Zu früh frohlockt

In der Sozialdemokratie spielten Vordenker wie Otto Bauer oder Hugo Breitner eine wichtige Rolle. Obwohl sie selbst assimiliert lebten, wurde ihnen von außen ihre Herkunft vorgehalten. Auch das Gros der Wiener Jüdinnen und Juden begrüßte das Rote Wien. Gleichzeitig wurde von den Christlich-Sozialen der Antisemitismus massiv geschürt. Das Wien Museum beleuchtet aktuell die fortschrittlichen gesellschaftlichen Entwicklungen in Wien von 1919 bis 1934.

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Kampf für den Fortschritt. Plakat für den Wahlkampf 1932. © Wien Museum; VGA; Fritz Sauer

Der von Karl Lueger von 1897 bis 1910 als Wiener Bürgermeister geschürte Antisemitismus setzte seine Wirkung auch nach seiner Amtszeit fort. „Nach dem Schlagworte ‚nieder mit den Juden‘, unter dem das Wiener Judentum seit Beginn des christlich-sozialen Regimes bis auf den heutigen Tag zu leiden hat, wurde in den Ämtern vorgegangen“, war in der Ausgabe von Dr. Bloch’s Wochenschrift (dem „Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums“) vom 9.  Mai 1919 zu lesen. Und weiter: „Wir Juden in der Diaspora sind nirgends in der Welt verwöhnt worden, außer platonischer Sympathien einzelner Kreise konnten wir uns leider nie einer werktätigen Unterstützung seitens der großen Weltnationen erfreuen, aber die Art und Weise, wie die Christlich-Sozialen Wiens uns gegenüber ihr Programm ein Vierteljahrhundert hindurch ausführten, steht einzigartig in der modernen Weltgeschichte da. Alles was zur Wiener Kommune zählte, wurde vom Judentum gesäubert. Die Zahl der Präterierungen jüdischer Lehrer und Lehrerinnen, die dadurch wirtschaftlich und moralisch aufs tiefste geschädigt wurden, ist eine besonders erkleckliche. Jüdische Kommunalbeamte, die ihren Dienst gewissenhaft und mit Intelligenz ausübten, wurden bedingungslos entlassen.“

Kritik anderer Parteien an Breitner
und seiner Steuerpolitik fiel entsprechend
auch immer wieder massiv
antisemitisch aus.

Insofern überrascht es nicht, dass der Sieg der Sozialdemokraten von vielen Wiener Juden und Jüdinnen begrüßt wurde. „Das Wiener Judentum erfüllt es daher mit Genugtuung, dass sich das Wiener Volk am 4. Mai von den bisherigen Machthabern in Stadt und Land lossagte, diese Lossagung ist eine derart gründliche, dass wohl die Befürchtung ganz ausgeschlossen erscheint, dass jemals wieder eine Partei von der Brutalität der Christlich-Sozialen in Wien zur Macht gelangen könnte.“ Mit dieser Einschätzung lag Dr. Bloch’s Wochenschrift im historischen Rückblick zwar gänzlich falsch. Aber sie illustriert die Stimmung nach dem Urnengang von 1919. „Wenn man das Ergebnis der Wiener Gemeinderatswahlen von dem Standpunkte der neuen Wahlordnung und Wahlgeometrie beurteilt, so müssen wir Juden mit demselben zufrieden sein“, schrieb die Zeitung. Freudig formulierte auch die Jüdische Korrespondenz: „Die Juden Wiens begrüßen natürlich den Zusammenbruch der antisemitischen Herrschaft mit großer Freude.“

Ein Blick auf das Amalienbad anno 1926. ©Wien Museum; VGA; Fritz Sauer

Es wird angenommen, dass die Hälfte der Wiener Juden und Jüdinnen bei den Wahlen nach dem Ersten Weltkrieg bis 1923 sozialdemokratisch wählten und danach bis zu 70 beziehungsweise sogar 90 Prozent, führt Gerhard Milchram, Kurator im Wien Museum, in einem Beitrag zum Ausstellungskatalog Das Rote Wien aus. Dieses Wahlverhalten sei aber nicht den tatsächlichen politischen Vorlieben geschuldet gewesen, denn gemessen am hohen Anteil der Selbstständigen wäre es wahrscheinlicher gewesen, eine Mehrheit hätte konservativ oder liberal gewählt (so war dies auch bei den Wahlen innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde der Fall).

