Stolz auf seine Disziplin

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Michael Kandov ist nicht nur Filmfreak und studiert daher Theater-, Film und Medienwissenschaft, er ist auch amtierender Bodybuilding-Österreichmeister in der 70-Kilo-Klasse. Mit traditioneller bucharischer Küche verträgt sich sein Diätplan schlecht. Von Alexia Weiss

Jüdische Feiertage sind nicht einfach“, verrät Michael Kandov. Kaum etwas von dem, was in seiner Familie auf den Tisch kommt, darf er auf Grund seiner strengen Diät zu sich nehmen. Im April stehen die nächsten Bodybuilder-Meisterschaften an. „Bodybuilding ist eine Präsentationssportart. Beim Wettkampf präsentiert man seine Arbeit. Die Muskeln baut man vorher auf.“ Ernährungssünden darf man sich gerade in den Wochen vor einer Meisterschaft nicht erlauben.

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Mit Kardiotraining und einer strengen Diät reduzieren die Sportler dabei ihr Körperfett so, dass die Muskeln sichtbarer herausgearbeitet und definierter werden. Auf dem Essensplan des 28-Jährigen stehen täglich 170 Gramm Protein und lediglich 30 Gramm Kohlehydrate sowie 40 Gramm Fett. Seine Hauptnahrungsmittel: Hühner- und Putenbrust, Hüttenkäse, Magertopfen, Dorsch, Thunfisch, Lachs, Brokkoli, Sauerkraut und Eiweißshakes. „Ich koche selbst und wiege alles auf meiner Küchenwaage ab.“

Neben dem Kardio- steht auch jede Menge Krafttraining auf dem Programm. Rund 150 Minuten dauert ein Trainingsdurchgang pro Tag in den letzten Wochen vor der Meisterschaft, trainiert wird an vier Tagen in der Woche, denn: „Bodybuilding bedeutet Disziplin und Durchhaltevermögen.“

Der schwere Anfang

Kraftsport übt Kandov bereits aus, seitdem er 16 Jahre alt ist. „Aber ich habe nur trainiert und nicht auf die Ernährung geachtet.“ 85 Kilo bei einer Größe von 1,65 Meter hält er im Rückblick für zu viel. Nach der Matura zog es ihn zunächst zum Studium der Sportwissenschaften. Doch bei der Vorbereitungswoche zur Aufnahmeprüfung verletzte er sich an der Hüfte. „Daran war sicher mein Gewicht schuld.“

Von 2008 auf 2009 nimmt er dann in nur vier Monaten 20 Kilo ab. „Mit einer ketogenen Diät. Ich habe unzählige Bücher gelesen und gewusst, es geht nur über die Ernährung. Und natürlich Kardiotraining.“ Sich ketogen zu ernähren heißt, vor allem Proteine und Fette zu sich zu nehmen und auf Kohlehydrate an fünf bis sechs Tagen gänzlich zu verzichten. Inzwischen gönnt er sich in Zeiten, in denen kein Wettkampf unmittelbar bevorsteht, Wochenenden, an denen er untertags – nicht aber abends – etwas mehr Kohlehydrate zu sich nimmt. Das macht auch Schabbat-Essen etwas einfacher.

„Der Knackpunkt war dann BXR – Body-Xtreme Revolution, eine Art Starmania für Bodybuilder in Deutschland.“ Die Show wird im Internet augestrahlt – und Kandov ist begeisterter Zuseher. „Es war wie Tag und Nacht, wie die Leute ausgeschaut haben von Jänner bis April.“ Gelernt hat er dabei, dass es nicht nur um das Sichtbarmachen der Muskeln, sondern auch die Symmetrie des Körpers geht. So genannte „Disco-Pumper“ würden nur den Oberkörper trainieren und versuchen, mit Muskeln zu prahlen. Beim Wettkampf-Bodybuilding seien aber auch die Beine wesentlich, „weil die Proportionen und die Symmetrie eine ganz wichtige Rolle spielen“.

