewirr setzt ein, wenn die Kamera durch die heutige Stadt führt: Viele erkennen die von ihnen verlassenen Orte und müssen sich darüber austauschen.

»Es gab geheime Räume, in denen gelernt und gebetet wurde – meist mit zwei Türen.
Wenn jemand verriet,
dass die Kinder da Thora lernten,
schafften wir sie bei der zweiten Tür hinaus.«

Markiel Fazilov

Das verwundert nicht, ist doch der Name der Stadt Buchara im Laufe der Zeit zum Sammelbegriff für die Juden Zentralasiens geworden. Diese Bezeichnung trugen sie in der ehemaligen Sowjetunion, auch wenn sie in den Republiken Tadschikistan, Kirgisistan, Kasachstan, Turkmenistan oder Afghanistan lebten. Der Legende nach kehrt nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft im achten vorchristlichen Jahrhundert ein Teil der Juden nicht ins Heilige Land zurück. Stattdessen ziehen sie über Persien nach Zentralasien, wo sie sich entlang der Seidenstraße niederlassen. Sie treiben Handel und widmen sich der Weberei, Färberei und der Schmuckfertigung.
Sie sprechen Buchori, einen Dialekt der tadschikischen Sprache. „Unsere Sprache ist vergleichbar mit dem Jiddisch der Aschkenazim in Europa“, erzählt Nektalov. „Es ist ein persischer Dialekt, gemischt mit Hebräisch und ein wenig Russisch.“ Mehr als zweitausend Jahre leben die Juden in Zentralasien nahezu abgeschnitten vom Rest der jüdischen Welt. Daher verblasst auch das Wissen über die religiösen Gesetze und Bräuche. Erst im Jahr 1793 kommt der gebürtige Marokkaner Rabbi Josef Mamon Maghribi nach Buchara und führt wichtige Reformen durch, ersetzt z. B. das persische Ritual durch das sephardische, jenes der Nachfahren der 1492 aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden.
Ende des 19. Jahrhunderts fallen nur wenigen europäischen Reisenden nach Russisch-Zentralasien die dort lebenden Juden auf. In vielem haben sie sich den sie umgebenden Tadschiken und Usbeken angepasst. Die Einrichtungsgegenstände für ihre Häuser kaufen sie bei den muslimischen Handwerkern auf den städtischen Basaren. Aber trotz dieser äußerlichen Harmonie des Zusammenlebens erleben sie Schikanen seitens der muslimischen Bevölkerung.
„Die Juden von Buchara leben unter großer Unterdrückung und werden von allen verachtet“, notierte Armini Vamberi, ein ungarischer Reisender, der Zentralasien Mitte des 19. Jahrhunderts durchquerte. Die Gesetze, die für die jüdische Bevölkerung von Buchara galten, waren mehr als erniedrigend: Es wurde eine Steuer für die „Erhaltung“ ihres eigenen Lebens eingehoben; sie durften nicht auf Pferden, nur auf Eseln reiten und mussten absteigen, um sich vor Muslimen zu verbeugen, andernfalls drohten harte Prügelstrafen. Das Tragen des traditionellen Turbans war ihnen untersagt: Sie mussten Schapkas aus Pelz aufsetzen, so dass Muslime sie schon von Weitem als Angehörige eines anderen Glaubens erkennen konnten.

Exodus. Eine Gruppe bucharischer Immigranten im Camp in Atlit. © Government Press Office; Wikimedia/The Library of Congress

Erzwungene Konvertierung zum Islam. All diese Einschränkungen waren noch erträglich im Vergleich zum Zwang der Konversion zum Islam. Jene, die den Pressionen nicht widerstehen konnten, wurden abfällig „Tschala“ genannt, was auf Russisch so viel wie „zwischen den beiden“ bedeutet. Dennoch trotzte eine beträchtliche Zahl der jüdischen Bucharen allen sozialen, religiösen und politischen Schikanen und blieb dem Gesetz der Thora treu. Zu Hause in den eigenen Wohnvierteln lebte man jüdisch: Die Koschergesetze wurden ebenso eingehalten, wie die Brith Mila durchgeführt. „Es gab geheime Räume, in denen gelernt und gebetet wurde – meist mit zwei Türen“, erzählt Markiel Fazilov, der heute in Tel Aviv lebt. „Wenn jemand verriet, dass die Kinder da Thora lernten, schafften wir sie bei der zweiten Tür hinaus.“
In den 1970ern begann die massive Auswanderung der Juden aus der Sowjetunion, insbesondere aus Zentralasien, und ihre Synagogen wurden geschlossen. Die jüdische Gemeinde in Buchara ist daher auch signifikant geschrumpft: von rund 35.000 Mitgliedern auf ungefähr 420 Personen. Infolge des Sechstagekrieges 1967 stiegen die Spannungen zwischen Israel und der Sowjetunion, und das erschwerte den Juden das Leben in den sowjetischen Teilrepubliken. Unter anderen setzten sich die Niederlande für ihre Ausreise ein. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 zwangen prekäre ökonomische Verhältnisse, mangelnde Perspektiven und fehlende Heiratspartner die bucharischen Juden nochmals zum Exodus.
Schätzungen nach leben heute weltweit etwa 200.000 bucharische Juden – 50.000 davon in den USA. „Allein in Forest Hills in Queens, etwa dreißig Minuten vom Times Square in New York entfernt, zählt die bucharische Gemeinschaft 40.000 Seelen“, weiß Rafael Nektalov. Etwa 150.000 Menschen gingen nach Israel, kleinere Gemeinschaften findet man auch in Kanada, Australien, Deutschland und Österreich.

Österreichs Hauptstadt sollte ursprünglich nur der Durchreise dienen, doch heute leben mehr als 500 Familien (etwa 2.000 bucharische Juden) in Wien und bilden eine wichtige Säule des jüdischen Lebens: Sie bereichern die ganze Gemeinschaft mit ihren zahlreichen Kultur- und Bildungseinrichtungen. Und sie sind in der österreichischen Gesellschaft angekommen: Das spürt man nicht nur am diesem Kinoabend im Sephardischen Zentrum, wo vielen die Anwesenheit und Begrüßung durch die Botschafter von Usbekistan und Tadschikistan zwar schmeichelt, ihr gefestigtes Selbstbewusstsein als österreichische Bürger aber nicht wirklich tangiert. Sie sind hier sicher und großteils im Wohlstand verankert, inzwischen sowohl in der Wissenschaft wie auch in unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft. Und ein wenig sentimental darf man ja sein, wenn man Aufnahmen aus der alten Heimat sieht, genauso wie Rafael Nektalov.

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