Breitner-Steuern. Finanzstadtrat Hugo Breitner besteuerte Luxus für die Finanzierung der Gemeindebauten. © Wien Museum; VGA; Fritz Sauer

Die Sozialdemokraten waren allerdings die einzige große Kraft, die Antisemitismus offiziell ablehnte. Im Hainfelder Programm hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs 1888/89 festgehalten, dass die Partei „für das gesamte Volk ohne Unterschied der Nation, der Rasse und des Geschlechtes die Befreiung aus den Fesseln der ökonomischen Abhängigkeit, die Beseitigung der politischen Rechtlosigkeit und die Erhebung aus der geistigen Verkümmerung“ anstrebe. Und der spätere Wiener Bürgermeister Jakob Reumann betonte in einer Versammlung in den 1890er-Jahren: „Die Sozialdemokraten sind den Antisemiten gegenüber auf einem vorgeschritteneren Standpunkt, weil sie das internationale, interconfessionelle Capital bekämpfen. Die Sozialdemokraten bekämpfen jüdisches und christliches Kapital, die Antisemiten nur das jüdische, um es einstecken zu können.“

Das Kapital wurde also be- und für eine solidarischere Gesellschaft gekämpft. Als revolutionär sollte sich später Wiens Wohnbaupolitik herausstellen. Sie wurde erst durch die Steuerpolitik des Finanzstadtrats Hugo Breitner möglich gemacht. Die „Breitner-Steuern“ setzten statt auf indirekte Massensteuern, die alle trafen, auf die Besteuerung von Luxus wie den Besitz von großen Wohnungen, Villen, Rennpferden oder Autos oder den Besuch von Bars, Bordellen, Kabaretts und Ähnlichem. Die Wohnbausteuer traf zwar alle, wurde aber progressiv gestaltet. Kritik anderer Parteien an Breitner und seiner Steuerpolitik fiel entsprechend auch immer wieder massiv antisemitisch aus. Innerhalb der Sozialdemokratie konnte er mit seinen Konzepten aber punkten.

»Es ging darum, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Ein orthodox gekleideter Jude war daher sicher auch für die Sozialdemokratie ein Ärgernis – nicht, weil er Jude war, sondern weil er religiös war.«

Zum Fortschritt gehörte neben der Bekämpfung des Kapitals auch das Überwinden von Religion – von jeglicher Religion, wie Milchram im Gespräch mit WINA festhält. So ist auch ein Formular einzuordnen, das Eltern jüdischer Schüler von der Wiener Sozialdemokratie vorgelegt wurde, mit dem diese ihre Kinder vom „mosaischen Religionsunterricht“ abmelden konnten/sollten. „Die Lehren desselben stehen im Widerspruche mit der in meiner Familie herrschenden Auffassen von Naturereignissen und Menschenrechten und sind auch keinesfalls geeignet, Kinder sittlich zu beeinflussen und zu aufrechten Republikanern zu erziehen“, lautete die Begründung auf diesem Formular. Die Motivation sei hier nicht antisemitisch gewesen, so der Experte. „Die Sozialdemokratie sah von ihrer eigenen Identität, von ihrem Ansatz her Religion als etwas Überkommenes, das es zu überwinden galt. Es ging darum, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Ein orthodox gekleideter Jude war daher sicher auch für die Sozialdemokratie ein Ärgernis – aber nicht, weil er Jude war, sondern weil er religiös war.“

Medizin für jedermann. Lungenheilstätte auf der Baumgartner Höhe um 1926. © Wien Museum; VGA; Fritz Sauer

Innerjüdische Spannungen. Insofern ist es auch stimmig, dass Juden in der Partei Karriere machten – wenn sie denn assimiliert lebten oder sich bereits völlig vom Judentum abgewandt beziehungsweise dieses hinter sich gelassen hatten. Wie die Aufklärung auch innerhalb des Judentums einen Aufbruch schuf, sahen hier nun viele Juden die Möglichkeit, durch die Sozialdemokratie Teil der Gesellschaft zu werden. „Wenn ich das Judentum aufgebe, bin ich nicht mehr erkennbar, bin Teil einer aufgeklärten Gesellschaft und gleichzeitig auch eine wesentliche Belastung losgeworden“, umreißt Milchraum die Motivation, sich von der Religion abzuwenden. „Nur tragischerweise funktionierte es nicht. Denn die Identität ist nicht nur Eigenzuschreibung, sondern auch die Zuschreibung von außen. Genau das passierte assimilierten Sozialdemokraten. Durch antisemitische Angriffe wurden sie wieder auf ihr Judentum gestoßen.“

