Was alles noch ein Glück war …

Wie er Dem Buchewald-Häftling Robert Böhmer auf der Spur war und daraus ein Film wurde, erzählt dessen Sohn Ronaldo, den seine Freunde „Ronny“ nennen.

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Ronny Böhmer auf der Spur seines Vaters, dem KZ-Häftling Robert Böhmer. Screenshots aus dem Film: © Ronny Böhmer

Es ist eine Geschichte, wie sie viele der Nachgeborenen kennen. Solange die Eltern lebten, hat man sie nicht gefragt; wenn sie etwas erzählten, hat man nicht wirklich zugehört; und wenn man ehrlich ist, hat es einen damals, als man jung war, eigentlich auch nicht so brennend interessiert, das gibt Ronny Böhmer heute gerne zu. Doch ein zerknittertes Stück Papier, das wusste er, das trug sein Vater immer mit sich: aus Wien über die Stationen seiner Emigration bis nach Argentinien und dann schließlich wieder zurück nach Wien, in seine Geburtsstadt. Es war der Entlassungsschein des „Schutzhäftlings“ Robert Böhmer aus dem KZ Buchenwald.
Und als Ronny vor einigen Jahren mit seiner Familie eine Reise nach Leipzig und Weimar plante, wollte er gleichsam am Weg das nahe liegende Buchenwald bzw. die heutige KZ-Gedenkstätte aufsuchen. Eine Kopie des Entlassungsscheins hatte er vorab schon hin gesandt.
Was sich daraus ergab, vor Ort und aus seinen nachfolgenden Recherchen, das berichtet Ronny in einem etwa halbstündigen Film, den seine Tochter Lia aufgenommen hat. Zweimal hat er ihn bereits vor größerem Publikum präsentiert und ist damit auf großes Interesse gestoßen. Nachdem er auf YouTube gestellt wurde, hat ihn sogar das Filmarchiv Austria in sein Archiv aufgenommen.

»Was macht ein Häftling im KZ mit Krawatten?« 
Ronny Böhmer 

„Aktionsjude“. Wie in allen Überlebensgeschichten aus der NS-Zeit hat auch in dieser das so genannte Glück eine schicksalshafte Rolle gespielt, und dass es damals schon ein Glück sein konnte, verhaftet und nach Dachau geschickt zu werden, ergibt sich heute aus der historischen Rückschau.

Robert Böhmer. Geboren 1912 in Wien, wuchs er jüdisch, großbürgerlich und kaisertreu auf. Ab April 1939 überlebte er mehrere KZs. Screenshots aus dem Film: © Ronny Böhmer

Nach dem „Anschluss“ versprach der ehrgeizige Gauleiter Odilo Globocnik dem „Führer“, Wien binnen kürzester Zeit „judenrein“ zu machen. In einer der Abschreckung dienenden „Aktion“ wurden etwa 6.000 Juden nach Dachau transportiert, in der Hoffnung, die anderen Juden Wiens würden dann schnellstens freiwillig ausreisen. Robert Böhmer wurde als einer dieser so genannten „Aktionsjuden“ erst nach Dachau und einige Monate später von dort nach Buchenwald deportiert, wo er gemeinsam mit anderen „Aktionsjuden“ im April 1939 entlassen wurde. Ausgefolgt wurde ihm dabei seine gesamte spärliche Habe, penibel aufgelistet auf der „Effektenkarte“, auf der unter anderem „2 Binder“, also Krawatten verzeichnet waren. Bei der Einlieferung war es kurioserweise nur einer gewesen. „Aber was macht ein Häftling im KZ überhaupt mit Krawatten?“ Das ist nur eine der Fragen, die sich Ronny heute stellt. Auch die „Schreibstubenkarte“ und eine Art Kontoblatt, das Einnahmen und Ausgaben vermerkte – „mein Vater war in Relation zu anderen Häftlingen ein reicher Mann“ – gehört zu den erstaunlichen Dokumenten, die sich beim „International Tracing Service“ im deutschen Bad Arolsen fanden. Allesamt Zeugen der bürokratisch höchst präzisen Verwaltung des mörderischen Systems.

