„Menschen suchen gerne nach einfachen Antworten“

Hannah Lessing ist Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus seit seiner Gründung 1995.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Seit Kurzem läuft die Ausstellung DIE STADT OHNE. Juden Muslime Flüchtlinge Ausländer, an deren Eröffnung du beteiligt warst. Warum wirken Vergleiche zwischen Antisemitismus und Islamophobie derart polarisierend?

Hannah Lessing: Weil der undifferenzierte Vergleich eine Relativierung bedeutet. Sowohl beim Antisemitismus als auch bei der Islamophobie geht es um die pauschale Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen. Man muss aber vorsichtig sein damit, aus einigen Parallelen allzu weitreichende Schlüsse zu ziehen, auch wenn dies verführerisch erscheint – Menschen suchen gerne nach einfachen Antworten. Islamophobie ist nicht der neue Antisemitismus. Antisemitismus gibt es heute nach wie vor, mag er auch in einem anderen Gewand daherkommen, mögen auch seine Botschaften heute versteckt, in codierter Form verbreitet werden. Islamophobie hat ihre eigenen Ursachen, die man gesondert beurteilen muss.

Welchen Mehrwert hat ein differenzierter Vergleich, wie er in ebendieser Ausstellung zu sehen ist?
Ein differenzierter Vergleich – das bedeutet näher hinzusehen, es schärft den Blick:  Indem wir anhand der Szenen des Films [Die Stadt ohne Juden von 1924, Anm. d. Red.] die Mechanismen beobachten, die damals wirksam wurden, lernen wir, gleiche oder ähnliche Mechanismen im Heute deutlicher zu erkennen: wie ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt werden; wie Manipulationen, populistische Tricks und Halbwahrheiten in Politik und Medien die gesellschaftliche Spaltung vorantreiben können; was es mit den Menschen macht, und wohin dies alles führen kann …

Im Rahmen deiner politischen Funktion kommst du aber auch mit Personen in Kontakt, die sich solcher Methoden bedienen – und musst auch mit ihnen arbeiten. Wie geht es dir damit, und inwieweit kannst du solche Begegnungen ins Positive wenden?
Sicher ist meine Funktion eine zutiefst politische. Versteht man unter „Politik“ das Ringen um eine gute, gerechte Ordnung für alle, so sehe ich mich verpflichtet, diesem Ringen nicht auszuweichen. Es ist mir wichtig, gerade mit denen zu reden und die zu erreichen, die meine Weltsicht nicht teilen. Den Gespenstern der Vergangenheit müssen wir die Stimmen der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entgegenhalten – und immer wieder daran erinnern, wie mühevoll errungen und verletzlich die Freiheit ist, in der wir heute leben. Das mag nicht immer einfach sein, auch nicht immer erfolgreich, doch ist und bleibt in einer Demokratie das Wort unsere beste Waffe.

»Wir müssen immer wieder daran erinnern,
wie mühevoll errungen und verletzlich die Freiheit ist,
in der wir heute leben.«

 

Im Laufe der sieben Jahrzehnte seit der Schoah hat die Republik Österreich sich langsam, aber stetig ihrer Mitverantwortung gestellt. Es wurde restituiert, entschädigt, wiedergutgemacht – sofern eine Wiedergutmachung der Gräuel der Nazizeit überhaupt möglich ist. Vor welchen Herausforderungen steht der Nationalfonds heute?
Wiedergutmachung ist in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus ein vielstrapazierter Begriff, oft nicht viel mehr als eine sinnentleerte Worthülse. Und es ist eigentlich ein Ausdruck des Unmöglichen: Denn es kann eben nichts wiedergutgemacht werden. Das weiß ich von den tausenden Überlebenden, die in den letzten 23 Jahren zu uns in den Nationalfonds gekommen sind, und das weiß ich auch nur zu gut aus meiner eigenen Familiengeschichte: Keine Zahlung kann meinem Vater die ermordete Mutter oder mir die Großmutter zurückbringen, nichts kann „wieder gut“ werden in dem Sinne, dass wir einen ursprünglichen Zustand wiederherstellen, das Rad der Zeit zurückdrehen und all das Grauen ungeschehen machen könnten.

Dennoch wurden mit den erfolgten Restitutions- und Entschädigungsmaßnahmen wichtige Zeichen gesetzt. Die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, weisen vor allem in die Zukunft: Die Zeit des Nationalsozialismus ist eine so besondere Epoche, weil wir aus ihr viel für die Gegenwart und Zukunft lernen können – über Mechanismen von Macht und Ausgrenzung, über das Wesen von Massenbewegungen, über die Verantwortung des Individuums in der Gesellschaft. Noch gibt es unter uns Menschen, die uns diese Erfahrungen vermitteln und die wir fragen können. Doch wir stehen an einer Zeitenwende, die Stimmen der Überlebenden werden leiser und leiser. Wenn sie einmal verklungen sind, soll ihr Vermächtnis weiterbestehen. Es ist ein Geschenk über die Generationen hinweg. Dieses Weitertragen der Erinnerung ist eine der wichtigsten Aufgaben des Nationalfonds für die Zukunft.

Auch der Staat Israel ist inzwischen in die Jahre gekommen. Was wünschst du ihm zum siebzigsten Geburtstag? Und was würdest du dir von ihm wünschen?
Ich wünsche Israel vor allem eines: Schalom – Frieden.

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