Kreativität fördern. Kinder der Jugendkunstklasse von Franz Cizek um 1930. © Manuela Mark/Wien Museum

Milchram ortet hier auch ein Versagen der Sozialdemokratie selbst, denn diese habe sich zwar nicht in ihrem Parteiprogramm, aber doch an ihren Rändern auch zu Antisemitismus hinreißen lassen. „Und diese Einlassungen auf den antisemitischen Diskurs war ein Fehler.“ So versuchte zum Beispiel der sozialdemokratische Landeshauptmann von Niederösterreich und Wien, Albert Sever, 1919 die Ausweisung von jüdischen Kriegsflüchtlingen amtlich zu verordnen. „Damit reihte sich auch die Sozialdemokratie in den allgemeinen antisemitischen Konsens gegen die ‚Ostjuden‘ in der Zeit der Entstehung der österreichischen Demokratie ein“, schreibt Milchram in einem seiner beiden Katalogbeiträge.

Ansichten einer Ausstellung. Das Rote Wien führt an viele Originalschauplätze wie z.B. den Karl-Marx-Hof. © Manuela Mark/Wien Museum

Gleichzeitig gibt der Experte zu bedenken: Spannungen zwischen den verschiedenen jüdischen Gruppierungen waren auch innerhalb der jüdischen Gemeinde zu spüren. Und gerade assimilierte Juden empfanden nicht selten so genannte Ostjuden als Bedrohung. „Diese entsprachen dem antisemitischen Zerrbild oder kamen diesem sehr nahe. Und dann stand die Frage im Raum: Wie hielt es der assimilierte Jude mit seinem Judentum? Das war die unausgesprochene Gretchenfrage, und sie machte das liberale assimilierte Judentum nervös.“
Mitzudenken seien in diesem Kontext auch innerjüdische Angriffe auf „Galizianer“. Mit jüdischem Selbsthass hätten diese nichts zu tun gehabt, betont Milchram. „Die ‚Wiener‘ empfanden Auftreten und Verhalten der ‚Galizianer‘ als Peinlichkeit und hielten sich nach Möglichkeit von ihnen fern. Sie waren getrieben von der Furcht, die Bevölkerung könnte nicht zwischen modernen ‚deutschen Juden‘ und rückständigen ‚polnischen Juden‘ unterscheiden. Gleichzeitig fürchtete man um die eigene Assimilation und dass die Anwesenheit der ‚Galizianer‘ den Antisemitismus durch scheinbar rationale Gründe noch weiter befeuern würde.“
Am Ende sollte es weder den Breitners und Bauers noch allen anderen Juden und Jüdinnen nutzen, dass sie sich in moderne Zeiten stürzten und die Welt der Vorväter hinter sich ließen. So ist auch heute, nach der Schoah, der Zugang der Wiener Sozialdemokraten zum Judentum und zur jüdischen Gemeinde ein völlig anderer als in den 1910er- bis 1930er-Jahren. Und, auch das sei festgehalten, auch die ÖVP bedient sich nicht des Antisemitismus, den die Christlich-Sozialen nicht nur unter Lueger, sondern auch in der Zwischenkriegszeit unverhohlen zur Schau stellten.
Das Rote Wien wurde dabei auch als „jüdische Schöpfung“ verunglimpft, die Arbeiterpartei insgesamt als „Judenpartei“, aber auch als „Judenschutzpartei“ beschimpft und damit im politischen Diskurs abgewertet. „Jüdisch“ war ein Schimpfwort, und man war nicht zimperlich, es einzusetzen. So ist auch das ernüchternde Fazit Milchrams in Bezug auf die Sozialdemokratie zu verstehen: „Die Partei konnte sich in dem Bestreben, so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten, nie zu einem entscheidenden Kampf gegen den Antisemitismus durchringen.“



Ausstellung Das Rote Wien. 1919–1934

bis 19. Jänner 2020 im Wien Museum, MUSA, Felderstraße 6–8, 1010 Wien
Ein umfangreiches Rahmenprogramm führt an viele Originalschauplätze des Roten Wien, von der Freihofsiedlung bis zum Karl-Marx-Hof, vom Kongressbad bis zum Vorwärts-Haus.
wienmuseum.at

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