In der zweiten BXR-Staffel bewirbt sich Kandov – und kommt bis ins Finale. Kurz darauf nimmt er 2010 an den österreichischen Staatsmeisterschaften teil und gewinnt in der 70-Kilo-Klasse. Den Titel erringt er 2011 neuerlich. Was er inzwischen auch weiß: Ein bei Bodybuildern nach einem Wettkampf üblicher gemeinsamer Einfall bei Mc Donald’s oder in einer Pizzeria zerstört einen Monat harte Körperarbeit. „Der Körper speichert sofort Flüssigkeit und saugt alles auf wie ein Schwamm. Dann sind die Muskeln nicht mehr so gut zu sehen.“

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Fotos auf Kandovs reich bebilderter Website dokumentierten eine solche Fressattacke. „Unter uns Athleten nennen wir das: unsere wohl verdiente Belohnung.“ Kandov macht sich auf den Bildern mit seiner Gestik dabei ein Stück über sich selbst lustig. Sein Humor blitzt auch im Gespräch immer wieder durch, seine Augen strahlen lachende Wärme aus.

Kandov ist überzeugt, wesentlich gesünder zu leben als viele andere Mitglieder der Wiener bucharischen Gemeinde. „Da kämpfen die meisten mit Übergewicht.“ Schuld gibt er dabei auch den vielen Reisgerichten, die spätabends noch aufgetischt werden. Er verzichtet zudem gänzlich auf Zigaretten und Alkohol. Seine Einstellung ist nicht nur dem Bodybuilding geschuldet. Es macht ihn traurig zu sehen, wie sein Vater seine Gesundheit vernachlässigt. Diabetes und Rauchen haben diesem stark zugesetzt. Das will der Sohn nicht riskieren.

Großes Ziel Hollywood

Er hat außerdem in seinem Leben noch viel zu viel vor, als dass ihn sein Körper frühzeitig im Stich lassen dürfte. Kandov zieht es in die Filmwelt Amerikas. Nach dem Uni-Abschluss will er dort sein Glück versuchen. Schon jetzt verbringt er viel Zeit in New York bei seiner älteren Halbschwester und seinen beiden Nichten. Seine großen Vorbilder sind Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger. Sein Filmgeschmack geht allerdings insgesamt tiefer, er mag Filmklassiker aus den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren, insbesondere das Mafia-Genre, „alles mit Marlon Brando und Robert De Niro“. Seine Privatsammlung umfasst mehr als 1.200 Filme. Und er hat auch schon selbst bei Kurzfilmen mitgewirkt. Sein eigenes Kurzfilmprojekt trägt den Titel Devotion.

Der Liebe seines Lebens ist Kandov noch nicht begegnet. Geht es nach seiner Familie, sollte sie Bucharin sein. Ihm selbst ist nur wichtig, dass sie Jüdin ist; sie sollte jedoch Verständnis für das Bodybuilding und seine Ernährung haben, wiewohl er weiß, dass Wettkampf-Kraftsport und Familienleben nur schwer in Einklang zu bringen sind. „Wir müssen uns einfach ergänzen können. Ich sage aber, für mich muss eine Frau nicht kochen. Ich mache das selbst.“

Noch ist alles Zukunftsmusik. Sein Studium will er aber bis 2013 abgeschlossen haben. Bis dahin hat er wohl weitere Meistertitel geholt. Und lebt sein Judentum vielleicht noch bewusster als heute. „Mein Judentum ist mir schon wichtig. Und es tut mir jedes Mal weh, wenn ich am Samstag arbeiten muss.“

Von Jahr zu Jahr nimmt sich Michael Kandov aber etwas Neues vor, das er dann strikt einhält. So ist Rasieren am Schabbat für ihn seit Jahren tabu.

Zur Person

Michael Kandov, geb. 1983 in Wien als Sohn bucharischer Zuwanderer. Matura 2004, danach als Zivildiener in der Betreuung von Multiple-Sklerose-Patienten bei der Caritas socialis tätig. Zwei Jahre ausschließlich berufstätig (u. a. an der Rezeption eines Fitnesscenters), 2007 Beginn des Studiums Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Uni Wien. Kraftsport seit dem 17. Lebensjahr. 2010 Teilnahme an der deutschen Internet-Castingshow „Body-Xtreme Revolution“. 2010 und 2011 österreichischer Bodybuilding-Staatsmeister in der 70-Kilo-Klasse (Meisterschaften der Internationalen Amateur Bodybuilding und Fitness Föderation – IFBB). Derzeit Vorbereitung auf die Frühjahrsmeisterschaften 2012. Kandov ist ledig.

michaelkandov.com 

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