Sammelkuvert. Darin befanden sich die Dokumente Robert Böhmers, die ihm im KZ ausgestellt wurden. Screenshots aus dem Film: © Ronny Böhmer

Robert Böhmer ist zwar nicht unbeschadet, aber doch noch einmal davongekommen. „In Wien wäre er sicherlich erst in eine Sammelwohnung und später vielleicht nach Auschwitz gekommen“, ist der Sohn heute überzeugt. Nach seiner Entlassung ging der Vater in Wien zunächst zur „Fuß- und Handpflege“ und danach zur Auswanderungsstelle, wo ihn ein Beamter mit den Worten „Nehmen Sie Platz, Herr Böhmer“ empfing. Es war Adolf Eichmann. Nach dem KZ habe er diese höflichen Worte „wie ein neues Leben“ empfunden, an diese verblüffende Erzählung des Vaters kann sich Ronny gut erinnern.
Das neue Leben sollte dann doch noch etwas auf sich warten lassen, aber schließlich ist Robert Böhmer in Buenos Aires vom Schiff gestiegen und dort geblieben. Er hat eine Berliner Jüdin, Ronnys Mutter, geheiratet und zwei Söhne bekommen. 1954 wollte er mit der Familie dann „für zwei Jahre“ nach Wien zurück, um seiner Mutter beim Schuhgroßhandel, den sie restituiert bekamen, zu helfen. „Meine Eltern sind noch immer da, allerdings auf dem Friedhof.“ Robert Böhmer war 1960 ein Mitbegründer der Bnai-Brith-Loge in Wien und im Vorstand der Hakoah, womit er in die Fußstapfen seines Vaters trat, der bereits vor dem Krieg Präsident der Hakoah-Sektion Ski & Touristik gewesen ist. „In der Hakoah-Hütte am Semmering erinnert eine Plakette noch immer an meinen Großvater Rudolf Böhmer, der den ersten Spatenstich zur Hütte gemacht hatte.“

„Den Frieden haben wir leider nicht geschafft.“
Evelyn Böhmer-Laufer und Ronny Böhmer organisieren heuer den 17. peacecamp in Lackenhof. Foto: © Markus Neubauer, 2015 / helden-von-heute.at

Israel und retour. Ronny hat in Wien Welthandel studiert und seine Karriere bei der IBM gestartet. Nach mehreren beruflichen und privaten Stationen „lief ich wieder der Evelyn über den Weg“. Die beiden kannten einander seit Jugendtagen, waren wechselseitig bei ihren ersten Hochzeiten zu Gast gewesen – und beide frisch geschieden. Evelyn Laufer lebte gerade als Psychotherapeutin in Jerusalem, und so zog der Jugendfreund 1988 zu ihr nach Israel. Der Entschluss fiel ihm leicht, denn „ich hatte gerade keinen Job, keine Wohnung und nicht einmal ein Auto“.
1991 kam das Paar nach Wien zurück, und Ronny landete schließlich als „Mädchen für alles“ in der Immobilienkanzlei von Ariel Muzicant. Vor zehn Jahren ging er in Pension.

Gewaltfrei und friedlich. Evelyn und Ronny verbindet man heute vor allem mit dem peacecamp, das arabische und jüdische Jugendliche jeden Sommer für einige Tage in Österreich zusammenbringt. „Es sollte ein einmaliges Ereignis sein, und jetzt machen wir mit 32 Jugendlichen in Lackenhof am Ötscher gerade das 17. peacecamp! Ursprünglich war es Evelyns Idee, jetzt ist es unser beider Projekt. Den Frieden haben wir leider nicht geschafft.“
Gerne, sagt er, würde er den Film über seinen Vater wieder vor Publikum zeigen und hat auch bereits Kontakt mit Schulen aufgenommen. Routine ist es für ihn noch nicht, wie man nach der Filmpräsentation im Republikanischen Club erleben konnte. Da kämpfte Ronny ganz unerwartet und plötzlich mit den Tränen. Wie es zu diesem emotionalen Moment kam, kann er sich selbst nicht erklären. „Es war in dieser Art das erste Mal. Im Film bin ich eher sachlich, wie es ja auch die Dokumente sind, die der Auslöser für meine Recherchen waren.“


peacecamp
Ist ein psychotherapeutisch-pädagogisches Modell zur Friedenserziehung. Es bringt seit 2004 jährlich Jugendliche und seit 2016 auch Schutzsuchende für zehn Tage zusammen und bietet ihnen Raum für eine Begegnung mit sich und anderen. peacecamp will jüdische und palästinensische Jugendliche aus Israel befähigen, für den scheinbar unlösbaren Konflikt der beiden Völker besseres Verständnis und gewaltfreie, auf Empathie basierende kreative Lösungsansätze zu entwickeln und sich als mündige BürgerInnen in ihrem Lebensraum einzubringen.
Ein Team aus etwa 14 Erwachsenen – PädagogInnen, KunsttherapeutInnen, TraumatherapeutInnen, ein Gruppenanalytiker und ein Video-Filmemacher – begleitet die Jugendlichen durch das peacecamp. Insgesamt nahmen bisher etwa 700 Personen am Modell peacecamp teil.
2019.peacecamp.net

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