„Technologie steht im Zentrum“

Günther Schabhüttl vertritt als Wirtschaftsdelegierter seit sechs Jahren österreichische Unternehmen in Tel Aviv. Er zieht im Interview eine durchwegs positive Zwischenbilanz.

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Wer vertritt Österreich in Israel? Günther Schabhüttl wurde in Güssing im Südburgenland geboren. Er studierte an der FH in Eisenstadt mit einem Auslandssemester in Russland. Seit 2004 arbeitet er in der Außenwirtschaft Austria mit Stationen unter anderem in der Slowakei und in Lettland. Davor war er Projektmanager bei Porsche Austria. ©Reinhard Engel

Wina: Herr Schabhüttl, Sie sind jetzt seit sechs Jahren Wirtschaftsdelegierter in Israel. Was sind die größten Veränderungen in diesen Jahren? Als Sie gekommen sind, hat es diese und jene Probleme oder Herausforderungen gegeben. Was ist sechs Jahre später etwas anders, völlig anders oder gleich geblieben?
❙ Günther Schabhüttl: Es hat sich völlig verändert, und zwar in allen Belangen zum Positiven, egal ob man es jetzt an harten Zahlen festmacht oder an persönlichen, subjektiven Eindrücken. Alles hat sich massiv verbessert, und ich meine jetzt nicht wegen mir. Es ist ein Momentum entstanden, vor allem im Technologiebereich, das uns ermöglicht hat, Tel Aviv in Österreich ganz anders zu präsentieren, es hat uns auch ermöglicht, für diesen Markt ein Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten. Das hat uns ganz neue Möglichkeiten gegeben, österreichische Firmen anzusprechen.

Beginnen wir vielleicht bei den Zahlen und sprechen dann über einzelne Branchen.
❙ Bei den Exporten liegen wir derzeit bei 400 Mio. Euro, das bedeutet innerhalb der letzten sechs Jahre eine Verdoppelung. Dazu gehört das Brot- und Butter-Geschäft, die alten Stärkefelder, etwa Beiträge zur israelischen Infrastruktur. Renommierte Firmen sind jetzt noch sichtbarer aktiv, wie Strabag oder DOKA.

Was bedeutet das im regionalen Vergleich?
❙ Israel ist ein kleines Land, aber der erste Platz in der Region ist sich nur um ein Haar nicht ausgegangen.

Wer liegt davor?
❙ Die Vereinigten Arabischen Emirate. Aber Saudi-Arabien rangiert dahinter.

Das ist jetzt einmal der Export von Waren. Wie sieht es bei Dienstleistungen aus, etwa im Tourismus?
❙ Vor zehn Jahren hat es 257.000 Nächtigungen von Israelis in Österreich gegeben. Im letzten Jahr waren es 685.000. Das ist mehr als eine Verdoppelung, bis auf zwei Jahre waren die Wachstumsraten immer zweistellig. Ganz aktuell im ersten Quartal 2019 hat es bei den Ankünften eine Steigerung um 35 Prozent gegeben, bei den Nächtigungen um 27 Prozent. Diese hohen Zuwachsraten sind besonders eindrucksvoll, weil sie schon von einem hohen Niveau ausgehen.

»Es ist ein Momentum entstanden,
vor allem im Technologiebereich, das uns
ermöglicht hat, Tel Aviv in Österreich
ganz anders zu präsentieren.«

Und das sind nicht nur Skifahrer, das sind vor allem auch Sommerfrischler?
❙ Das bedeutet 2/3 Sommer, 1/3 Winter, vorwiegend Aktiv- oder Familienurlaube. Und besonders günstig ist dabei, dass die österreichischen und israelischen Feiertage meist nicht gleichzeitig sind, die Israelis kommen daher oft zur Vor- oder Nachsaison. Aber die Israelis konzentrieren sich dabei immer noch auf einige wenige Orte und Regionen. Das zeigt, dass es noch ein enormes zusätzliches Potenzial gibt. Eine Million Nächtigungen kann in drei, vier Jahren durchaus möglich sein.

Und wie sieht es umgekehrt aus, bei österreichischen Touristen in Richtung Israel?
❙ Auch diese Zahlen steigen permanent. Die Direktverbindung Wien–Eilat ist wieder aufgenommen worden. Zwischen Wien und Tel Aviv gibt es wöchentlich 40 Flüge. Sun d’Or fliegt zweimal wöchentlich Salzburg an. Israel und besonders Tel Aviv wurde in den letzten Jahren als Destination von den Österreichern gänzlich anders wahrgenommen. Israel ist Technologie, Tel Aviv ist Lebensfreude, Kulinarik, es geht eben längst weit über den klassischen Pilgertourismus hinaus.

