Service für Biker-Boots

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Igal Yonatanov betreibt in Wien- Gumpendorf eine Schuhreparatur und einen Schlüsseldienst. Seine Spezialität: Westernstiefel.

Text & Fotos: Reinhard Engel

Die beiden älteren Damen aus der Nachbarschaft haben nichts mit den ledernen Spezialitäten von Igal Yonatanov zu tun. Die eine möchte einen Ledergürtel ihres Mannes kürzen lassen. Die andere bringt eine bunte Einkaufstasche zur Reparatur. Yonatanov sagt den Kundinnen charmant seine professionelle Meinung und trifft damit genau den Ton, mit dem sie sich richtig behandelt fühlen: eine Mischung aus der Kompetenz des seriösen Handwerkers und der Freundlichkeit des langjährigen Nachbarn im Grätzel.

„Ich arbeite wirklich gerne mit
Leder. Das ist ein natürliches
Material wie das Holz, und man muss genau wissen, wie man es behandelt.“
– Igal Yonatanov

Freilich kommen zum Schuhservice auch Kunden von weiter her: Manche reisen mit ihren schweren Harley-Maschinen an, andere haben von Freunden erfahren, dass Yonatanov auf Westernstiefel spezialisiert ist. Und der Geschäftsraum vor der hell erleuchteten Werkstätte zeigt auf der einen Seite ein hohes Regal mit einer reichen Auswahl von Herren- und Damenmodellen: manche spitz und mit kunstvollen Prägungen im Leder; zweifärbig oder uni schwarz und cognac; kleine, knöchelhohe Damenmodelle und schwerere, lange für Herren mit Riemen an der Ferse, die wohl die einstigen Sporen andeuten. Gegenüber sind auf deckenhoch gestapelten Kartons die Namen der Produzenten zu lesen: Sancho Boots und Sendra, Mezcalero oder Vidal. Hergestellt werden die rahmengenähten Stiefel vor allem in Spanien und in Mexiko.

Angefangen hat mit den Western-Boots noch Yonatanovs Vater, der Geschäft und Werkstätte 1992 in einem ehemaligen Textilladen auf der Gumpendorfer Straße eröffnet hatte. Warum, weiß sein Sohn heute nicht mehr. Es läuft aber gut, er hat sich in der Szene der Stiefelanhänger einen Namen gemacht, und deren Träger, ob Fans des Wilden Westens oder bodenständige Angestellte und Sekretärinnen, vertrauen darauf, dass er ihnen ihre Lieblingsstücke auch rettet, wenn sich schon ernste Verschleißerscheinungen einstellen. „Da gibt es etwa Löcher innen an der Ferse, und die Reparatur wird dann schon aufwendiger“, erzählt er. „Aber manche haben ihre Stiefel schon viele Jahre und wollen sie noch weitertragen.“ Er selbst, ein in sich ruhender schlanker, sanfter Mann mit schwarzer Kippa, trägt keine Stiefel: „Ich bin dafür nicht lässig genug“, sagt er, um dann mit einem feinen, ironischen Lächeln nachzuschieben: „Vielleicht, wenn ich einmal in Pension gehe und locker werde.“

Bis dahin ist wohl noch etwas Zeit

Yonatanov, Jahrgang 1974, hat Geschäft und Werkstatt von seinem Vater nach seiner Heirat übernommen. Er war mit der HTL für Elektrotechnik noch nicht fertig, musste aber Geld verdienen. Die Schule schloss er dann zwar in Abendkursen ab, Ingenieur nennen darf er sich aber dennoch nicht, dazu fehlen ihm die nötigen drei Jahre einschlägiger Praxis als Techniker. Dafür hat er beim Wifi seine Prüfungen für den Schuhinstandsetzer abgelegt.

Die Freiheit der selbstständigen Arbeit erlaubt es dem Stiefelexperten, so genau zu arbeiten, wie es seine ledernen Schützlinge brauchen, und dennoch Schabbes und Feiertage einhalten zu können.

Als Elfjähriger war Igal mit seiner ursprünglich aus Buchara stammenden Familie aus Tel Aviv nach Wien gekommen. Der Vater hatte hier medizinische Behandlung gesucht und gefunden. Deutsch lernte er schnell in der Schule im zweiten Bezirk, eine ältere Lehrerin nahm ihn unter ihre Fittiche, und Englisch hatte er als Verständigungssprache schon gut gekonnt. Fußball interessierte ihn nicht so sehr, es waren eher die Tastaturen von Klavier und elektrischer Orgel, mit seinen Schulkollegen kam er insgesamt gut zurecht. Was er dann lernen sollte, wusste er nicht wirklich, Elektrotechnik interessierte ihn wohl, aber dann kam die Selbstständigkeit dazwischen.

„Ich arbeite wirklich gerne mit Leder, erzählt er. „Das ist ein natürliches Material wie das Holz eines Tischlers, und man muss genau wissen, wie man es behandelt, auch wie man es pflegt.“ Er sieht traurig den allgemeinen Qualitätsverfall, zeigt dem Besucher an mehreren Beispielen, wo die Produzenten an gutem Material gespart haben, freut sich aber doch an Kunden, die sein handwerkliches Fachwissen schätzen, nicht nur solche mit Stiefeln. Die Liebe dazu hatte er schon in der ersten Werkstätte seines Vaters im ersten Bezirk mitbekommen, wo er etwas helfen durfte, mehr als nur aufräumen. „Aber die Maschinen waren doch zu gefährlich für mich als Kind.“

Heute nutzt er auch diese routiniert, vor allem bei seinem zweiten Standbein, dem Schlüsselservice. „Ich habe ja in der Schule den Umgang mit Metall gelernt: drehen, fräsen, schleifen. Das kann ich jetzt gut gebrauchen.“ Mehr fordert ihn aber die Schuhreparatur: „Ich arbeite sorgfältig, möchte keine Fehler machen, nur weil ich schnell bin.“ Dass er die längste Zeit des Tages allein in der Werkstätte steht, macht ihm nichts aus. Er habe auch schon überlegt, jemanden anzulernen, der passen würde und wenig Aufwand benötigt, darauf aber wieder verzichtet. Denn seine Arbeit muss die Familie versorgen, die Yonatanovs haben mittlerweile sechs Kinder zwischen Studentenalter und Kindergarten. Wichtig ist ihm auch, dass er mit dem eigenen Geschäft die religiösen Gebote leichter einhalten kann, als ihm das als angestelltem Techniker möglich wäre. Am Schabbes ist geschlossen, ebenso an den jüdischen Feiertagen.

Yonatanov Schuhservice, Schlüsseldienst, Westernstiefel
Gumpendorfer Straße 92, 1060 Wien

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