Wenden wir uns einzelnen Branchen zu. Österreich ist gut im Export von Maschinen und Ingenieurdienstleistungen. In Israel war etwa die Bahn ein guter Kunde, immer auch ein Hoffnungskunde. Lange Zeit wurden Projekte verschleppt, jetzt wird wieder gebaut. Wie sieht es da derzeit für österreichische Unternehmen aus?
❙ Österreich ist absolut dabei. Es gibt etwa eine Kooperation zwischen den ÖBB und der Israelischen Bahn im Bereich Tunnelsicherheit. Gehen wir aber zu einem Projekt, das hier jeden beschäftigt, weil es während der Bauarbeiten massive Beeinträchtigungen beim Verkehr gibt, das U-Bahn-Projekt in Tel Aviv. Da ist etwa eine österreichische Planungsfirma beteiligt, die Schienen kommen von der Voestalpine, es gibt weitere unterschiedlichste Zulieferer.

Und das trotz des chinesischen Generalunternehmers?
❙ Ja, aber es kommt nicht alles aus China, er nimmt auch österreichische Produkte herein. Es gibt aber auch ganz andere Exporterfolge. Ich denke da etwa an eine österreichische Firma, die in israelischen Krankenhäusern die Kommunikation zwischen Patienten und Stationen einrichtet. Da würde man meinen, so etwas ist schwer in einheimischer Hand, und dennoch kommt ein österreichisches Unternehmen und stattet praktisch alle Krankenhäuser mit dieser Technologie aus. Ähnlich sieht es bei den Flughäfen aus, wo die Kommunikationseinrichtungen mit Software von einem österreichischen Unternehmen arbeiten.

Sie haben die Strabag erwähnt mit dem langen Wassertunnel. Gibt es darüber hinaus in der Baubranche noch aktuelle Großprojekte?
❙ Ja, es geht um eine so genannte mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage. Diese entsteht im Süden Tel Avivs als Gemeinschaftsprojekt der Strabag mit lokalen Partnern. Und es gibt österreichische Firmen, die beim Einbau von Filtern in Industrieanlagen oder Kraftwerken gefragt sind, weil auch in Israel die Grenzwerte verschärft werden, wegen der teils schlechten Luft, etwa in Haifa.

Das waren bisher durchwegs Beispiele aus der Industrie. Finden sich auch Exporterfolge kleinerer österreichischer Unternehmen?
❙ Ja, die gibt es. Ich denke etwa an ein Unternehmen aus Niederösterreich mit vielleicht sieben, acht Millionen Umsatz. Das erzeugt Paneele für die Innenausstattung für bessere Raumakustik in Großraumbüros, in Co-Working-Spaces. Ihr wichtigster Auslandsmarkt ist Israel, und sie statten hier einen großen Kunden nach dem anderen aus, da reden wir von sehr bekannten Unternehmen wie Google, booking.com oder Amazon.

Aber ist das jetzt ein besonders positiver Ausreißer? Ist der Markt insgesamt so aufnahmefähig und leicht zu bearbeiten?
❙ Es gibt immer wieder so erfolgreiche Überraschungen. Aber der Markt ist insgesamt sehr kompetitiv und durchaus anspruchsvoll. Die Kunden sind extrem gut informiert, kennen die Alternativen. Es ist sicher kein Markt für jeden, aber für immer mehr. Wir sehen das in unseren eigenen Zahlen, wir betreuen heute sicher um 30 Prozent mehr österreichische Unternehmen als noch vor einigen Jahren. Wir sehen eher wenige Firmenniederlassungen, der Markt wird nach wie vor durch lokale Vertreter bearbeitet.

Wo würden Sie noch Potenzial sehen?
❙ Im Industriebereich ganz stark, bei der Modernisierung israelischer Produktionsunternehmen. Man darf nicht vergessen, neben den beeindruckenden Erfolgen der Start-up- und IT-Branche gibt es eine traditionelle Industrie. Und die läuft teilweise mit einer ganz anderen Geschwindigkeit, hat oft erheblichen Nachholbedarf.

Die bekommen jetzt selbst Wettbewerbsdruck?
❙ Wettbewerbsdruck von der Konkurrenz, und auch neue Auflagen von der öffentlichen Hand, die die Standards verschärft.

Es hat in den letzten Jahren zahlreiche Berichte darüber gegeben, dass sich internationale Konzerne in Israel eingekauft haben, hier kleine Technologieunternehmen übernommen haben, die für sie Spezialaufgaben betreuen. Ich denke etwa an die Automobilindustrie: In Israel wird an Cyber Security im Fahrzeug oder am autonomen Fahren gearbeitet. Gibt es dazu ähnliche Beispiele aus Österreich?
❙ Die gibt es. Technologie steht in der überwiegenden Zahl der Anfragen im Zentrum, 80 Prozent unserer Beratungstägigkeit ist technologierelevant. Viele Unternehmen kommen hierher und schauen, was für sie neue Technologien sein könnten, suchen einschlägige Kontakte. Diese Aktivitäten können unterschiedlich intensiv sein. Das Maximum, das wir an einem österreichischen Beispiel sehen, ist der Grazer Industrieanlagenbauer Andritz. Dieser hat innerhalb von einem Jahr hier ein Unternehmen im Cyber-Bereich mit 50 Entwicklern hochgezogen.

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